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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Ein Mord, den jeder begeht
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Ein Mord, den jeder begeht
1938
– Werkseintrag –

Ein Mord, den jeder begeht

1938 · Roman

Ein durchschnittlicher Mann jagt jahrelang dem ungeklärten Mord an seiner Schwägerin nach – ohne zu ahnen, wie nah ihm die Lösung schon immer war.

Überblick↑

Der Roman Ein Mord, den jeder begeht von Heimito von Doderer erschien 1938. Er erzählt die Lebensgeschichte des Textilingenieurs Conrad Castiletz. Im Mittelpunkt steht ein unscheinbares, durchschnittliches Leben, das sich am Ende auf überraschende Weise mit einem alten, ungeklärten Todesfall verknüpft. Schon der Titel deutet an, dass Schuld nicht immer dort liegt, wo man sie vermutet.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Conrad Castiletz, von den Seinen „Kokosch“ genannt. Er wächst als einziges Kind wohlhabender Eltern auf: Der Vater ist ein älterer Tuchhändler, die Mutter deutlich jünger. Vom Ersten Weltkrieg bekommt der Knabe kaum etwas mit, es fehlt ihm an nichts. Conrad ist ein mittelmäßiger Schüler, weder besonders klug noch besonders fleißig, und gerade diese Durchschnittlichkeit bestimmt sein ganzes weiteres Leben. Er eckt nie an und kommt mit seiner Laufbahn als Textilingenieur gut zurecht, indem er stets auf vorgezeichneten Bahnen bleibt.

Als Fünfzehnjähriger erlebt er in einer Sommernacht des Jahres 1921 eine aufregende Fahrt im Nachtzug, mitten in einer ausgelassenen Reisegesellschaft. Auch eine erste Liebe zu einer Näherin namens Ida gehört zu seiner Jugend, doch er gibt die Beziehung auf, sobald man ihm sagt, das Mädchen sei nicht standesgemäß.

Nach der Ausbildung sammelt Conrad in der Textilfabrik der reichen Familie Veik Berufserfahrung und heiratet Marianne, die Nichte des Fabrikanten. Eines Tages entdeckt er in der Bibliothek seines Schwiegervaters das Bild eines Mädchens, das ihn sofort gefangen nimmt: Es ist Mariannes Schwester Louison, die einst während einer Zugfahrt ermordet wurde – ein von den Behörden längst als ungeklärt abgelegter Fall. Mit wachsendem Eifer beschließt Conrad, den alten Mord selbst aufzuklären.

Die Handlung im Detail↑

Conrad Castiletz, „Kokosch“ gerufen, wächst behütet und wohlhabend auf. In seiner Freizeit spielt er in den Auen am Rand eines Kanals und fängt Wassergetier, meist neben Gleichaltrigen aus ärmlichen Verhältnissen, denen er fremd bleibt und die ihm fremd bleiben. Einmal lässt er sich auf ihre derben Spiele ein und zerschmettert dabei eine gefangene Schlange an einem Uferstein. In seiner eher begriffslosen Art nimmt er sich danach vor: „Keine Molche mehr!“ Mittelmäßigkeit prägt sein ganzes Leben; er fügt sich, eckt nie an und macht trotzdem ordentlich Karriere.

Mit fünfzehn Jahren wird er in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1921 zu einer Tante geschickt. Im Nachtzug gerät er in ein Abteil voll junger Leute, die eine feuchtfröhliche Runde bilden. Conrad genießt es, dazuzugehören, spürt aber zugleich, dass ihm ihre lose Art im Grunde missfällt. Einer der Mitreisenden will der allein im Nebenabteil sitzenden Dame einen Streich spielen: Ein Medizinstudent holt einen Totenschädel aus seinem Koffer, der ihr – mit einem Spazierstock vor das Abteilfenster gehalten – einen Schrecken einjagen soll. Conrad übernimmt es gern, den Stock zu halten, was nicht ungefährlich ist, denn der Zug fährt gerade in einen engen Tunnel ein. Im Nebenabteil bleibt es still; Conrad glaubt, einen Schrei gehört zu haben, doch bald verlieren die jungen Leute das Interesse.

Sein Leben geht in gewohnten Bahnen weiter. Er verliebt sich in eine Näherin namens Ida. Ein älterer Freund, von den Eltern als Studienhelfer engagiert, bedeutet ihm, das Mädchen sei nicht standesgemäß, und Conrad löst die Beziehung sofort. Einige Zeit später erfährt er, dass Ida gestorben ist.

Nach der Ausbildung schickt ihn der Vater zu Bekannten nach Württemberg, damit er Berufserfahrung sammle. Die reiche Fabrikantenfamilie Veik nimmt ihn freundlich in ihrer Textilfabrik auf, und Conrad beginnt eine Laufbahn, die ihn auf Leitungsaufgaben vorbereitet. Er lernt Marianne Veik kennen, die Nichte des Fabrikanten, und der vielversprechende junge Mann heiratet die gute Partie.

Eines Tages sieht er in der Bibliothek seines Schwiegervaters das Bild eines Mädchens, das ihn sogleich gefangen nimmt. Es ist Louison Veik, die Schwester seiner Frau, die während einer Zugfahrt ermordet wurde – ein von den Behörden als ungeklärt abgelegter Fall. Conrad fasst den Plan, den Mord selbst aufzuklären, und betreibt dies mit wachsendem Eifer. Dabei erfährt er, dass er bei seiner damaligen Reise im selben Zug wie die Ermordete gefahren war. Seine Frau Marianne, von jeher auf ihre Schwester eifersüchtig, fühlt sich durch sein Interesse an der Toten zurückgesetzt. Sie wendet sich anderen, vor allem sportlichen Interessen zu und ist mit Sportlerkreisen wochenlang auf Reisen. Conrad wird mehrfach darauf angesprochen, zeigt aber keine Reaktion und lässt die Dinge treiben.

Die Wahrheit enthüllt sich durch eine zufällige Begegnung. Während einer Geschäftsreise nach Berlin wird Conrad von einem Herrn Botulitzky angesprochen – jenem Mann, der damals als Medizinstudent den Totenkopf im Abteil bereitgestellt hatte. Das Gespräch offenbart Conrad das Schreckliche: Er selbst hat die Schwester seiner Frau auf dem Gewissen. Auf jener jugendlichen Zugfahrt saß im Nebenabteil seine spätere Schwägerin Louison Veik. Sie erschrak durch den Schabernack so heftig, dass sie das Bewusstsein verlor. Da sie am offenen Fenster gestanden hatte, kippte sie halb hinaus und prallte mit dem Kopf gegen eine Mauerkante im Tunnel. Der Schlag tötete sie und schleuderte ihren Körper zurück ins Abteil – was die Ermittler später vermuten ließ, sie sei einem Raubüberfall im Zug zum Opfer gefallen.

Als Conrad nach diesen alles verändernden Erkenntnissen heimkehrt, bemerkt er, dass seine Frau ihn betrügt. Er übernachtet daraufhin bei einem Freund. Dort will in der Nacht eine Hausbewohnerin sich mit Gas das Leben nehmen; das Gas entzündet sich in einer Explosion, der Conrad zum Opfer fällt.

Stil↑

Das Werk ist als Lebensgeschichte angelegt und folgt Conrad Castiletz von der Kindheit über den beruflichen Aufstieg bis zum Tod. Der Aufbau spannt einen weiten Bogen: Eine scheinbar nebensächliche Episode aus den Knabenjahren – der Streich im Nachtzug – kehrt am Ende als entscheidender Schlüssel zurück und gibt dem ganzen, eher gleichförmigen Leben rückblickend einen anderen Sinn. Diese kunstvolle Verklammerung von Anfang und Ende trägt den Roman.

Bezeichnend ist die Hauptfigur selbst: Conrad ist betont durchschnittlich, weder klug noch fleißig, und durchschaut die eigene Lage lange Zeit nicht. Schon der Titel arbeitet mit einem doppelten Boden – er spricht von einem Mord und von „jedem“, und stellt damit die Frage nach Schuld, die ohne bösen Willen entsteht. Wiederkehrende Bilder wie der Tunnel, der Zug und das Motiv des Zerstörens (die zerschmetterte Schlange, „Keine Molche mehr!“) verweben sich zu einem Netz aus Andeutungen, das die Auflösung vorbereitet, ohne sie zu verraten.

Rezeption↑

Der Roman erschien 1938 und gehört zum Werk Heimito von Doderers, dessen Schaffen auch in der Neuen Deutschen Biographie verzeichnet ist. Die Verbindung von Erzählung und Schauplatz hat eigene Forschung angeregt: Jan Bürger widmete sich in einer 2008 bei der Deutschen Schillergesellschaft in Marbach am Neckar erschienenen Studie dem Verhältnis Doderers zum Kirchheimer Tunnel bei Lauffen am Neckar. Damit wirkt das Werk bis heute über den Text hinaus und lädt dazu ein, die literarische Vorlage mit ihrer geografischen Umgebung in Beziehung zu setzen.

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