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Cover Ein Porträt des Künstlers als junger Mann
Ein Porträt des Künstlers als junger Mann
1916
– Werkseintrag –

Ein Porträt des Künstlers als junger Mann

1916 · Roman

Ein junger Ire wächst zwischen strenger Jesuitenschule, Schuldgefühlen und künstlerischer Sehnsucht heran und sucht den Weg zu sich selbst.

Überblick

Der Roman Ein Porträt des Künstlers als junger Mann des irischen Schriftstellers James Joyce schildert den Lebensweg eines jungen Künstlers von der Kindheit bis in die Studienzeit. Im Mittelpunkt steht Stephen Dedalus und seine Auseinandersetzung mit der katholischen Erziehung, an deren Ende der Entschluss steht, Irland zu verlassen. Das Werk erschien 1914/1915 in Fortsetzungen in der Zeitschrift „The Egoist" und kam am 29. Dezember 1916 erstmals als Buch heraus. Die erste deutschsprachige Übersetzung von Georg Goyert wurde 1926 veröffentlicht. Es gilt als einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts und bildet den ersten Teil der Stephen-Dedalus-Geschichte, die Joyce später in Ulysses fortführte.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht Stephen Dedalus, der Sohn einer irischen Familie in Dublin. Schon als kleiner Junge erlebt er die strenge Welt der von Jesuiten geführten Internatsschule Clongowes Wood College, wo der zwar begabte, aber wenig sportliche Stephen am Rand der Gemeinschaft steht. Beim Weihnachtsessen im Elternhaus gerät er zum Zuhörer einer heftigen Tischdiskussion über die politischen und religiösen Spannungen in Irland.

Mit den Jahren wächst Stephen heran, wechselt aus finanziellen Gründen die Schule und entwickelt eine eigene innere Welt aus Büchern, Gedichten und Träumen. Er verliebt sich schüchtern, fühlt sich seinen Mitschülern geistig überlegen und gerät zugleich in Konflikt mit den Regeln seiner Umgebung. Die zunehmende Verarmung der Familie und seine eigenen Sehnsüchte und Schuldgefühle treiben ihn um.

Das Werk folgt Stephen durch tiefe seelische Krisen, durch Phasen der Frömmigkeit und der Auflehnung bis in die Studienzeit an der Universität. Es zeichnet nach, wie aus dem ängstlichen Kind ein junger Mann wird, der seinen eigenen Weg sucht. Erzählt wird ganz aus seiner Sicht, in der Sprache der jeweiligen Lebensstufe.

Die Handlung im Detail

Das Werk trägt ein Motto aus Ovids Metamorphosen und beginnt mit einem kurzen Abschnitt in der Sprache eines kleinen Kindes („Es war einmal vor langer Zeit"). Aus Stephens Sicht treten seine Eltern auf, der Onkel des Vaters namens Charles, die geliebte Nachbarstochter Eileen Vance und die Erzieherin Mrs. Riordan, genannt Dante, im Haus in Bray. Schon hier deutet sich die liebevolle wie die angsteinflößende Seite der Erziehung an: „kommen die Adler und hacken ihm die Augen aus". Dann springt die Handlung ins Clongowes Wood College, eine Jesuiten-Internatsschule. Der begabte, aber unsportliche Stephen hält sich aus einem Rugby-Spiel heraus, wird mit Spott in einen Sumpfgraben geschubst und landet wegen schwacher Gesundheit bei Bruder Michael auf der Krankenstation, wo er hofft, von seiner Mutter abgeholt zu werden.

Zum Weihnachtsessen haben die Eltern Gäste eingeladen. Anlass für eine heftige Diskussion ist der Tod des Politikers Charles Stewart Parnell im Jahr 1891. Mr. Casey verteidigt Parnell gegen katholische Aktivisten, der Onkel und Mrs. Riordan vertreten die Gegenposition. Simon Dedalus unterstützt Casey, seine Frau versucht zu schlichten. Stephen versucht, ein Gedicht über Parnell zu schreiben. Zurück im College sorgt die Entdeckung von fünf älteren Schülern bei sexuellen Spielen und deren Verweis für Verunsicherung; die Disziplin wird verschärft. Als Stephens Brille durch den Zusammenstoß mit einem Radfahrer zerbricht, vermutet der Studienpräfekt Pater Dolan einen Trick und straft ihn mit Rohrstockschlägen auf die Hände. Stephen überwindet seine Angst und beschwert sich beim Rektor, Pater Conmee, der sich milde zeigt. Die Mitschüler feiern Stephen, und er empfindet Triumph.

Aus finanziellen Gründen nehmen die Eltern Stephen vom Clongowes College. Sie müssen ihr Haus in Blackrock verkaufen und ziehen nach Dublin. Auf einem Kinderfest verliebt sich Stephen in Ellen, ist aber zu schüchtern und verwandelt sie in seinen Gedichten in eine marienhafte Idealfigur „E. C.", die er in sein grünes Lyrikheft mit dem Jesuiten-Motto „Ad maiorem Dei gloriam" einträgt. Über die Beziehungen seines Vaters zu Pater Conmee erhält Stephen mit seinem jüngeren Bruder Maurice Freiplätze am Belvedere College in Dublin. Zwei Jahre später, mit etwa dreizehn Jahren, tritt Stephen beim Pfingstspiel der Schule auf. Er ist selbstbewusster geworden, kennt sich in den Büchern „rebellischer Schriftsteller" aus und schreibt gute Aufsätze. Als Lehrer Tate seine Gedanken als Ketzerei auslegt, ändert Stephen rasch eine Formulierung, was akzeptiert wird; doch sein neidischer Kamerad Heron wirft ihm Anpassung und Verrat vor und kritisiert zugleich Stephens Vorbild Byron als unmoralisch.

Die Verarmung der Familie spitzt sich zu. Stephen begleitet seinen Vater zur Versteigerung des großväterlichen Besitzes nach Cork, wo dieser sich in Jugenderinnerungen als starker Mann darstellt. Stephen verschwendet die Unterstützungsgelder und einen gewonnenen Aufsatzpreis mit Freunden, bis das Geld aufgebraucht ist. Einsam durchstreift er das Bordellviertel der Stadt, getrieben von körperlichen Spannungen und ausschweifenden Gedanken über sündige und heilige Frauen. Dem Genuss des Regelverstoßes folgt der Absturz in die Einsamkeit: „Eine kalte lichte Gleichgültigkeit herrscht in seiner Seele", wenn er zu einer Prostituierten geht.

Das dritte Kapitel schildert eine seelische und körperliche Existenzkrise. Während viertägiger Exerzitien im Dezember hört der inzwischen Sechzehnjährige die ausführlichen Predigten Pater Arnalls über Tod, Gericht und die Höllenstrafen. Eindringlich wird ausgemalt, dass nicht nur schwere, sondern auch kleine, nicht gebeichtete Sünden den gerechten Gott beleidigen und in der Hölle mit unvorstellbaren, ewigen Qualen bestraft werden. Nachts verfolgen Stephen die Höllenbilder, er wird sich seiner Sünden bewusst und fürchtet die Verurteilung. Ruhelos durchstreift er die nächtlichen Straßen und entschließt sich nach achtmonatiger Pause wieder zur Beichte. In einer Kapelle bekennt er dem Priester die lange Liste seiner Verfehlungen, den ganzen „schmutzige[n] Fluss des Lasters", verspricht Besserung und erhält die Absolution. Bei der Abschlussmesse fühlt er sich sündenfrei und am Anfang eines neuen Lebens.

Im vierten Kapitel versucht Stephen, sich durch Askese zu reinigen. Er ordnet seinen Tag nach strengen Regeln, betet, geht zur Messe, beichtet und tötet seine Sinne ab. Doch je mehr er sich bezwingt, desto häufiger ist er Versuchungen ausgesetzt, und es stellt sich ein Gefühl „spiritueller Trockenheit" ein. Seine Frömmigkeit ist den Lehrern aufgefallen, und der Direktor fragt ihn, ob er in den Orden eintreten wolle. Stephen hat selbst mit dem Gedanken gespielt, doch die „Frostigkeit und Ordnung dieses Lebens" stoßen ihn ab. Er erkennt, dass er „keiner Ordnung einzupassen" ist, und fühlt „den stillen Sturz seiner Seele". Er verlässt das College und kehrt zur Familie zurück, die aus Geldnot erneut umziehen muss. Statt der Priesterausbildung wählt er die Universität. Bei einer Wanderung am Dollymount Strand erlebt er eine neue Freiheit und hat die Vision, sich wie die Mythengestalt Dädalus zum Flug zu erheben. Er watet ins Wasser und sieht ein Mädchen, das still aufs Meer hinausschaut: „Lieben, irren, fallen, triumphieren, Leben aus Leben neu erschaffen!"

Im fünften Kapitel beginnt eine Suchwanderung. Stephen besucht am University College Vorlesungen über englische und französische Literatur sowie Physik, allerdings unregelmäßig, weshalb ihn sein Vater beschimpft. Wie zuvor das Jesuitenkolleg erlebt er die Universität als trockenen Apparat. Im Gespräch mit dem bescheidenen jesuitischen Dekan erkennt er die Grenzen dieses Lebens. Für seine Kommilitonen ist Stephen ein eigenständiger Kopf und Spötter; mit ihnen diskutiert er über Religion, Politik und Weltanschauung. Am Ende seines Reifewegs steht der Entschluss, sich von Familie, Religion und Heimat zu lösen und Irland zu verlassen, um Künstler zu werden.

Stil

Bei diesem Werk handelt es sich um einen Bildungsroman, in dem sich die gesamte innere Entwicklung des Protagonisten von der Kindheit bis in die Studentenzeit verfolgen lässt. Einzelne Kapitel lassen sich dem Schul-, Internats- und Universitätsroman zuordnen. In einer früheren Vorstudie mit dem Titel Stephen Hero, geschrieben 1904/1905, ließ Joyce die Handlung noch von einem allwissenden Erzähler entwickeln. Im fertigen Roman dagegen konzentriert sich alles auf die Hauptfigur.

Das Geschehen wird, wie für eine Biografie typisch, chronologisch und ganz aus Stephens Perspektive dargestellt. Stellenweise geschieht das in Form eines Bewusstseinsstroms: Der Leser verfolgt die Handlung zusammen mit den Gedanken Stephens, und zwar jeweils in der Sprache seiner Altersstufe. Vom Kindergeplapper des Anfangs bis zu den abstrakten Überlegungen des Studenten wandelt sich der Ton mit der Figur. Diese Erzähltechnik verwendete Joyce hier zum ersten Mal. So lässt sich das Werk inhaltlich als erster Teil der Stephen-Dedalus-Geschichte und stilistisch als Vorbereitung auf das Hauptwerk Ulysses verstehen.

Rezeption

Als erster Roman von James Joyce zählt das Werk zu den literarisch bedeutendsten des 20. Jahrhunderts. Die „Modern Library" setzte es 1998 auf den dritten Platz ihrer Liste der hundert besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts. Der danach entstandene Joyce-Roman Ulysses belegte auf derselben Liste den ersten Rang. 1977 verfilmte Joseph Strick den Stoff unter dem englischen Originaltitel.

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