Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · In der Strafkolonie
Eingang · Werke · In der Strafkolonie
Cover In der Strafkolonie
In der Strafkolonie
1919
– Werkseintrag –

In der Strafkolonie

1919 · Erzählung

Einem Forschungsreisenden wird auf einer fernen Insel eine Maschine vorgeführt, die jedem Verurteilten sein Urteil so lange in den Leib ritzt, bis er stirbt – und er muss entscheiden, ob er schweigt oder eingreift.

Überblick

Die Erzählung In der Strafkolonie gehört zu den bekanntesten Texten von Franz Kafka. Sie entstand im Oktober 1914 und erschien 1919. Im Mittelpunkt steht ein Forschungsreisender, dem auf einer abgelegenen Insel das Rechtssystem einer Strafkolonie vorgeführt wird. Dieses System beruht auf einer Maschine, die jedem Verurteilten das übertretene Gebot stundenlang in den Körper ritzt, bis er stirbt. Das Urteil steht dabei von vornherein fest und kann nicht angezweifelt werden. Der Text verbindet eine nüchterne, technische Darstellung mit einem zutiefst grausamen Geschehen und berührt die großen Fragen von Schuld, Gericht und Strafe.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein hoch angesehener Forschungsreisender besucht eine abgelegene Insel, die als Strafkolonie eines mächtigen, nicht näher genannten Landes dient. Man lädt ihn ein, an einer öffentlichen Hinrichtung teilzunehmen. Vollzogen wird sie durch einen eigentümlichen Apparat, den der inzwischen verstorbene „Alte Kommandant“ entwickelt hat. Ein Offizier, der zugleich Richter und Vollstrecker ist, bedient die Maschine und erklärt dem Besucher voller Stolz ihre Funktionsweise.

Das Verfahren ist ungewöhnlich: Dem Angeklagten wird das Urteil nicht verkündet, und er hat keine Möglichkeit, sich zu verteidigen. Erst während der langen Qual soll er angeblich am Schriftzug, den die Maschine immer tiefer in seinen Leib ritzt, dessen Bedeutung selbst erkennen. Diesmal soll einem einfachen Soldaten, der seinem Vorgesetzten gegenüber ungehorsam gewesen sein soll, das Gebot „Ehre deinen Vorgesetzten“ eingeschrieben werden.

Seit dem Tod des alten Kommandanten findet diese Strafform jedoch immer mehr Gegner, auch beim neuen Kommandanten. Der Offizier setzt nun große Hoffnung auf das Urteil des Reisenden, der als Fachmann des Strafvollzugs gilt. So entsteht ein stilles Ringen darum, ob der Besucher die Maschine retten oder fallen lassen wird – und welchen Ausgang die Vorführung nimmt.

Die Handlung im Detail

Auf einer abgelegenen Insel, der Strafkolonie eines mächtigen Landes, wird ein angesehener Forschungsreisender zu einer öffentlichen Exekution eingeladen. Ein Offizier führt ihn herum und erklärt voller Begeisterung den Apparat, mit dem die Strafe vollzogen wird. Der Offizier war früher Gerichtspräsident und ist zugleich Vollstrecker; die Methode wurde vom verstorbenen „Alten Kommandanten“ eingeführt. Die Maschine ritzt dem Verurteilten in einer langen, blutigen Prozedur das übertretene Gebot immer tiefer in den Körper, bis er nach zwölf Stunden stirbt. Erst während dieser Qual soll der Verurteilte am Schriftzug die Bedeutung seines Urteils erkennen.

Der Angeklagte erfährt sein Urteil nicht, und eine Verteidigung gibt es nicht. Bei dieser Exekution soll einem einfachen, etwas einfältigen Soldaten, der als Diener eingeteilt und seinem Herrn gegenüber ungehorsam gewesen sein soll, der Schriftzug „Ehre deinen Vorgesetzten“ eingeritzt werden. Ein weiterer Soldat bewacht ihn, und zwischen beiden entsteht eine fast kameradschaftliche Vertrautheit, die zu skurrilen Momenten führt.

Seit dem Tod des alten Kommandanten hat die Strafform immer mehr Gegner gefunden, darunter den neuen Kommandanten, der vor allem die öffentliche Exekution kritisiert. Der Offizier hofft, der Reisende werde sich als Experte positiv über die Maschine äußern und so ihren Fortbestand sichern. Nachdem ihm Aufbau und Funktion ausführlich erklärt wurden und der nackte Verurteilte bereits festgeschnallt ist, bittet der Offizier den Reisenden um Unterstützung beim neuen Kommandanten. Der Reisende lehnt ab. Er versichert zwar, sich nicht öffentlich gegen die Maschine zu äußern, will seine Ablehnung dem Kommandanten aber unter vier Augen mitteilen. Die Inhumanität des Vorgangs missbilligt er, hält sich aber als Bürger eines fremden Landes nicht für befugt, darüber zu urteilen.

Als der Offizier erkennt, dass er den Besucher nicht überzeugen kann, lässt er den verdutzten Verurteilten befreien und sich wieder anziehen. An dessen Stelle entkleidet er sich nun selbst und legt sich nackt in die Maschine. Er stellt das Räderwerk so um, dass es ihm die Worte „Sei gerecht“ in den Rücken schreiben soll. Kaum haben ihn die beiden Soldaten festgezurrt, setzt sich der Apparat von selbst in Gang – doch er arbeitet ganz anders als vorgesehen. Lautlos und immer schneller läuft der Mechanismus, die Zahnräder springen aus den Kästen, die ganze Maschine droht zu zerbersten. Die Nadeln schreiben nicht, sondern stechen nur tief in den blutenden Körper: Es ist keine Folter mehr, sondern unmittelbarer Mord. Statt vieler Stunden dauert es nur wenige Minuten, bis der Offizier tot ist und, einen langen eisernen Stachel in der Stirn, über der Abfallgrube hängt. Sein Gesicht zeigt kein Zeichen der Erlösung, die er zuvor so begeistert beschrieben hatte, sondern blickt den Reisenden „ruhig und überzeugt“ mit offenen Augen an.

Nach diesem Zusammenbruch von Mensch und Maschine besucht der Reisende, begleitet von den beiden Soldaten, noch das Grab des alten Kommandanten. Dann reist er überstürzt ab und verhindert dabei erfolgreich, dass die beiden Soldaten ihm folgen und die Insel ebenfalls verlassen.

Daneben existieren drei fragmentarische Schlussvarianten vom August 1917, in denen Kafka andere Enden erprobt. Dort erscheint der Reisende seelisch und körperlich tief erschöpft, einmal scheint er fast den Verstand zu verlieren. Und plötzlich taucht – wie eine Geistererscheinung – der hingerichtete Offizier noch einmal auf, mit dem Stachel, der aus seiner geborstenen Stirn ragt.

Stil

In drei Abschnitte lässt sich die Erzählung gliedern: die Vorführung der Exekutionsmaschine, das missglückte Selbstopfer des Offiziers und die Abreise des Reisenden. Im ersten Teil beschreibt der Offizier die schockierende Tötungsmaschinerie äußerst genau und in einem selbstverständlichen Tonfall – so, als handele es sich um die Gebrauchsanweisung eines Staubsaugers. Erst sein Appell an den Reisenden, von dem er sich Hilfe erhofft, wird dramatischer und in Ausrufen und Fragen gefasst.

Der zweite Abschnitt schildert den Zusammenbruch der Maschine erzählerisch unspektakulär, in kurzen, unaufgeregten Sätzen – ein ruhiges Ausklingen, wie man es sonst erst ganz am Schluss erwarten würde. Auch der dritte Teil bleibt lakonisch: So wie der Reisende das Geschehen rasch hinter sich lassen will, strebt die Geschichte ohne sprachliche Umwege und Schnörkel dem Ende zu.

Die Perspektivfigur, durch die der Leser eine Innenansicht erhält, ist der Reisende. Er ist jedoch nicht der eigentlich Betroffene, nicht das Opfer. Der Offizier wiederum äußert sich engagiert, ja pathetisch, gibt aber von seiner tatsächlichen inneren Gefühlswelt nichts preis. So entsteht eine merkwürdig anonyme Erzählweise, die eine Identifikation mit keiner der Figuren zulässt.

Rezeption

Vielfältig sind die Deutungen, die der Text über die Jahrzehnte erfahren hat. Mehrere Interpreten lesen die leidvolle Darstellung der Körper als Verarbeitung religiöser Formen, etwa der Christusimitation; durch den Anklang an das Neue Testament und die Kreuzigung Jesu rücken die Vorgänge an überlieferte religiöse Vorstellungen heran. Im Mittelpunkt steht der Themenkomplex von Schuld, Gericht und Strafe, der nicht nur Gesellschaftskritik berührt, sondern eine existenzielle und religiöse Dimension besitzt. Für Kafka, so eine Deutung, war der Schmerz das eigentliche Faktum der Existenz. Andere Interpreten sehen Bezüge zu Sigmund Freud und zu Friedrich Nietzsche.

Ein Deutungsansatz versteht den Reisenden als Abbild des Lesers selbst: Mit jeder Lektüre erstehe die Welt des alten Kommandanten aufs Neue. Verschiedene Stimmen betonen, hier träfen zwei europäische Haltungen aufeinander – eine konventionelle, ziemlich hilflose Humanität und eine zielbewusste, völlig inhumane Technikbegeisterung. Andere lesen die Erzählung zugleich als Geschichte über den menschlichen Körper und über das Schreiben selbst, über die Gewalt der schreibenden Hand und ihrer Werkzeuge.

Auch in andere Künste hat das Werk hineingewirkt. Die Kammeroper In the Penal Colony von Philip Glass, mit einem Libretto von Rudolph Wurlitzer, beruht auf Kafkas Erzählung und wurde im Jahr 2000 in Seattle uraufgeführt. Frank Zappa wiederum empfahl im Begleittext des Albums We’re Only in It for the Money der Mothers of Invention die Lektüre der Erzählung.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten