1880
Boule de Suif
Überblick↑
Mit der Novelle Boule de suif gelang Guy de Maupassant 1880 sein literarischer Durchbruch. Im Deutschen wird sie meist als Fettklößchen übersetzt. Vor dem Hintergrund des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 erzählt er von einer Postkutschenfahrt durch die besetzte Normandie. Auf ihr finden sich zehn höchst unterschiedliche Reisende notgedrungen zusammen. Im engen Raum der Kutsche prallen die Stände einer ganzen Gesellschaft aufeinander. Die Prostituierte Élisabeth Rousset, genannt Fettklößchen, wird zur Hauptfigur. Ihre Geschichte legt unter der Oberfläche bürgerlicher Wohlanständigkeit deren Heuchelei frei.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Winter 1870/71, während der preußischen Besatzung der Normandie, verlässt eine Postkutsche das eingeschlossene Rouen. An Bord sind zehn Reisende, die nach Le Havre wollen, um dort ihren Geschäften nachzugehen. Schwerer Schneefall und beißende Kälte machen die Fahrt zur Strapaze.
Die Reisegesellschaft ist ein Querschnitt der Gesellschaft: ein wohlhabender Industrieller mit Gattin, ein Weinhändler mit seiner Frau, ein Graf mit der Gräfin, zwei Nonnen, der Demokrat Cornudet und schließlich die Prostituierte Élisabeth Rousset, die wegen ihrer üppigen Figur Fettklößchen gerufen wird. Die feinen Herrschaften begegnen ihr zunächst mit Verachtung. Doch als sich herausstellt, dass nur sie Proviant eingepackt hat, ändert sich der Ton spürbar.
In einem Gasthaus im Dorf Tôtes, das als Nachtquartier dienen soll, kommt es zu einer Begegnung mit einem preußischen Offizier. Diese stellt die Weiterreise plötzlich in Frage. Was der Offizier fordert und wie die Reisegesellschaft damit umgeht, bringt die Verhältnisse zwischen Anstand und Eigennutz, Patriotismus und Bequemlichkeit in eine unangenehme Schieflage. Vor allem Fettklößchen steht damit vor einer schweren Entscheidung.
Die Handlung im Detail↑
Die Erzählung setzt mit einem Bild der geschlagenen französischen Armee ein, die sich in Auflösung durch Rouen zurückzieht, ehe die Preußen die Stadt besetzen. Wenig später bricht eine Postkutsche mit zehn Reisenden in Richtung Le Havre auf, um der Besatzung wenigstens vorübergehend zu entkommen und Geschäften nachzugehen.
In der Kutsche sitzen der Weinhändler Loiseau und seine Frau, der Industrielle Carré-Lamadon mit Gattin, der Graf Hubert de Bréville und die Gräfin, zwei Nonnen, der Demokrat Cornudet und Élisabeth Rousset, genannt Fettklößchen. Die Vertreter von Bourgeoisie und Adel mustern die Prostituierte zunächst mit unverhohlener Verachtung. Doch die Fahrt zieht sich, niemand außer Fettklößchen hat Proviant mitgenommen, und so teilt sie schließlich ihren reich gefüllten Korb mit den anderen. Die Atmosphäre wird wärmer, man redet sogar höflich mit ihr.
Am Abend erreicht die Kutsche das Dorf Tôtes, wo in einem Gasthaus übernachtet werden soll. Dort residiert ein preußischer Offizier. Er lässt die Reisegesellschaft erst weiterziehen, wenn Fettklößchen bereit ist, mit ihm zu schlafen. Fettklößchen, in ihrem Patriotismus tief verletzt, weigert sich entschieden. Sie verschweigt zunächst, was der Offizier von ihr verlangt, sodass die übrigen Reisenden über die Gründe des Aufenthalts wilde Vermutungen anstellen.
Als Fettklößchen schließlich empört preisgibt, was gefordert wird, schlägt die Stimmung erneut um. Die Mitreisenden bewundern nicht etwa ihre Standhaftigkeit – sie ärgern sich vielmehr, weil ihre Weigerung die Weiterreise blockiert. Die Situation bekommt eine zweideutige erotische Note: Die Damen finden den Offizier durchaus gutaussehend, rechnen es ihm hoch an, dass er nicht sie begehrt, und gestehen sich insgeheim ein, dass eine Aufforderung nicht jeder von ihnen unangenehm wäre.
Mit feinen Anspielungen auf die Pflicht der Frauen zum Opfer, mit Beispielen aus Geschichte und Religion, mit allerlei salbungsvollen Reden, an denen sich auch die Nonnen beteiligen, bearbeiten sie Fettklößchen so lange, bis sie nachgibt. Sie geht zum Offizier. Am nächsten Morgen ist die Weiterreise frei.
Doch kaum sitzt die Gesellschaft wieder in der Kutsche, kehrt die alte Verachtung zurück, in noch härterer Form. Niemand spricht mehr mit Fettklößchen. Alle holen den Proviant hervor, den sie diesmal mitgenommen haben, und essen demonstrativ, ohne ihr etwas anzubieten. Fettklößchen, in ihrer Verstörung über das Vorgefallene, hat selbst nichts dabei. Sie sitzt stumm da und weint verzweifelt vor sich hin. Während die feinen Herrschaften schmatzen, pfeift Cornudet, der Demokrat, zu allgemeinem Missfallen die Marseillaise – mit jener Zeile von der heiligen Liebe zum Vaterland, die nun wie blanker Hohn klingt.
Stil↑
Maupassant erzählt knapp, beobachtend und mit kühler Genauigkeit. Die enge Kutsche dient ihm als Versuchsanordnung: Auf engstem Raum prallen die gesellschaftlichen Schichten aufeinander. Der Erzähler hält fest, wer wie spricht, isst, schweigt oder die Augen verdreht. Die Figuren werden mit wenigen, scharf gezeichneten Strichen typisiert: der Weinhändler, der Industrielle, der Graf, ihre Frauen, die Nonnen, der Demokrat, die Prostituierte. So stehen sie zugleich für sich selbst und für ihren Stand.
Die Wirkung entsteht aus dem Kontrast zwischen den ehrbaren Reden der Bürger und ihrem tatsächlichen Handeln. Maupassant kommentiert wenig; er zeigt. Die Ironie liegt in der Sache, nicht in lautem Spott. Erst der pfeifende Cornudet am Schluss und die schweigend weinende Fettklößchen bringen den ganzen Hohn der Lage in einem stummen Bild zusammen.
Rezeption↑
Die Novelle Fettklößchen gilt als die Erzählung, mit der Maupassant das Klischee des ehrwürdigen, patriotischen, vorbildlichen französischen Bürgertums zertrümmert hat. Den Hintergrund bildet der Krieg von 1870/71. Hinter der Fassade der „anständigen Leute" entlarvt er ein moralisches Doppelspiel: Geredet wird von Ehre und Pflicht, gehandelt wird nach Eigennutz. Ehrlich und aufrichtig ist allein die Prostituierte – jene also, die nicht zur Gesellschaft gehört.
Die Bewegung der Figur folgt einer bitteren Linie. Fettklößchen beginnt als verachtete Außenseiterin. Im Verlauf der Reise wird sie von den Bürgern zur Jeanne d'Arc hochstilisiert, solange man sie für ihre Zwecke braucht. Am Ende ist sie wieder die Außenseiterin, die sie war. Diese ungeschönte Sicht auf bürgerliche Heuchelei hat den Ruf der Novelle bis heute begründet.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →