1920
Ein Landarzt
Überblick↑
Ein Landarzt ist der zweite Erzählband von Franz Kafka. Er erschien Ende 1919 mit der Jahresangabe 1920 im Münchner Verlag Kurt Wolff. Der Band versammelt vierzehn kurze Prosastücke, die Kafka zwischen 1914 und 1917 geschrieben hat. Dazu gehören so bekannte Texte wie Vor dem Gesetz, Eine kaiserliche Botschaft und Ein Bericht für eine Akademie. Den Erzählungen ist die schlichte Widmung „Meinem Vater" vorangestellt. Kafka selbst zählte den Band Jahre später zu den wenigen seiner Werke, die er gelten ließ.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Vierzehn kurze Prosastücke sind in dem Band versammelt, jedes für sich eine eigene kleine Welt. Den Auftakt macht Der neue Advokat. Es folgt die titelgebende Erzählung Ein Landarzt. In ihr wird ein Arzt zu einem nächtlichen Krankenbesuch gerufen und gerät in eine seltsam verschobene Wirklichkeit. Auf der Galerie wirft den Blick auf eine Zirkusszene, Ein altes Blatt auf einen rätselhaften Vorfall in einer Hauptstadt.
In Vor dem Gesetz wartet ein Mann vom Lande an einem Tor. In Schakale und Araber trifft ein Reisender in der Wüste auf seltsame Gesprächspartner. Ein Besuch im Bergwerk, Das nächste Dorf und Eine kaiserliche Botschaft reihen sich an als kurze Bilder mit großer Tiefenwirkung.
Die Sorge des Hausvaters stellt das geheimnisvolle Wesen Odradek vor. Elf Söhne lässt einen Vater seine Kinder mustern, Ein Brudermord zeigt eine nächtliche Tat, Ein Traum einen jungen Mann auf einem Friedhof. Den Schluss bildet Ein Bericht für eine Akademie, in dem ein vom Affen zum Menschen gewordenes Wesen vor gelehrtem Publikum spricht.
Worum es im Kern geht, lässt sich nicht in einem Satz sagen. Genau das macht den Reiz aus. Vertraute Lebenslagen kippen ins Befremdliche, ohne dass die Erzählstimme je den ruhigen Ton verliert.
Die Handlung im Detail↑
Der Band enthält in der von Kafka selbst festgelegten Reihenfolge vierzehn Prosastücke. Der neue Advokat eröffnet die Sammlung mit einer kurzen Betrachtung über Bucephalus, einst das Streitross Alexanders, der nun als Anwalt im Gerichtssaal lebt.
In der titelgebenden Erzählung Ein Landarzt wird der Arzt in einer Winternacht zu einem schwer kranken Jungen auf dem Land gerufen. Pferde tauchen wie aus dem Nichts auf, ein fremder Pferdeknecht bedrängt das Dienstmädchen Rosa, der Arzt erreicht den Patienten und entdeckt an dessen Seite eine grauenvolle Wunde. Die Familie und die Dorfgemeinschaft drängen ihn in das Bett des Kranken; am Ende irrt der Arzt nackt durch den Schnee, weil die Pferde ihn nicht mehr nach Hause tragen.
Auf der Galerie entwirft in zwei langen Sätzen zwei Versionen einer Zirkusvorstellung – eine grausame und eine prachtvolle – und überlässt dem Leser das Urteil. Ein altes Blatt berichtet aus der Sicht eines Schusters, wie Nomaden in die Hauptstadt eingedrungen sind und der Kaiser dem Treiben hilflos zusieht.
Vor dem Gesetz erzählt von einem Mann vom Lande, der Einlass ins Gesetz begehrt. Der Türhüter weist ihn ab, lässt ihn warten, ein Leben lang. Erst sterbend erfährt er, dass dieser Eingang nur für ihn bestimmt war – und nun geschlossen wird. In Schakale und Araber tragen die Schakale einem europäischen Reisenden ihren uralten Hass auf die Araber zu und erwarten von ihm die Erlösung; der Araberführer lacht und wirft den Tieren ein totes Kamel hin.
Ein Besuch im Bergwerk schildert das Erscheinen vornehmer Ingenieure unter Tage, Das nächste Dorf verdichtet in wenigen Zeilen die Erfahrung, dass schon ein Ritt ins Nachbardorf das ganze Leben übersteigen könnte. Eine kaiserliche Botschaft beschreibt einen Boten, den der sterbende Kaiser mit einer Nachricht an einen Einzelnen schickt – der Bote kommt nie an, durch die Säle, Höfe und Treppen des Palastes hindurch.
Die Sorge des Hausvaters stellt Odradek vor, ein sternförmiges Zwirnsgebilde mit eigener Stimme, das im Haus umherhuscht und das den Hausvater mit der Vorstellung quält, es könnte ihn überleben. Elf Söhne lässt einen Vater jeden seiner elf Söhne knapp und mit unmissverständlicher Enttäuschung porträtieren. Ein Brudermord zeigt, wie Schmar nachts auf offener Straße seinen alten Bekannten Wese ersticht, während ein Zeuge namens Pallas vom Fenster aus zusieht.
Ein Traum schickt Josef K. auf einen Friedhof, wo ein Künstler einen Grabstein beschriftet. K. lässt sich, beglückt, selbst in das frisch gegrabene Loch sinken und erwacht erst dann. Den Abschluss bildet Ein Bericht für eine Akademie, in dem der ehemalige Affe Rotpeter den gelehrten Herren erzählt, wie er nach seiner Gefangennahme an der afrikanischen Goldküste auf einem Schiff den „Ausweg" gefunden hat: nicht in die Freiheit, sondern in die Menschwerdung. Er trinkt, spricht, tritt im Varieté auf und führt am Abend ein bürgerliches Leben – der Affe in ihm ist verschwunden, und er gibt seinen Bericht mit gemessener Höflichkeit.
Stil↑
Die Texte sind durchweg kurze Prosa, manche nur eine halbe Seite, andere wenige Seiten lang. Kafka erzählt in nüchternem, fast amtlichem Ton. Das lässt den Inhalt umso befremdlicher wirken: Das Unerhörte wird so beiläufig mitgeteilt, als wäre es selbstverständlich. Häufig spricht ein Ich, das von eigenen Erfahrungen berichtet: ein Arzt, ein Reisender, ein Hausvater, ein Affe vor der Akademie. Daneben stehen Parabeln und Gleichnisse wie Vor dem Gesetz oder Eine kaiserliche Botschaft, deren wenige Sätze sich ins Endlose dehnen lassen.
Kafka stellt seine Stücke nicht zufällig nebeneinander. Reihenfolge und Auswahl hat er selbst festgelegt. Einen ursprünglich vorgesehenen Text, Der Kübelreiter, nahm er wieder heraus, weil er den Zusammenhang des Bandes nicht stören wollte. Wiederkehrend sind Schwellen, Tore und Boten: Figuren, die unterwegs sind, ohne anzukommen, oder die warten, ohne hereingelassen zu werden.
Rezeption↑
Die Veröffentlichung des Bandes verzögerte sich kriegsbedingt um fast zwei Jahre. Bei Erscheinen Ende 1919 erfuhr das Buch nur eine einzige Rezension. Kafka selbst zählte den Landarzt-Band Jahre später zu jenen wenigen Schriften, die er gelten lassen wollte. Im November 1922 nannte er gegenüber Max Brod die Bücher Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung Hungerkünstler als die einzigen, die er anerkenne.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Band setzte erst spät und dafür umso gründlicher ein. 2003 widmete sich eine internationale literaturwissenschaftliche Tagung in Verona ausschließlich dem Landarzt-Zyklus. Bis heute erscheinen Neuausgaben mit Illustrationen unterschiedlicher Künstler. Dazu gehören eine Insel-Ausgabe mit Federzeichnungen von Alfred Kubin und eine bei Galiani in Köln erschienene Ausgabe mit Bildern von Kat Menschik.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →