1911
Das Granatarmband
Überblick↑
Das Werk Das Granatarmband ist ein Kurzroman des russischen Schriftstellers Alexander Iwanowitsch Kuprin. Er entstand 1910 und erschien 1911 erstmals im sechsten Sammelband des Almanachs „Semlja“ („Erde“). Die Geschichte geht auf eine wahre Begebenheit zurück. Sie erzählt von der stillen, hoffnungslosen Liebe eines einfachen Mannes zu einer verheirateten Fürstin. Damit gehört sie zu den bekannten Erzählungen des Autors und behandelt eine Frage, die das ganze Werk durchzieht: Was ist wahre, selbstlose Liebe?
Inhalt (ohne Spoiler)↑
An ihrem Namenstag erhält die Fürstin Vera Nikolajewna Scheina ein ungewöhnliches Geschenk: ein goldenes Armband mit fünf großen, tiefroten Granaten, die einen seltenen grünen Stein umschließen. Es stammt von einem anonymen Verehrer, der ihr schon seit langem heimlich schreibt. Sein Name fehlt. Als verheiratete Frau hält Vera es für unziemlich, ein solches Geschenk von einem fremden Mann anzunehmen.
Ihr Bruder Nikolai Nikolajewitsch, Gehilfe des Staatsanwalts, und ihr Mann, Fürst Wassili Lwowitsch, machen den Absender ausfindig. Es ist ein bescheidener kleiner Beamter namens Georgi Scheltkow. Vor vielen Jahren hatte er die Fürstin zufällig bei einer Zirkusvorstellung gesehen und sich in sie verliebt – rein und ohne jede Hoffnung auf Erwiderung. Schon vor ihrer Heirat hatte er begonnen, ihr Briefe zu schreiben. Auf ihre Bitte hin schrieb er später nur noch selten, an den großen Feiertagen des Jahres.
Um die Familie herum kreisen die Gespräche des alten Generals Anossow, eines Freundes des Hauses, über die eine, wahre Liebe, von der jede Frau träumt. Als die beiden Männer den unbekannten Verehrer aufsuchen, um dieser stillen Verehrung ein Ende zu setzen, nimmt die Geschichte ihren Lauf.
Die Handlung im Detail↑
Alles beginnt am Namenstag der Fürstin Vera Nikolajewna Scheina. Sie bekommt ein goldenes Armband geschenkt: fünf große, dunkelrote Granate umgeben einen grünen Stein, einen Granaten seltener Art. Beigelegt ist ein Brief eines Verehrers, der seinen Namen nicht nennt. Vera fühlt sich als verheiratete Frau nicht berechtigt, Geschenke von einem fremden Mann anzunehmen.
Ihr Bruder Nikolai Nikolajewitsch, Gehilfe des Staatsanwalts, und ihr Mann, Fürst Wassili Lwowitsch, suchen den Absender und finden ihn: einen einfachen Beamten namens Georgi Scheltkow. Vor Jahren hatte er Vera zufällig bei einer Zirkusvorstellung in einer Loge erblickt und sich in sie verliebt, mit einer reinen und unerwiderten Liebe. Schon vor ihrer Heirat begann er, ihr zu schreiben. Nachdem sie ihn in einem Brief gebeten hatte, damit aufzuhören, erlaubte er sich nur noch wenige Male im Jahr einen Gruß, zu den großen Feiertagen.
Bruder und Ehemann suchen Scheltkow in seiner Wohnung auf. Sie geben ihm das Armband zurück, und Nikolai deutet im Gespräch an, man könne sich mit einer Beschwerde an die Behörden wenden, um dem, wie er es nennt, Nachstellen ein Ende zu machen. Scheltkow bittet Mann und Bruder um die Erlaubnis, der Fürstin einen letzten Brief schreiben zu dürfen. Darin schreibt er, sein ganzes Leben bestehe allein in ihr, in Vera Nikolajewna; es sei eine Liebe, mit der Gott ihn habe belohnen wollen. In tiefer Ergriffenheit wiederholt er die Worte „Geheiligt werde Dein Name“. Wenn sie an ihn denken wolle, so möge sie einen bestimmten Satz aus Beethovens zweiter Sonate spielen. Von ganzem Herzen dankt er ihr dafür, dass sie die einzige Freude seines Lebens gewesen sei.
Danach bringt er das zurückgegebene Armband seiner Wirtin und bittet sie, den Schmuck an das Bild der Gottesmutter zu hängen, nach katholischem Brauch. Er schließt sich in seinem Zimmer ein und erschießt sich, damit die Fürstin Vera „ruhig leben“ könne. Alles tut er aus Liebe zu ihr und um ihretwillen. In einem hinterlassenen Zettel gibt er vor, er habe sich wegen unterschlagener staatlicher Gelder das Leben genommen – so soll niemand den wahren Grund erfahren.
Als Vera vom Tod Scheltkows erfährt, bittet sie ihren Mann um Erlaubnis und fährt zur Wohnung des Toten, um wenigstens einmal den Menschen zu sehen, der sie so viele Jahre ohne Hoffnung geliebt hat. Zu Hause bittet sie die Pianistin Jenny Reiter, etwas zu spielen. Sie zweifelt nicht daran, dass es genau jener Satz der Sonate sein wird, von dem Scheltkow geschrieben hat. Im Blumengarten, an einen Akazienstamm gelehnt, weint sie zu der schönen Musik. Sie begreift, dass jene große Liebe, von der der alte General Anossow gesprochen hatte und von der jede Frau träumt, an ihr vorübergegangen ist. Als die Pianistin geendet hat und zu ihr tritt, küsst Vera sie mit den Worten: „Nein, nein – er hat mir jetzt verziehen. Alles ist gut.“
Stil↑
In ruhigem, wirklichkeitsnahem Ton führt Kuprin zwei Welten zusammen: das behagliche Leben einer adligen Familie und das überwältigende Gefühl eines armen, unscheinbaren Beamten. Der Gegensatz gibt der Erzählung ihre Spannung.
Ein durchgehendes Bild ist das Armband selbst. Die tiefroten Granate stehen für Leidenschaft, der seltene grüne Stein hebt das Geschenk aus dem Gewöhnlichen heraus. Ebenso kehrt die Musik als tragendes Motiv wieder: Beethovens Sonate rahmt den Höhepunkt und verwandelt das Ende in eine stille, feierliche Szene. Auch die wiederholten Worte „Geheiligt werde Dein Name“ geben dem Gefühl einen fast andächtigen Klang. Die Gespräche des alten Generals Anossow über die wahre Liebe wirken wie ein roter Faden, der das eigentliche Thema vorbereitet und deutet.
Rezeption↑
Schon kurz nach dem Erscheinen äußerte sich der Schriftsteller Maxim Gorki begeistert über die Erzählung. In einem Brief lobte er sie überschwänglich und sah in ihr den Beginn einer guten Literatur.
Der Stoff wirkte über die Jahrzehnte weiter. So blieb Das Granatarmband im kulturellen Gedächtnis lebendig und zählt zu den vielgelesenen russischen Liebesgeschichten.
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