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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Der Prinz von Theben
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Der Prinz von Theben
1914
– Werkseintrag –

Der Prinz von Theben

1914 · Erzählung

Ein erfundener Orient zwischen Bagdad, Jerusalem und Theben, in dem Else Lasker-Schüler jüdische, christliche und muslimische Überlieferung zu acht märchenhaften Erzählungen verwebt.

Überblick

Der Prinz von Theben ist ein Band orientalischer Phantasiegeschichten von Else Lasker-Schüler. Er erschien im Sommer 1914 im Leipziger Verlag der weißen Bücher. Das Buch versammelt acht Erzählungen, die in einem märchenhaften Morgenland zwischen Bagdad, Jerusalem, Kairo und Theben spielen. In ihrer Mitte steht Jussuf, der titelgebende Prinz. Hinter dessen Gestalt verbirgt sich die Dichterin selbst. Lasker-Schüler verschränkt jüdische, christliche und muslimische Überlieferung zu einem dichten poetischen Gewebe und schafft eine ihrer eigenwilligsten Prosaarbeiten.

Inhalt (ohne Spoiler)

Acht miteinander lose verbundene Geschichten führen in einen erfundenen Orient. Als Erzählerin durchquert eine Prinzessin aus Bagdad, Urenkelin des obersten Priesters der Moscheen, Höfe, Wüsten und Harems. Sie tränkt Kamele in Kairo und gerät an den Hof ihres afghanischen Onkels. Sie lernt den Tanz eines Derwischs kennen. Im Konstantinopler Frauenhaus erlebt sie eine Züchtigungsszene, vor der sie flieht.

Im Mittelpunkt des Bandes steht das Buch der drei Abigails. Es erzählt die Geschichte dreier Herrscher von Theben. Darunter ist Jussuf, der Sohn des Oberpriesters. Er wird zugleich König und Priester und zeigt sich als ungewöhnlicher Krieger. Die Rahmenerzählungen bewegen sich zwischen Liebeswerbungen, Stammesriten und religiösen Begegnungen. Eröffnet wird der Reigen mit der Geschichte zweier Männer, die für die Versöhnung von Judentum und Islam stehen. Beschlossen wird er mit einem Aufeinandertreffen vor Jerusalem, in dem die Erzählerin selbst den Heerführerinnen-Platz einnimmt.

Die Handlung im Detail

Die Eröffnungsgeschichte Der Scheik stellt zwei Männer vor, die für die Aussöhnung der Religionen stehen: den jüdischen Sultan Mschattre-Zimt und den muslimischen Scheik, den obersten Priester aller Moscheen Bagdads und Urgroßvater der Erzählerin.

In Tschandragupta erschlägt ein heidnischer Sohn nach Stammessitte seinen siebzigjährigen Vater und wird selbst Häuptling. Er liebt die Tochter des Juden Melech; aus dieser Verbindung geht ein zweiter Tschandragupta hervor, der zwischen Heidenmädchen und Juden hin- und hergerissen ist. In Jericho verliebt er sich in Schlôme, das einzige Kind des jüdischen Oberpriesters. Weil er kein Abgesandter Jehovas ist, wird kein Paar daraus: Schlôme salbt sich als Braut und wird von dem Geliebten verschlungen, so daß es scheint, als trage er sie nun in sich.

In Der Derwisch tanzt der Derwisch über Kairo, während über der Stadt der Gebetschein des Korans schwebt; Christen flüchten vor Steinwürfen, Gläubige werfen sich unter Tierhufe, junge Heilige geißeln sich. Die Erzählerin, seit sieben Jahren Waise, trägt den blutbefleckten Schafhirtenrock Jussufs und tränkt die Dromedare und Kamele.

Der Brief meiner Base Schalôme schildert eine Szene im Konstantinopler Harem des Großonkels: Die alte Tante zeigt unter den Hieben des Eunuchen ihr nacktes Hinterteil, die Cousinen sehen neidisch zu und entblößen die Brüste. Die Prinzessin macht sich auf allen vieren davon.

In Der Fakir wird die Erzählerin an den Hof ihres Onkels mütterlicherseits geladen, des Emirs von Afghanistan, der für seine drei Töchter wohlhabende Schwiegersöhne sucht. Die Cousinen stehen im Bann des Fakirs, ihres Onkels mit dem Schlangensack. Die Erzählerin ist eigentlich dem sterbenden Hascha-Nid zugetan, verfällt aber dem Fakir; ihr anfängliches Schreien wandelt sich in ein „Freudengebrüll“, und die Leiber der Frauen „gehen auf wie braune und gelbe Rosen“. Schalôme, eine der Cousinen, bekommt nach einer Reihe solcher Nächte den Veitstanz.

Das Buch der drei Abigails bildet das Herzstück. Melech Abigail der Erste, Prinz von Theben, will zwanzig Jahre lang nicht geboren werden, tötet seine Mutter durch einen Tritt ins Herz, besteigt den Thron und kriecht als lichtscheuer Spätgeborener in den Leib jedweder Jungfrau, bis ein Palastbrand sein Leben beendet. Ihm folgt sein sechzigjähriger Cousin Arion-Ichtiosaur als Abigail der Zweite, der auf Haß, Gier und Mißgunst baut und sich mit Mathematik und Astronomie die Zeit vertreibt. Jussuf, Sohn des Oberpriesters, erdolcht den Astronomen und läßt sich mit siebzehn Jahren als Abigail der Dritte zum König krönen. Er ist zugleich Oberpriester, vertreibt den Feind ohne Blutvergießen und herrscht unbekümmert; als er versehentlich sein eigenes Todesurteil unterzeichnet, bewahren ihn Getreue vor der Vollstreckung. Jussuf erliegt einer Verwundung nach der Tigerjagd.

In Singa, die Mutter des toten Melechs des Dritten trauert Jussufs Mutter drei Jahre lang aufopferungsvoll um den Sohn; ihre Trauer auf die Einwohner und besonders die heiratsfähigen Mädchen zu übertragen, gelingt ihr trotz aller Mühe nicht.

Den Abschluß bildet Der Kreuzfahrer. Zehntausend Christen stehen vor Jerusalem. Ichneumon von Üsküb, der Cousin der Erzählerin, versagt vor dem Feind, woraufhin die Prinzessin selbst die Verteidigung übernimmt. An ihrer Seite stehen Muselmänner aus Mekka und Medina, Leute aus Jemen, Tyris und Ninive, Beduinen, Ägypter, Philister, Edomiter, Amoniter, Hethiter, Chaldäer, Sadduzäer, Judäer, Nachfahren Davids, Leviten, Jehovapriester und Talmudgelehrte aus Damaskus. Im Gefecht spaltet der Feind dem Cousin das Gesäß. Allahs Kriegerin siegt, der junge Kaiser Conradin ergibt sich und stirbt; seine Mutter pilgert herbei, und die Prinzessin versöhnt sich mit der Trauernden.

Stil

Die acht Geschichten sind in einer archaisierenden, bilderreichen Prosa geschrieben. Diese arbeitet mit kurzen, beschwörenden Sätzen und mischt biblische, koranische und märchenhafte Töne. Lasker-Schüler verschränkt Elemente des mystischen Judentums mit christlichen und muslimischen Überlieferungen zu einem eigenwilligen Orient.

Eine Eigenheit des Buches liegt in der Erzählhaltung. Im 1907 erschienenen Vorgängerband Nächte der Tino von Bagdad war die weibliche Ich-Erzählerin Tino noch durchgängig präsent. Ab 1910 wendet sich die Autorin allmählich von dieser Position ab. Sie läßt zunehmend Jussuf zu Wort kommen, der ungefähr dem biblischen Joseph entspricht. Im Prinz von Theben tritt Jussuf, der titelgebende Prinz, allerdings nur in der Geschichte Abigail der Dritte selbst auf und stirbt am Ende dieser Episode. In den letzten drei Geschichten ist höchstens noch vom toten Prinzen die Rede.

Auffällig ist die Komposition als Rahmen. Die erste Geschichte Der Scheik und die letzte Der Kreuzfahrer sprechen die Versöhnung zwischen den Religionen an. So machen sie das dazwischenliegende, oft schaurig-grausame Geschehen ein wenig erträglicher.

Rezeption

Schon im März 1915 besprach Max Herrmann-Neiße das Buch in der Züricher Zeitschrift Mistral. Die spätere Forschung hat die Erzählungen wiederholt als Schlüsseltexte aus Lasker-Schülers Berliner Künstlerkreis gelesen. Der Fürst Marc ben Ruben von Cana aus Abigail der Dritte wird mit dem Maler Franz Marc identifiziert. Der abendländische Kreuzfahrer wird mit Gottfried Benn identifiziert, der die Dichterin abgewiesen hatte. Bemerkenswert ist, daß sich die Frau in der Kreuzfahrergeschichte als Heerführerin allen Männern überlegen zeigt. Der einst abgerissene Schafhirt Jussuf ist längst zum mächtigen König geworden.

Die Bewertungen fallen unterschiedlich aus. Bänsch empfindet den eingebrachten Orient als aufgesetzten Flitter. Bischoff dagegen würdigt die Eröffnungsgeschichte Der Scheik ausführlich. Sprengel hat das „mörderische Ritual“ in Der Derwisch hervorgehoben, bei dem sich Gläubige von Reitern tottrampeln lassen. Es ist vermutlich bei dem Ägyptenkenner Georg Ebers entlehnt. Die 23 Söhne des Urgroßvaters in Der Scheik wirken autobiographisch gefärbt. Lasker-Schüler nahm das Motiv 1932 in Arthur Aronymus. Die Geschichte meines Vaters wieder auf. Reinartz faßt zusammen, daß die Dichterin „neben dem mystischen Judentum auch Elemente christlicher und muslimischer Traditionen“ aufgenommen habe. Diese Beschreibung trifft gerade auf den Prinzen von Theben zu.

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