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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Der Process
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Der Process
1925
– Werkseintrag –

Der Process

1925 · Roman

An seinem dreißigsten Geburtstag wird der Bankprokurist Josef K. verhaftet – warum, sagt ihm niemand, und je mehr er es herausfinden will, desto tiefer gerät er in eine Welt, in der das Gericht überall ist und nirgends greifbar.

Überblick

Der Process gehört neben Das Schloss und Der Verschollene zu den drei großen unvollendeten Romanen Franz Kafkas. Geschrieben wurde er in den Jahren 1914 und 1915. Erschienen ist er erst postum 1925, herausgegeben von Max Brod. Erzählt wird die Geschichte des Bankprokuristen Josef K. Er wird an seinem dreißigsten Geburtstag verhaftet, ohne zu erfahren, was man ihm vorwirft. Der Roman ist zu einem Schlüsselwerk der literarischen Moderne geworden. Er hat den Begriff des Kafkaesken geprägt – eines Zustands, in dem ein einzelner Mensch einer undurchschaubaren Macht gegenübersteht.

Inhalt (ohne Spoiler)

Am Morgen seines dreißigsten Geburtstages wacht der Bankprokurist Josef K. in seinem Zimmer auf. Er wartet vergeblich auf das gewohnte Frühstück. Stattdessen stehen zwei fremde Männer vor ihm und teilen ihm knapp mit, er sei verhaftet. Worum es geht, sagen sie nicht – sie dürften es nicht, behaupten sie. K. darf sich weiterhin frei bewegen, weiter in der Bank arbeiten, weiter in seiner Pension wohnen. Nur ein Verfahren läuft gegen ihn, von dem er nichts Genaueres erfährt.

Josef K. hält die Sache zunächst für einen schlechten Scherz, dann für einen Irrtum, der sich leicht aufklären lassen müsse. Doch je mehr er versucht, an das Gericht heranzukommen, desto weniger Zugang findet er. Die Gerichtskanzleien stecken auf den Dachböden ärmlicher Mietshäuser, die Richter sind unsichtbar, die Akten unzugänglich. K. spricht mit einer Vermieterin, einer Nachbarin, einem Onkel, einem Anwalt, einem Maler. Jeder weiß irgendetwas über das Gericht, niemand weiß genug.

Allmählich beginnt das Verfahren, K.s Leben zu beherrschen. Anfangs fühlt sich der selbstbewusste Beamte überlegen. Doch er wird zu einem Mann, der seine Tage damit verbringt, über seinen Fall nachzudenken. Der Roman folgt diesem langsamen Eindringen des Gerichts in K.s Existenz. Dabei stellt er eine Frage, die er nie beantwortet: Was hat K. eigentlich getan?

Die Handlung im Detail

An seinem dreißigsten Geburtstag wird Josef K. in seinem Zimmer von zwei Wächtern namens Franz und Willem überrascht. Sie erklären ihn für verhaftet, ohne einen Grund zu nennen, und essen sein Frühstück auf. Ein Aufseher empfängt ihn nicht in K.s eigenem Zimmer, sondern in dem der abwesenden Nachbarin, Fräulein Bürstner. Drei Bankangestellte sind anwesend. Der Aufseher weist K. zurecht und teilt ihm zugleich mit, die Verhaftung werde seinen Alltag und seinen Beruf nicht beeinträchtigen. K. geht wie gewohnt in die Bank.

Am Abend kehrt er in die Pension zurück, um sich bei seiner Vermieterin Frau Grubach und bei Fräulein Bürstner für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. Er wartet auf das Fräulein im Flur, folgt ihr in ihr Zimmer und spielt ihr die Szene des Morgens nach, wobei er laut seinen Namen ruft. Ein Hauptmann nebenan wird wach und klopft. Beim Abschied küsst K. das müde Fräulein gegen ihren Willen heftig auf Hals, Gesicht und Mund.

Telefonisch wird K. für den folgenden Sonntag zu einer ersten Untersuchung bestellt, ohne dass eine Uhrzeit genannt wird. Er findet das Gericht in einem heruntergekommenen Mietshaus, in der Wohnung eines Gerichtsdieners, im fünften Stock. Der Untersuchungsrichter empfängt ihn als „Zimmermaler". K. hält eine lange Rede, in der er das Gericht als korrupt und absurd geißelt und die Bestechlichkeit der Wächter anprangert. Während er spricht, treibt es ein Paar in der Ecke des Saales lautstark miteinander. K. bemerkt, dass alle Anwesenden – die scheinbar geteilten Parteien wie der Richter – dasselbe Abzeichen am Kragen tragen. Er bricht ab und erklärt, auf weitere Verhöre zu verzichten.

Am folgenden Sonntag geht er unaufgefordert zurück. Er trifft die Frau des Gerichtsdieners, in der er die Frau aus dem Liebespaar wiedererkennt. Sie bietet sich ihm an, zeigt ihm die juristischen Bücher des Untersuchungsrichters, die sich als Sammlung pornografischer Zeichnungen entpuppen, und will mit ihm fliehen. Da erscheint der Jurastudent Berthold, hebt sie auf und trägt sie zum Untersuchungsrichter. K. lässt es geschehen. Der zurückkehrende Gerichtsdiener führt ihn durch die Kanzleien auf dem Dachboden, wo gedemütigte Angeklagte auf Bänken sitzen und warten. K. wird ohnmächtig, die Luft scheint ihm den Atem zu nehmen. Erst draußen erholt er sich schlagartig.

In einer Rumpelkammer der Bank wird K. Zeuge, wie ein halbnackter, in Leder gekleideter Prügler die beiden Wächter auspeitscht, die ihn verhaftet hatten – als Strafe für die Vorwürfe, die K. selbst gegen sie erhoben hat. Er versucht den Prügler zu bestechen, vergeblich. Als Franz aufschreit, schließt K. die Tür und flieht. Am nächsten Tag öffnet er die Kammer erneut: Dieselbe Szene, als wäre die Zeit stehen geblieben. Er lässt die Kammer von zwei Bankdienern aufräumen.

K.s Onkel Karl, ehemals sein Vormund, erfährt durch seine Tochter Erna von dem Verfahren und nimmt K. mit zum kranken Advokaten Huld. Beim Anwalt ist der Kanzleidirektor des Gerichts anwesend. Während die drei alten Herren K.s Sache besprechen, lockt ihn das Hausmädchen Leni aus dem Zimmer und verführt ihn. Der Onkel macht K. anschließend schwere Vorwürfe, eine so wichtige Besprechung wegen „eines kleinen, schmutzigen Dinges" versäumt zu haben.

Huld bemüht sich monatelang um den Fall, ohne sichtbaren Fortschritt. K. wird zunehmend unzufrieden mit den weitschweifigen Reden seines Anwalts und beschließt, eine eigene Verteidigungsschrift auszuarbeiten. In der Bank empfängt er einen Fabrikanten, der von dem Verfahren weiß und ihn an den Gerichtsmaler Titorelli verweist. Dieser, so heißt es, kenne Richter und Beamte.

K. sucht Titorelli in einem winzigen Atelier auf einem Dachboden auf. Der Maler erklärt ihm die drei Möglichkeiten: einen „wirklichen Freispruch", eine „scheinbare Freisprechung" und die „Verschleppung". Den wirklichen Freispruch habe es zu seinen Lebzeiten nie gegeben, selbst Unschuld helfe da nicht. Die scheinbare Freisprechung verlangt Unterschriften vieler Richter und kann jederzeit aufgehoben werden. Die Verschleppung hält den Prozess auf niedrigster Stufe in der Schwebe. K. verlässt das Atelier durch eine Tür, hinter der sich – wie überall – wieder Gerichtskanzleien anschließen.

Der Roman folgt dem allmählichen Eindringen des Gerichts in K.s Leben weiter, bis K. seinen Anwalt entlassen will und in einem Dom auf einen Gefängniskaplan trifft, der ihm die Türhüterparabel erzählt: Vor dem Gesetz steht ein Türhüter, ein Mann vom Lande wartet sein Leben lang darauf, eingelassen zu werden, doch der Eingang war, wie der Türhüter ihm schließlich sagt, nur für ihn bestimmt – und wird nun geschlossen.

Am Vorabend seines einunddreißigsten Geburtstages holen zwei Herren in schwarzen Gehröcken Josef K. aus seiner Wohnung ab. Sie führen ihn aus der Stadt hinaus in einen Steinbruch. Dort legen sie ihn auf einen Stein, einer öffnet ein Schlachtermesser, reicht es über K. hinweg dem anderen. K. wartet darauf, dass er das Messer ergreift und sich selbst tötet, doch er tut es nicht. Schließlich stößt einer der beiden ihm das Messer ins Herz und dreht es zweimal um. Mit seinen letzten Worten denkt K.: „Wie ein Hund!" Es ist, als sollte die Scham ihn überleben.

Der Roman blieb unvollendet; Kafka hatte einige Kapitel weiter ausgeführt als andere, und die Reihenfolge der mittleren Kapitel ist nicht eindeutig festgelegt.

Stil

Der Process ist in einer kühlen, sachlichen Prosa geschrieben. Sie steht in scharfem Kontrast zu dem Albtraum, den sie schildert. Kafka berichtet die ungeheuerlichsten Vorgänge im Ton des Protokolls. Wächter dringen in ein Schlafzimmer ein, ein Gericht tagt auf dem Dachboden, ein Mensch wird in einem Steinbruch erstochen – und die Sätze bleiben ruhig, präzise, fast amtlich.

Die Erzählung folgt durchgehend der Perspektive Josef K.s. Der Leser erfährt nicht mehr als die Hauptfigur. Er teilt mit ihr die Verwirrung darüber, was eigentlich vor sich geht. Wer das Gericht ist, wo es sitzt, was es will, bleibt offen. Die Welt des Romans hat die Logik des Traums: Räume gehen unerwartet ineinander über. Hinter jeder Tür liegt eine weitere Kanzlei. Zeit dehnt und staucht sich. Personen tauchen auf und verschwinden, ohne dass nach ihnen gefragt würde.

Wiederkehrend sind enge, schlecht gelüftete Innenräume, dämmrige Treppenhäuser, Dachböden. Frauen treten K. immer wieder als Helferinnen entgegen. Dabei üben sie eine erotische Anziehung aus. Zugleich stehen sie in einer rätselhaften Verbindung zum Gericht. Die Komik des Romans – und es gibt sie – entsteht aus dem nüchternen Ernst, mit dem das Absurde behandelt wird.

Rezeption

Max Brod, Kafkas Freund und Nachlassverwalter, gab den Roman 1925 gegen den ausdrücklichen Wunsch des Autors heraus. Im Nachwort der Erstausgabe schrieb er, kaum ein Leser werde die Unvollständigkeit des Werkes spüren. Die ausgeführten Kapitel ließen Sinn und Gestalt des Romans mit einleuchtender Klarheit hervortreten. Brod sprach stets vom „Roman", nicht vom Fragment, und prägte damit die Wahrnehmung des Werkes für Jahrzehnte.

Die Forschung hat diese Sicht später relativiert. Sie befasste sich intensiv mit der Anordnung der Kapitel, der Entstehungsgeschichte und der Frage, wie das Buch zu lesen sei. Peter-André Alt beschreibt Josef K.s Geschichte als „Traum von der Schuld", als Angsttraum. In dessen befremdlicher juristischer Ordnung spiegeln sich seelische Zustände. Auch wenn K. „wie ein Hund" sterbe, bleibe die Scham zurück, die nur Menschen empfinden können. Sie ist Folge des Wissens um Gut und Böse. Dieses Wissen unterscheidet den Menschen vom Tier und zeichnet ihn zugleich mit dem Stigma der Schuld. Reiner Stach nennt den Process ein „Monstrum". Nichts sei hier normal, nichts einfach. Und gleich ob man Entstehung, Manuskript, Form, Stoff oder Deutung betrachte – „Finsternis wohin man blickt".

Der Roman ist vielfach übersetzt, immer wieder verfilmt und auf die Bühne gebracht worden. Orson Welles verfilmte ihn 1962. Später folgten Opern- und Theaterbearbeitungen. „Kafkaesk" ist zu einem Wort der Alltagssprache geworden. Es bezeichnet jene Erfahrung undurchschaubarer Macht, die Josef K. widerfährt.

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