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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Ulysses
1922
– Werkseintrag –

Ulysses

1922 · Roman

Ein einziger Tag im Dublin des Jahres 1904, erzählt aus dem Inneren der Köpfe – der Roman, der die moderne Erzählkunst neu erfunden hat.

Überblick

Der Roman gilt als Schlüsselwerk der literarischen Moderne. Er war richtungsweisend für den modernen Roman überhaupt. James Joyce schildert in 18 Episoden einen einzigen Tag im Leben des Dubliner Anzeigenakquisiteurs Leopold Bloom: den 16. Juni 1904. Die Anlehnung an Homers Odyssee verwandelt die Irrfahrten des griechischen Helden in die Wege eines unscheinbaren Mannes durch eine Großstadt. Erstmals in der Romangeschichte wird der innere Monolog zum tragenden Gestaltungsmittel. Gemeint ist der ungeordnete, bruchstückhafte Bewusstseinsstrom. Das vollständige Werk erschien 1922 in Paris bei Shakespeare and Company. Die erste deutsche Übersetzung folgte 1927.

Inhalt (ohne Spoiler)

Dublin, 16. Juni 1904. An diesem einen Tag begleitet der Roman drei Menschen: den jungen Lehrer und Möchtegern-Dichter Stephen Dedalus, den Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom und dessen Frau Molly. Stephen verlässt am Morgen den Martello-Turm bei Sandycove, wo er mit dem spöttischen Buck Mulligan und dem Engländer Haines wohnt. Er unterrichtet kurz an einer Schule und wandert dann am Strand von Sandymount entlang. Dabei treiben ihn Gedanken an seine kürzlich verstorbene Mutter und an die eigene Heimatlosigkeit.

Zur selben Stunde bereitet Bloom in der Eccles Street 7 das Frühstück. Er kauft eine Schweineniere und bringt seiner Frau die Post ans Bett, darunter einen Brief ihres Liebhabers Blazes Boylan. Dann macht er sich auf den Weg in die Stadt. Er holt unter einem Decknamen einen Liebesbrief von der Post ab, kauft eine Zitronenseife und fährt mit der Kutsche zu einer Beerdigung. Stephens und Blooms Wege kreuzen sich an diesem Tag immer wieder zufällig in den Straßen, Zeitungsredaktionen, Kneipen und am Strand der Stadt. Erzählt wird das alles nicht nur als äußere Handlung. Vor allem geht es um das, was den Personen gerade durch den Kopf geht.

Die Handlung im Detail

Es ist gegen acht Uhr am Morgen, als Stephen Dedalus auf der Brüstung des Martello-Turms in Sandycove, etwa vierzehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, zu seinem Mitbewohner Buck Mulligan tritt. Mulligan, ein selbstverliebter Versemacher, stichelt unablässig, und Stephen, noch erschüttert vom kürzlichen Tod seiner Mutter, zieht sich in mürrische Introvertiertheit zurück. Im Turm nächtigt auch der wohlhabende Engländer Haines, dessen freundlich-überheblicher Kolonialblick Stephen ebenso bedrückt wie Mulligans Hohn. Nach einem kargen Frühstück gehen Haines in die Bibliothek und Mulligan ins Meer; Stephen macht sich allein auf den Weg und weiß bereits, dass er am Abend nicht zurückkehren wird. Wie Telemachos bricht er auf, um – im übertragenen Sinne – einen Vater zu suchen.

Im zweiten Kapitel unterrichtet Stephen Geschichte an einer Schule. Nach der Stunde hilft er dem schüchternen Schüler Cyril Sargent bei Mathematikaufgaben und erkennt in ihm sein eigenes Kind-Ich wieder. Beim Schulleiter Mr. Deasy, einem patriotischen, unverhohlen antisemitischen Mann, holt er sich sein Gehalt und muss sich lange Auslassungen über Sparsamkeit, die Rinderseuche und den Sinn des Lebens anhören. Deasy gibt ihm einen Leserbrief über die Maul- und Klauenseuche mit, den Stephen an Zeitungsredakteure weiterreichen soll – ein Bezug auf englische Embargopolitik gegen Irland.

Das dritte Kapitel führt Stephen an den Strand von Sandymount. Sein Spaziergang hat kein Ziel, eine Rückkehr in den Turm kommt nicht in Frage, ein anderes Zuhause hat er nicht. Er beobachtet einen Hund, der auf einen Hundekadaver trifft, denkt darüber nach, seine Tante zu besuchen, verpasst aber im Nachsinnen die Abzweigung. Schließlich schreibt er einige Gedichtzeilen und sieht am Horizont einen Dreimaster heimwärts ziehen – ein Bild dafür, dass er selbst in Dublin keine Heimat mehr findet.

Mit dem vierten Kapitel beginnt zur gleichen Morgenstunde der Tag des Leopold Bloom in der Eccles Street 7. Er kauft beim Metzger Dlugacz eine Schweineniere, brät sie, bringt seiner Frau Molly das Frühstück und die Morgenpost ans Bett. Darin ist ein Brief ihres Liebhabers Blazes Boylan, den Molly rasch unter das Kissen schiebt. Bloom liest in der Küche einen Brief seiner Tochter Milly, erleichtert sich danach mit der Zeitung im Klohäuschen im Hof und denkt schon an die Beerdigung, zu der er am Vormittag muss.

Im fünften Kapitel beginnt seine Wanderung durch Dublin. Unter dem Pseudonym „Henry Flower“ holt er auf dem Postamt einen Brief seiner heimlichen Brieffreundin Martha ab, in dem eine zerdrückte gelbe Blume liegt. Er kauft in Sweny’s Drogerie eine Zitronenseife, deren Duft ihn den Rest des Tages begleiten wird. Durch ein Missverständnis glaubt der Bekannte Bantam Lyons, Bloom habe ihm einen Tipp für das nachmittägliche Pferderennen gegeben. Das Kapitel klingt aus in der Vorfreude auf ein Bad und in einer ruhigen, narzisstischen Betrachtung des eigenen Körpers im Wasser.

Im sechsten Kapitel fährt Bloom mit der Kutsche zur Beerdigung. Mit ihm im Wagen sitzt Stephens Vater Simon Dedalus. Bloom erblickt Stephen auf der Straße – die Wege der beiden Hauptfiguren kreuzen sich zum ersten Mal an diesem Tag – und macht Simon auf den Sohn aufmerksam. Das Gespräch der Passagiere kreist um den Tod, um Arten des Sterbens und um Begräbnisse.

In den folgenden Episoden setzt sich Blooms Tag durch Redaktionen, Kneipen, Bibliothek, Entbindungsklinik und Nachtviertel fort, immer wieder gekreuzt von Stephens Wegen, bis sich die beiden gegen Ende des Tages tatsächlich begegnen und Bloom den jungen Mann eine Weile unter seine Obhut nimmt. Den Schlusspunkt setzt der berühmte Monolog von Blooms Frau Molly, die im Bett liegend in ihren Gedanken auf ihr Leben, ihre Liebhaber und ihren Mann zurückblickt – acht lange Sätze ohne Satzzeichen, die den Leser unmittelbar an ihrem Bewusstsein teilnehmen lassen.

Stil

Die zentrale Neuerung ist der innere Monolog. Er wird hier erstmals tragendes Gestaltungselement eines Romans. Joyce schildert nicht nur das äußere Geschehen, sondern den ungeordneten Strom der Gedanken, Assoziationen, Erinnerungsfetzen und Vorstellungen seiner Figuren – „wie es der Person gerade durch den Kopf geht“. Der Wechsel zwischen Wahrgenommenem und Gedachtem erfolgt oft unangekündigt. Er wird dem Leser erst im Nachhinein bewusst.

Die Sprache passt sich genau der Person an, deren Bewusstsein gerade verfolgt wird. Denkt der Intellektuelle Stephen Dedalus, hebt sich das Niveau, lateinische Zitate fließen ein, der Satzbau wird kompliziert. Richtet sich die Aufmerksamkeit auf drei junge Mädchen am Strand, nimmt der Text den Ton einer spätviktorianischen Liebes-Schmonzette an.

Joyce treibt diese Verwandlungsfähigkeit der Sprache bis ins Äußerste. Das siebte Kapitel („Äolus“) ist vollständig in Form kurzer Zeitungsartikel mit Schlagzeilen verfasst. Im vierzehnten Kapitel („Die Rinder des Sonnengottes“) bildet der Text das Wachstum eines Kindes im Mutterleib sprachlich nach. Dazu durchläuft er die gesamte Entwicklung der englischen Sprache: vom Altenglischen des Beowulf über Mandeville, Defoe, Sterne, Gibbon, Carlyle, Ruskin und Wilde bis zur modernen irisch-englischen Umgangssprache. Mit der Geburt des Kindes bricht die Gossensprache hervor. Der Schlussmonolog Mollys schließlich besteht aus acht langen Sätzen ganz ohne Interpunktion.

Über all dem liegt das durchgehende Korrespondenzsystem zur Odyssee Homers. Jede Episode bekommt ein antikes Vorbild, ein Organ, eine Farbe, eine Wissenschaft, ein Symbol und eine eigene Erzähltechnik zugeordnet.

Rezeption

Der Roman gilt als das bedeutendste Werk seines Autors und als richtungsweisend für den modernen Roman. Mit der Einführung des Bewusstseinsstroms als zentralem Gestaltungsmittel hat er die Erzählkunst des zwanzigsten Jahrhunderts nachhaltig geprägt. Das vollständige Werk erschien 1922 in Paris bei Shakespeare and Company. Die erste deutsche Übersetzung folgte 1927. Der 16. Juni, an dem die Handlung spielt, wird bis heute weltweit als „Bloomsday“ gefeiert. Verfilmungen entstanden 1967 unter der Regie von Joseph Strick und 2003 als Bloom von Sean Walsh.

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