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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Das Haus Tellier
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Cover Das Haus Tellier
Das Haus Tellier
1881
– Werkseintrag –

Das Haus Tellier

1881 · Novelle

Eine Bordellwirtin schließt ihr Haus und reist mit ihren Mädchen aufs Land zur Kommunionsfeier – wo niemand ahnt, wer die feinen Damen aus der Stadt wirklich sind.

Überblick

Die Novelle Das Haus Tellier stammt von dem französischen Schriftsteller Guy de Maupassant und erschien 1881. Schauplatz ist ein Freudenhaus in einer normannischen Kleinstadt. Mit dieser Geschichte stellt Maupassant die üblichen Vorstellungen von Moral und Unmoral seiner Zeit in Frage. Die Erzählung war zugleich der Titeltext seiner ersten Novellensammlung, deren Erfolg ihm endgültig die finanzielle Unabhängigkeit verschaffte.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht Madame Tellier, die Besitzerin eines gut besuchten Freudenhauses in der normannischen Hafenstadt Fécamp. Im unteren Geschoss verkehren Matrosen und einfache Arbeiter, im oberen die angesehenen Bürger der Stadt. Eines Tages bleibt die Tür des Hauses verschlossen, und vor dem Eingang kommt es zu Unruhe: Madame Tellier ist mit ihren fünf Angestellten verreist. Ihr Bruder, ein Schreiner auf dem Land, hat sie zur Erstkommunion seiner Tochter eingeladen.

Weil sie das Geschäft niemandem allein überlassen will, nimmt Madame Tellier die ganze Belegschaft mit aufs Dorf. Dort weiß niemand, womit die fein herausgeputzten Gäste aus der Stadt ihr Geld verdienen, und das Dorf bereitet ihnen einen prächtigen Empfang. Die ehrbaren Herren von Fécamp wiederum müssen sich daheim mit der ungewohnten Lage abfinden. Maupassant erzählt diesen Ausflug mit feiner Ironie und führt vor, wie nah Frömmigkeit, Anstand und das angeblich Unmoralische beieinanderliegen.

Die Handlung im Detail

Madame Tellier betreibt in Fécamp ein gefragtes Freudenhaus. Die Kundschaft teilt sich nach Stand: unten werden Matrosen und einfache Arbeiter bedient, oben verkehren die Honoratioren der Stadt. Eines Tages öffnet sich die Tür nicht, und davor entsteht ein Aufruhr. Der Grund: Madame Tellier ist der Einladung ihres Bruders, eines Schreiners, gefolgt und zur Erstkommunion ihrer Nichte aufs Land gefahren. Da sie das Geschäft nicht ihren Mitarbeiterinnen anvertrauen mag, beschließt sie, die gesamte Belegschaft von fünf Frauen mitzunehmen. So bleiben am Tag des Betriebsausflugs die Türen geschlossen, und eine Gruppe angesehener Herren der Stadt muss sich mit der ungewohnten Situation arrangieren.

Für die ausgelassene Reisegesellschaft lohnen sich Zugfahrt und Aufenthalt. Das Dorf bereitet den herausgeputzten Damen einen festlichen Empfang, denn die Bewohner ahnen nichts vom Gewerbe der feinen Gäste. Beim Gottesdienst brechen die Frauen, die lange keine Kirche mehr betreten hatten, vor Rührung in Tränen aus und stecken damit die übrigen Besucher an. Der nichts ahnende alte Pfarrer lobt daraufhin die tief empfundene Frömmigkeit der „Damen".

Anschließend feiert die Gruppe in der ausgeräumten Werkstatt des Schreiners. Bald macht sich der betrunkene Hausherr über die Frauen her, doch Madame Tellier spielt die Entrüstete und drängt zum Aufbruch. Schließlich brechen die Städterinnen auf und kehren am Abend rechtzeitig nach Fécamp zurück. Dort werden sie von den ehrbaren Bürgern bereits sehnsüchtig erwartet, und der Abend endet in ausgiebigem Feiern mit Champagner.

Stil

Maupassant erzählt in der knappen, klar gebauten Form der Novelle. Seine Wirkung beruht auf der ruhigen, scheinbar sachlichen Schilderung, hinter der eine feine Ironie steckt. Gerade dadurch, dass er die Frauen aus dem Bordell-Milieu gutmütig und warmherzig zeichnet und sie inmitten der ahnungslosen Dorfgemeinde zeigt, geraten die festen Begriffe von Moral und Unmoral ins Wanken. Der Reiz der Erzählung liegt in diesem Kontrast zwischen dem ehrbaren Schein der Gesellschaft und der menschlichen Wärme der angeblich anrüchigen Frauen.

Rezeption

Der Erfolg des Bandes sicherte Maupassant endgültig finanziell ab, nachdem ihm im Jahr zuvor mit der Novelle Boule de suif der Durchbruch gelungen war und sein Förderer Gustave Flaubert unerwartet gestorben war. Die wohlwollende, warmherzige Darstellung der Frauen aus dem Bordell-Milieu rückt den Autor nach dem Urteil von Katrin Burtschell in die Nähe weiterer Künstler der Zeit, die dieses Milieu schilderten, wie Edgar Degas und Henri de Toulouse-Lautrec. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1952 von Max Ophüls in dem Film Pläsier. Toulouse-Lautrec steuerte überdies Lithographien zu einer späteren Ausgabe der Erzählung bei.

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