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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Heinrich Zschokke
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Porträt Heinrich Zschokke
Heinrich Zschokke
1771 – 1848
– Autorenporträt –

Heinrich Zschokke

1771 – 1848 · 77 Jahre

Einer der meistgelesenen Erzähler seiner Zeit und in der Schweiz liberaler Volksaufklärer – sein „Goldmacherdorf“ gilt als erster Genossenschaftsroman der Weltliteratur.

Kurzporträt

Geboren 1771 in Magdeburg, zählte Heinrich Zschokke zu seiner Zeit zu den meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellern. Er begann mit Schauer- und Räuberromantik und wandte sich später moralischen Erzählungen mit aufklärerischer Tendenz zu. Nach einer Bildungsreise ließ er sich in der Schweiz einbürgern, übernahm zahlreiche politische Ämter und wirkte als liberaler Vorkämpfer und Volksaufklärer. Sein Roman Das Goldmacherdorf gilt als erster Genossenschaftsroman der Weltliteratur und fand in vielen Sprachen europäische Resonanz. Daneben forschte er zur älteren Geschichte der Schweiz und gab volkserzieherische Zeitschriften heraus. Zschokke starb 1848 in Aarau.


Biografie

Aus einer Magdeburger Tuchmacherfamilie stammend, wurde Zschokke am 22. März 1771 geboren. Sein Vater Johann Gottfried, ursprünglich Tzschucke und später Schocke genannt, war Tuchmacher. Zschokke verlor früh die Eltern und wuchs zunächst bei Geschwistern auf. Seit 1784 lebte er bei dem Magdeburger Rektor und Schriftsteller Elias Caspar Reichard, der ihn zur Mitarbeit an seinen Schriften gegen Gespenster- und Aberglauben heranzog. Er besuchte das Pädagogium am Kloster Unser Lieben Frauen sowie das altstädtische Gymnasium.

Schul- und Geldsorgen bewogen ihn 1788 zur Flucht. In Schwerin nahm er eine Hofmeisterstelle beim Drucker und Verleger Wilhelm Bärensprung an und begann seine publizistische Tätigkeit. Vom Herbst 1788 an zog er mit einem Wandertheater umher, bearbeitete Stücke für den Publikumsgeschmack und schrieb erste eigene dramatische Werke. Nach bestandener Maturitätsprüfung nahm er im Herbst 1790 ein Studium der Philosophie und Theologie an der Universität Frankfurt (Oder) auf, wo ihn Gotthelf Samuel Steinbart beeindruckte. Er wurde 1792 zum Dr. phil. promoviert und legte ein theologisches Examen ab. Eine Bewerbung als Pfarrer in Magdeburg blieb erfolglos. Von Oktober 1792 bis 1795 war er Privatdozent für Philosophie in Frankfurt (Oder).

In den Jahren 1795 bis 1796 unternahm Zschokke eine Bildungsreise durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz, wo er sich schließlich niederließ. 1796 wurde er Lehrer und Leiter des Philanthropins in Reichenau im Kanton Graubünden. Er setzte sich für die Verbesserung des Schulwesens ein, wurde politisch aktiv und erwarb das Bürgerrecht der Drei Bünde. 1798 ergriff er Partei für die Helvetische Revolution und engagierte sich für die Helvetische Republik. Als Chef des Büros für Nationalkultur unter dem Wissenschafts- und Kulturminister Philipp Albert Stapfer sowie seit 1800 als Regierungsstatthalter in Basel bekleidete er hohe politische Ämter.

Nach seiner Übersiedlung nach Aarau 1802 wurde Zschokke zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten beim Übergang der Alten Eidgenossenschaft zum Bundesstaat. Er heiratete 1805 Anna Elisabeth, genannt Nanny, Nüsperli, die Tochter des Pfarrers Jakob Nüsperli; aus der Ehe gingen zwölf Söhne und eine Tochter hervor. Zeitweise lebte er im Schloss Biberstein. 1807 erwarb er ein Haus in Aarau. 1810 kaufte er einen Ziegelgarten mit Gebäuden und beteiligte sich an einer Ledermanufaktur unter der Firma Zschokke-Oelhafen & Co., aus der er sechs Jahre später finanziell abgesichert wieder ausschied. Von der Auszahlung seines zurückgehaltenen Basler Gehalts und dem Erlös von Edelsteinen, die ihm 1815 das bayerische Königspaar geschenkt hatte, ließ er die selbst entworfene Villa Blumenhalde erbauen. Dort lebte er mit seiner Familie von 1818 bis zu seinem Tod 1848.

Zahlreiche öffentliche Ämter übte Zschokke bis auf die Tätigkeit als Forst- und Berginspektor ehrenamtlich aus. Er gehörte unter anderem dem Großen Rat des Kantons Aargau an, war Mitglied des reformierten Kirchenrats, der Kantonsschuldirektion und wirkte 1831 als Vizepräsident des Verfassungsrats. Mehrfach war er Tagsatzungsgesandter. Zeitlebens warb er für die Verbesserung der Volksbildung und förderte sie durch Vereine und selbst gegründete Schulanstalten, darunter der Bürgerliche Lehrverein von 1820, eine Art früher Volkshochschule. Er starb am 27. Juni 1848 in Aarau und wurde auf dem Friedhof Rosengarten bestattet.


Literarische Merkmale

Anfangs wandte sich Zschokke der Räuber- und Schauerromantik zu. Dazu gehören die Tragödie Graf Monaldeschi von 1790 sowie die Romane Abällino der große Bandit und Alamontade, der Galeerensklave. Er bediente mit Dramen und mit Geheimbund-, Geister-, Schauer- und Seeräuberromanen die zeitgenössischen literarischen Strömungen und wurde zu einem vielgespielten Theaterdichter. 1793 forderte er in seinen Ideen zur psychologischen Ästhetik eine Kunst, die auf das Volk wirken und Nutzen stiften sollte.

Später schrieb Zschokke moralische Erzählungen mit aufklärerischer Tendenz. Seine Novellen und Romane wie Der tote Gast, Das Goldmacherdorf und Die Nacht in Brczwezmcisl waren beim Publikum sehr beliebt, ebenso sein Erbauungsbuch Stunden der Andacht. 1814 erschien die Erzählung Hans Dampf in allen Gassen. Das 1817 veröffentlichte Goldmacherdorf gilt als erster Genossenschaftsroman der Weltliteratur; 1833 lag bereits die fünfte Auflage vor, und der Roman wurde in zahlreiche europäische Sprachen übersetzt.

Neben der erzählenden Literatur machte sich Zschokke durch seine geschichtlichen Arbeiten einen Namen. Er forschte zur älteren Geschichte der Schweiz und verfasste ein umfangreiches Werk zur Geschichte Bayerns, die Baierischen Geschichten, für die ihm König Maximilian I. Joseph eine goldene Dose schenkte. Zugleich gab er zahlreiche Zeitungen heraus, darunter 1799 den Helvetischen Genius und ab 1804 das Wochenblatt Der Schweizer-Bote, das bis 1878 erschien. Auch als Übersetzer trat er hervor: Er übertrug die Nouvelles Genevoises von Rodolphe Töpffer ins Deutsche.


Rezeption

Zu seiner Zeit war Zschokke einer der meistgelesenen deutschsprachigen Schriftsteller. Zu seinen größten Bühnenerfolgen zählte das in viele Sprachen übersetzte Räuberstück Abällino der große Bandit. Wie Goethe berichtete, wurde es am Weimarer Theater Schillers Die Räuber gleichgestellt. Der französische Schriftsteller Charles Nodier sah sich nach seinem eigenen Räuberroman Jean Sbogar von 1818 zu Unrecht des Plagiats an Abällino bezichtigt und wies den Vorwurf im Vorwort humorvoll zurück, er habe Zschokke gar nicht gekannt.

Auf einer gemeinsamen Wanderung 1802 maß sich Zschokke mit Heinrich von Kleist und Ludwig Wieland in einem literarischen Wettstreit. Aus ihm gingen Zschokkes Erzählung Der zerbrochene Krug, veröffentlicht 1813, und Kleists gleichnamiges Lustspiel von 1808 hervor.

Über die Literatur hinaus wirkte Zschokke als Politiker und Publizist nach. Er engagierte sich gemeinsam mit Franz Xaver Bronner, Johann Heinrich Pestalozzi und Philipp Albert Stapfer für die politische Volksaufklärung. Durch ihn und seinen Verleger Heinrich Remigius Sauerländer wurde der Aargau laut der Deutschen Biographie zu einer Hochburg des europäischen Liberalismus. Sein andauerndes Wirken zeigt sich auch darin, dass sein Schweizer-Bote noch drei Jahrzehnte über seinen Tod hinaus erschien.

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