1817
Das Goldmacherdorf
Überblick↑
Der Roman Das Goldmacherdorf von Heinrich Zschokke erschien 1817 in der Schweiz. Er erzählt, wie ein Mann namens Oswald sein verarmtes Heimatdorf Goldental innerhalb von sieben Jahren wieder zu Wohlstand und Ansehen führt. Nach und nach bringt er Ordnung, Bildung und viele praktische Neuerungen ins Dorf. Der Titel spielt auf den Aberglauben der Bewohner an, Oswald könne Gold machen – in Wahrheit ist seine „Goldmacherkunst“ nichts anderes als Fleiß, Sparsamkeit und Gemeinsinn.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Nach jahrelangem Kriegsdienst kehrt Oswald in sein Heimatdorf Goldental zurück und erkennt es kaum wieder. Beim Weggang war es wohlhabend, nun sind die meisten Bewohner arm, verschuldet und verwahrlost, viele dem Alkohol verfallen. Die einzigen Wohlhabenden sind die Wirte, die zugleich die Gläubiger und die Vorsteher der Gemeinde sind. Oswald übernimmt den verwahrlosten Hof seines verstorbenen Vaters und würde dem Dorf gern helfen, weiß aber noch nicht, wie.
Als der einzige Lehrer stirbt, übernimmt Oswald ohne Bezahlung die Schule und behandelt die Kinder freundlich, wie sie es von zu Hause nicht gewohnt sind. Zugleich nähert er sich Elsbeth, der Tochter des Müllers. Weil er offenbar mehr Geld besitzt, als er zugibt, kommt im abergläubischen Dorf das Gerücht auf, er könne Gold machen und stehe mit dem Teufel im Bunde. Immer mehr verschuldete Männer bitten ihn, ihnen dieses Geheimnis zu verraten. Was Oswald ihnen daraufhin vorschlägt, verändert das ganze Dorf.
Die Handlung im Detail↑
Aus dem Krieg heimgekehrt, findet Oswald sein einst wohlhabendes Dorf Goldental verarmt und verwahrlost vor. Die Bewohner sind verschuldet, misstrauisch und streitsüchtig, viele trinken. Reich sind nur die Wirte, die zugleich als Gläubiger und Gemeindevorsteher über das Dorf herrschen. Der alte Pfarrer predigt „aus Gewohnheit“, ohne Kraft oder Willen, etwas zu ändern. Eine Ausnahme bildet der Müller Siegfried, bei dem Oswald oft zu Gast ist und dessen Tochter Elsbeth sich für ihn interessiert. Oswald übernimmt den Hof seines verstorbenen Vaters und arbeitet von früh bis spät, um ihn wieder in Ordnung zu bringen.
Als der einzige Lehrer betrunken in einen Weiher fällt und ertrinkt, übernimmt Oswald unentgeltlich die Schule. Er schlägt die Kinder nicht, sondern behandelt sie freundlich, achtet auf Sauberkeit, lobt die Fleißigen, geht mit ihnen spazieren und erzählt Geschichten. Die Kinder verehren ihn. Oswald und Elsbeth wollen heiraten, doch Siegfried hätte lieber einen Müller zum Schwiegersohn. Nach einem Gespräch, dessen Inhalt geheim bleiben soll, stimmen die Eltern der Hochzeit dennoch zu. Die Dorfbewohner werden misstrauisch: Hat Oswald das reiche Müllerpaar behext? Steckt er mit dem Teufel im Bunde? Als Elsbeths Mutter sich verplappert und herauskommt, dass Oswald mehr Geld hat, als er zugibt, steht für alle fest: Er kann Gold machen.
Immer mehr arme Goldentaler bitten ihn, den Teufel zu rufen, damit sie ihm ihre Seele verpfänden und den Schulden entkommen können. Oswald lädt die 32 Männer in sein Haus, schüttet einen Beutel Goldmünzen auf den Tisch und verspricht, sie könnten noch viel mehr Gold machen, wenn sie ein Gelübde ablegen: Sieben Jahre und sieben Wochen lang sollen sie sich an sieben Gebote halten – nicht ins Wirtshaus gehen, nicht lügen und fluchen, keine Schulden machen, keinen Streit anfangen, ihre Höfe in Ordnung bringen und jeden Tag fleißig arbeiten. Niemandem sollen sie davon erzählen.
Die 32 Männer und ihre Familien halten das Gelübde und werden zu Vorbildern, denen andere sich anschließen. Einige Wirtshäuser gehen pleite, wodurch Oswald sich die Wirte zu Feinden macht. Doch er führt unermüdlich Verbesserungen ein: Er gründet eine „Ersparniskasse“, die den Bauern Zinsen einbringt, und eine Gemeinschaftsküche, damit die Frauen einträglicherer Arbeit nachgehen können. Nach einem Blitzeinschlag ins Pfarrhaus überzeugt er viele von Blitzableitern. In jener Nacht stirbt der alte Pfarrer; sein junger Nachfolger Roderich teilt Oswalds Eifer und unterstützt ihn. Gemeinsam gründen sie einen Kindergarten für die Kleinsten.
Oswald gibt die Schule an einen Nachfolger ab und wird zu einem der drei Gemeindevorsteher gewählt. Erster Vorsteher ist noch der „Löwenwirt“ Brenzel. Oswald deckt auf, wie Brenzel das Gemeindegeld in die eigene Tasche gewirtschaftet hat. Brenzel wird vor dem Stadtgericht angeklagt und muss ins Zuchthaus, Oswald wird erster Vorsteher. Er lässt gemeinschaftliche Back- und Waschhäuser bauen, sodass in den Wohnhäusern Holz gespart wird; das eingesparte Holz wird verkauft und die Schulden abgetragen. Aus der gesammelten Milch aller Bauern werden im Keller eines aufgegebenen Wirtshauses Butter und Käse hergestellt.
Weil noch immer Armut und Faulheit herrschen, reformiert Oswald mit Pfarrer Roderich die Armenversorgung: Wer von der Gemeinde lebt, wird zur Arbeit verpflichtet, deren Erlöse die Versorgung mit der Zeit selbst tragen. Wer mehr arbeitet, kann sparen und sich aus der Bedürftigkeit herausarbeiten. Bettelei und Diebstahl verschwinden. Als nächstes lässt Oswald das ganze Gemeindegebiet vermessen und kartieren, damit Bauern ihre verstreuten Landstücke tauschen und effizienter wirtschaften können. Zwar hat er es anfangs schwer, die Leute zu überzeugen, weil der Nutzen sich oft erst später zeigt. Doch das Dorf gewinnt an Ansehen, wird verschönert, zieht Besucher aus der Stadt an und genießt bald landesweit einen guten Ruf.
Nach sieben Jahren ruft Oswald die 32 Männer wieder zusammen. Er bittet jeden, ihm 500 Gulden in Gold zu leihen, und da alle inzwischen wohlhabend und ihm dankbar sind, bringen sie die Summe. Allen ist längst klar geworden, dass sie die versprochene Goldmacherkunst selbst beherrschen und dass sie nichts mit schwarzer Magie zu tun hat: Es sind Fleiß, Sparsamkeit und Gemeinsinn. Erst jetzt offenbart Oswald, dass er damals nicht als armer Soldat, sondern als Rittmeister heimkehrte und von einem Prinzen, dem er in einer Schlacht das Leben rettete, einen Orden und ein jährliches Gehalt erhielt. Kurz darauf bekommen Elsbeth und Oswald ihren ersten Sohn. Der Tag seiner Taufe wird zum großen Festtag: In der Nacht zuvor haben die Bewohner alle Häuser und den Weg zur Kirche mit Blumen geschmückt und Geschenke bereitet. Oswald erkennt, dass seine jahrelange Arbeit durch die Dankbarkeit seiner Mitbürger belohnt wird.
Stil↑
Erzählt wird geradlinig und in schlichter, klarer Sprache, wie sie sich an ein breites Publikum wendet. Die Handlung folgt einem einfachen zeitlichen Aufbau: Sie umspannt sieben Jahre und schreitet Schritt für Schritt von der ersten kleinen Verbesserung zur nächsten fort. So entsteht das Bild einer planvollen, stetig wachsenden Erneuerung des Dorfes.
Das Werk ist deutlich lehrhaft angelegt. An der Figur Oswalds und am Wandel Goldentals wird beispielhaft vorgeführt, wie Bildung, Fleiß und Gemeinsinn eine ganze Gemeinschaft verändern können. Der Titel selbst arbeitet mit einem Kniff: Der Aberglaube der Dorfbewohner, jemand könne Gold machen, wird zum Bild aufgelöst, denn das wahre „Gold“ entsteht aus Arbeit und vernünftigem Wirtschaften. Aus diesem doppelten Sinn zieht die Erzählung ihre anschauliche Wirkung.
Rezeption↑
Angesiedelt ist der Roman in der Zeit der Aufklärung, deren Ideale er in Erzählform vermittelt: den Glauben an Bildung, Vernunft und die Besserung des einzelnen Menschen wie der Gemeinschaft. Als volkstümlich-lehrhafte Schrift wollte das Werk nicht nur unterhalten, sondern die Leser zu Fleiß, Sparsamkeit und Gemeinsinn erziehen. In dieser Verbindung von unterhaltender Geschichte und praktischem Vorbild liegt sein anhaltender Reiz.
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