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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Ein Leben
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Cover Ein Leben
Ein Leben
1883
– Werkseintrag –

Ein Leben

1883 · Roman

Eine junge Adlige verlässt voller Liebessehnsucht das Kloster – und erlebt, wie sich ihre Träume vom Glück Schritt für Schritt an der Wirklichkeit eines ganzen Lebens reiben.

Kurzporträt

Der Roman Ein Leben ist das erste große Prosawerk des französischen Schriftstellers Guy de Maupassant. Er erschien 1883 zunächst als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Gil Blas und im selben Jahr als Buch unter dem Titel Une Vie mit dem Zusatz „Die schlichte Wahrheit". Die deutsche Übersetzung von Walter Vollmann kam 1894 in Frankfurt an der Oder heraus. Das Buch schildert das Leben einer Frau „vom Erwachen ihres Herzens bis zu ihrem Tod". Es gilt als ein Schlüsselwerk des französischen Realismus und zeichnet nüchtern und mitfühlend nach, wie sich die hochfliegenden Mädchenträume einer jungen Adligen Schritt für Schritt an der Wirklichkeit zerschlagen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Jahr 1819 kehrt die siebzehnjährige Jeanne aus dem Kloster zu ihren Eltern zurück. Sie ist die Tochter des Barons Simon-Jacques Le Perthuis des Vauds und seiner Frau Adélaïde. Gemeinsam ziehen sie auf das familieneigene Landschloss Les Peuples nahe Yport an der normannischen Küste. Dort verbringt Jeanne unbeschwerte Tage mit Lesen, Schwimmen, Träumen und Ausflügen in die Natur. Auf kindlich-romantische Weise träumt sie davon, die große Liebe zu finden.

Bald lernt sie den jungen Vicomte Julien de Lamare kennen, einen eleganten Adeligen aus der Nachbarschaft. Schnell wird er ein gern gesehener Gast im Haus, und auch Jeanne fühlt sich zu ihm hingezogen. Es kommt zur Verlobung und zur Heirat. Doch schon bald nach der Hochzeit zeigt sich, dass Jeannes poetische Vorstellung von der Liebe und die Wirklichkeit ihrer Ehe weit auseinanderklaffen.

Der Roman folgt Jeanne über viele Jahre hinweg. Er erzählt von ihren Hoffnungen, von Enttäuschungen in der Ehe, von der Mutterschaft und von ihrem Verhältnis zu ihrem Sohn Paul. Behutsam zeichnet das Buch nach, wie sich ein Frauenleben zwischen Sehnsucht und harter Wirklichkeit entfaltet.

Die Handlung im Detail

Im Jahr 1819 kehrt die siebzehnjährige Jeanne aus dem Kloster zu ihren Eltern zurück, dem Baron Simon-Jacques Le Perthuis des Vauds und dessen Frau Adélaïde. Gemeinsam ziehen sie auf das Landschloss Les Peuples nahe Yport. Dort verbringt Jeanne unbeschwerte Tage und träumt davon, die Liebe zu finden. Der Pater Picot stellt der Familie den neuen Nachbarn vor, den jungen Vicomte Julien de Lamare. Der Adelige musste zwar den Familiensitz verkaufen, um die Schulden seines Vaters zu begleichen, hat sich aber eine solide Existenz bewahrt. Schnell wird er regelmäßiger Gast im Haus und von Jeannes Eltern geschätzt. Auch Jeanne spürt das Bedürfnis, ihn zu lieben. Eines Morgens überraschen der Baron und der Vicomte sie mit einer Verlobungsfeier, an der ganz Yport Anteil nimmt. Jeanne ist überrumpelt, aber glücklich und willigt in die Heirat ein.

Die Feier wird auf den 15. August angesetzt, kaum drei Monate nach dem Kennenlernen. Als einzige Verwandte wird Tante Lison eingeladen, die unverheiratete Schwester der Baronin. Doch schon beim ersten Spaziergang nach der Trauung prallen Jeannes poetischer Liebesbegriff und Juliens sexuelles Verlangen aufeinander. In der Hochzeitsnacht fühlt sich Jeanne ihrem Ehemann fremd. Sie bittet ihn zu warten, lässt sich aber überreden. Vier Tage später bricht das Paar zur Hochzeitsreise nach Korsika auf. Bald treten die unterschiedlichen Charaktere offen zutage.

Zurück in Les Peuples erweist sich Julien als abweisend, desinteressiert und geizig; die Eleganz des Verlobten ist verflogen. Zum Schrecken Jeannes bricht das Dienstmädchen Rosalie eines Tages zusammen und bringt ein Kind zur Welt. Julien fordert wütend, Rosalie und das Kind fortzuschicken, doch Jeanne lehnt ab. Wenig später entdeckt sie Rosalie im Bett ihres Mannes. Auf ihrer verzweifelten Flucht in die kalte Nacht erkrankt sie und berichtet im Fieber ihrer Mutter von dem Verrat. Ein Arzt stellt fest, dass Jeanne schwanger ist. Bei der Befragung gibt Rosalie an, Julien habe sich bereits am ersten Tag, an dem er zum Essen eingeladen war, in ihr Zimmer geschlichen. Der Baron ist außer sich, doch der Pfarrer fordert die Versöhnung der Eheleute, und alle fügen sich. Der Hof wird Rosalie und einem schnell gefundenen Ehemann übertragen.

Noch während Jeannes Schwangerschaft mit ihrem Sohn Paul beginnt Julien eine Affäre mit der Nachbarin und Freundin Jeannes, Gilberte de Fourville. Bei einem einsamen Ausritt erkennt Jeanne an den beiden Pferden, dass ihr Mann sie abermals hintergeht. Vor allem der Verrat der Freundin trifft sie schwer, doch sie schweigt. Bald darauf stirbt ihre Mutter. Beim Lesen von deren Briefen entdeckt Jeanne, dass ihre Mutter ein leidenschaftliches Verhältnis mit dem Mann ihrer besten Freundin hatte.

Da Paul ihr größtes Glück ist, möchte Jeanne ein weiteres Kind, doch Julien findet ein Kind teuer genug. Der Pfarrer rät Jeanne, eine Schwangerschaft vorzutäuschen, damit Julien sich nicht mehr zurückhält. Der Plan geht auf, und Jeanne beschließt, die ungeliebten Zusammenkünfte fortan zu verweigern. Inzwischen übergibt der Pfarrer die Gemeinde an seinen jungen Nachfolger, den Pater Tolbiac. Diesem fasst Jeanne zunächst Zutrauen, doch er bedrängt sie bald fanatisch, der Affäre ihres Mannes nicht tatenlos zuzusehen, und nennt sie eine Mittäterin. Schließlich stürzt M. de Fourville das fremdgehende Paar in einer kleinen fahrbaren Hirtenhütte einen Abhang hinunter. Am selben Abend erleidet Jeanne eine Fehlgeburt.

Ihr Vater und ihre Tante kümmern sich nun um sie und um ihren Sohn, der zu einem kleinen Despoten heranwächst. Der Baron übernimmt Pauls Unterricht. An der Erstkommunion, die Pater Tolbiac dem Zwölfjährigen verweigert, entbrennt ein erneuter Konflikt der Familie mit der katholischen Kirche. Als Paul fünfzehn ist, stimmt Jeanne schweren Herzens zu, ihn ins Collège nach Le Havre zu schicken. Paul ist ein schlechter Schüler und hat mit zwanzig bereits hohe Spielschulden. Mit seiner Mätresse flieht er nach London und schreibt seiner Mutter nur noch, um Geld zu erbitten. Jeanne richtet ihren Hass eifersüchtig auf Pauls Geliebte und gibt ihr die Schuld an der Entfremdung.

Während Paul immer mehr Schulden anhäuft und die Familie verarmt, sterben kurz hintereinander der Baron und Tante Lison. Bei deren Beerdigung erscheint Rosalie, die sich fortan aus tiefer Dankbarkeit um Jeanne, den Haushalt und die Finanzen kümmert. Sie überzeugt Jeanne, Les Peuples zu verkaufen; nur eine kleine Rente bleibt, alles andere ist verloren. Mit Rosalies Hilfe gelingt es Jeanne zum ersten Mal, ein Geldgesuch Pauls abzuweisen. Erneut bittet sie ihn, zu ihr zu kommen, doch er fordert nur wieder Geld und kündigt an, seine Mätresse zu heiraten. Jeanne reist nach Paris, um ihn zu holen, trifft dort aber nur auf seine Gläubiger, deren Forderungen sie abermals begleicht. In seinem letzten Brief berichtet Paul, seine Geliebte habe eine Tochter geboren und liege im Sterben; er bittet Jeanne, das Kind zu sich zu nehmen. Rosalie reist nach Paris und kehrt mit dem Kind zurück. Paul habe versprochen, schon bald nachzukommen.

Stil

Der Roman ist dem französischen Realismus verpflichtet und trägt schon im Untertitel das Programm seiner Erzählweise: „Die schlichte Wahrheit". Maupassant verzichtet auf große dramatische Effekte und schildert das Leben seiner Heldin in nüchterner, klarer Sprache. Die Handlung schreitet ruhig und gleichmäßig voran und folgt dem Lauf eines ganzen Lebens.

Auffällig ist der Gegensatz, den der Roman immer wieder vor Augen führt: Jeannes romantische Träume und ihr poetischer Begriff von der Liebe stoßen unablässig auf eine ernüchternde, oft enttäuschende Wirklichkeit. Die normannische Küste mit dem Schloss Les Peuples und die Natur sind dabei mehr als bloße Kulisse; sie bilden den Stimmungsraum, in dem sich Jeannes Hoffnungen und Verluste entfalten. Aus der erzählerischen Nähe zur Hauptfigur ergibt sich eine Mischung aus genauer Beobachtung und mitfühlender Anteilnahme.

Rezeption

Als erster Roman Maupassants nimmt Ein Leben einen festen Platz in seinem Werk und in der Geschichte des französischen Realismus ein. Der Stoff hat über die Literatur hinaus gewirkt und ist mehrfach verfilmt worden. So entstand 1953 unter der Regie von Kaneto Shindō die Verfilmung Life of a Woman, 1958 brachte Alexandre Astruc den Film Ein Frauenleben heraus, und 2016 verfilmte Stéphane Brizé den Stoff unter dem Titel Ein Leben. Diese wiederholten Bearbeitungen zeigen, dass die Geschichte von Jeannes Lebensweg ihre Anziehungskraft über mehr als ein Jahrhundert bewahrt hat.

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