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Der Pfarrer von Wakefield
1766
– Werkseintrag –

Der Pfarrer von Wakefield

1766 · Roman

Eine wohlhabende Landpfarrersfamilie verliert über Nacht ihr Vermögen und gerät in einen Strudel von Unglück, in dem sich erst nach und nach zeigt, wer es wirklich gut mit ihr meint.

Überblick

Das Werk Der Pfarrer von Wakefield ist der einzige Roman des irischen Autors Oliver Goldsmith. Er erschien 1766. Erzählt wird aus der Sicht der Titelfigur das Schicksal von Pfarrer Dr. Primrose und seiner Familie. Der Roman beginnt mit dem harmonischen Bild einer finanziell gut abgesicherten Landpfarrersfamilie. Danach folgt eine Reihe von Schicksalsschlägen: der Verlust des Vermögens, Krankheit und das Verschwinden der beiden Töchter. Am Ende wenden sich die Dinge durch den Eingriff eines Freundes der Familie zum Guten. Während die literarische Kritik dem Buch zwiespältig gegenüberstand, war es beim Publikum von Anfang an ein Erfolg. Im 18. und 19. Jahrhundert war der Roman weit verbreitet und diente späteren Hausväterromanen als Vorbild.

Inhalt (ohne Spoiler)

Zu Beginn führt Dr. Charles Primrose ein beschauliches Leben in einer ländlichen Pfarrei. Er wohnt dort mit seiner Frau Deborah, dem Sohn George, den Töchtern Olivia und Sophia sowie drei weiteren Kindern. Sein Gehalt als Vikar spendet er den Armen und Kriegsveteranen des Ortes, denn von den Zinsen eines ererbten Vermögens kann er gut leben. Sein ältester Sohn George hat in Oxford studiert und wirbt um Arabella Wilmot, die schöne Tochter eines Geistlichen aus der Nachbarschaft.

Am Vorabend der Hochzeit stellt sich heraus, dass Primrose sein gesamtes Vermögen durch die Machenschaften eines Betrügers verloren hat. Die Familie muss sich neu einrichten und zieht in ein bescheideneres Haus auf dem Grundbesitz des Gutsherrn Thornhill. Auf dem Weg dorthin warnt ein Gastwirt sie vor Thornhill, der als notorischer Schürzenjäger einen schlechten Ruf hat. Unterwegs schließt sich der Familie ein mittelloser Reisegefährte namens Burchell an, der sich schnell nützlich macht.

Am neuen Wohnort lernen die Primroses ihren Gutsherrn Ned Thornhill kennen, einen charmanten Mann, der Interesse an der hübschen Olivia zeigt. Mutter und Töchter schöpfen Hoffnung auf gesellschaftlichen Aufstieg. Auch Burchell taucht immer wieder auf, und es wird deutlich, dass er sich zu Sophia hingezogen fühlt. Doch schon bald verschwindet Olivia. Damit beginnt für die Familie eine Zeit der Prüfungen, in der sich zeigen muss, wer es wirklich gut mit ihr meint.

Die Handlung im Detail

Dr. Charles Primrose lebt mit seiner Frau Deborah, dem Sohn George, den Töchtern Olivia und Sophia und drei weiteren Kindern in einer ländlichen Pfarrei. Sein Vikarsgehalt gibt er an Arme und Kriegsveteranen, weil er von den Zinsen eines ererbten Vermögens lebt. George, der in Oxford studiert hat, wirbt um Arabella Wilmot, deren Vater eine bedeutende Mitgift stellen kann. Am Vorabend der Hochzeit kommt heraus, dass Primrose sein Vermögen durch einen Betrüger verloren hat. Daraufhin sagt Arabellas Vater die Hochzeit ab.

Die Familie muss sich neu orientieren. George wird nach London geschickt, um sich ein Auskommen zu suchen. Primrose zieht mit den Übrigen in ein bescheideneres Haus auf dem Gut des Herrn Thornhill. Auf der Reise machen sie in einem Gasthaus Halt, wo der Wirt sie vor Thornhills schlechtem Ruf warnt. Primrose freundet sich mit einem Gast namens Burchell an und begleicht dessen Rechnung, weil dieser nicht zahlen kann. Burchell reist ein Stück mit. Unterwegs fällt Sophia vom Pferd in einen Bach, und Burchell rettet sie vor dem Ertrinken. Kurz darauf trennen sich die Wege.

Am neuen Wohnort amtiert Primrose als Pfarrer und bewirtschaftet ein kleines Pachtgut, um sein Einkommen von 15 Pfund aufzubessern. Der Gutsherr Ned Thornhill erweist sich als charmant und zeigt Interesse an Olivia. Der regelmäßige Kontakt nährt bei Mutter und Töchtern die Hoffnung auf Aufstieg. Auch Burchell kehrt zurück und besucht die Familie; er interessiert sich für Sophia, und sie scheint seine Zuneigung zu erwidern. Primrose missfällt das, weil Burchell arm zu sein scheint. Als vornehme Damen aus Thornhills Gefolge den Töchtern einen Aufenthalt in London in Aussicht stellen, verhindert Burchell dies durch einen Brief. Darüber kommt es zum Bruch zwischen ihm und den Primroses.

Der Wendepunkt kommt, als Olivia verschwindet und das Gerücht umgeht, sie sei mit einem Mann durchgebrannt. Primrose sucht sie allein, findet sie zunächst nicht und erkrankt so schwer, dass er drei Wochen in einem Gasthaus bleiben muss. Auf dem Rückweg trifft er Arabella Wilmot mit deren Onkel und Tante sowie seinen Sohn George, der sich nach Abenteuern in England und auf dem europäischen Kontinent einer Schaustellergruppe angeschlossen hat. Die Liebe zwischen Arabella und George besteht noch, obwohl Gerüchte kursieren, Arabella solle Ned Thornhill heiraten. Thornhill selbst trifft ebenfalls ein und bietet George eine Stelle als Soldat an. George schöpft keinen Verdacht und bricht sofort nach London auf.

Auf der Weiterreise findet Primrose durch Zufall Olivia in einem Gasthaus. Thornhill hatte ihr Zuneigung vorgetäuscht und sie zum Weggang überredet. Er hatte sie zwar geheiratet, doch offenbar nur in einer vorgetäuschten Trauung mit einem bestochenen Geistlichen – ein Trick, den er schon bei anderen Frauen angewandt hatte. Danach hatte er sie in einem Haus zurückgelassen, in dem Frauen von zweifelhaftem Ruf lebten. Als Vater und Tochter heimkehren, steht ihr Wohnhaus in Flammen. Alle können gerettet werden, doch die Familie verliert ihren gesamten Besitz und muss in eine Scheune ziehen. Zugleich bestätigt sich, dass Thornhill Arabella heiraten will, was Olivia noch tiefer in Kummer stürzt.

Thornhill leugnet den Betrug an Olivia und besteht auf der Zahlung eines Schuldscheins und des ausstehenden Pachtzinses. Weil die mittellose Familie nicht zahlen kann, wird Primrose ins Schuldgefängnis eingewiesen. Dort erreichen ihn weitere Nachrichten: Olivia sei krank und schließlich gestorben, Sophia entführt. George wird blutverschmiert und in Ketten eingeliefert, weil er Thornhill erfolglos zum Duell gefordert hatte; Thornhill hatte ihn verprügeln und verhaften lassen.

In dieser verzweifelten Lage erscheint Burchell im Gefängnis, gefolgt von Ned Thornhill sowie Arabella und ihrem Vater. Es stellt sich heraus, dass Burchell in Wahrheit Sir William Thornhill ist, der wohltätige Onkel des bösartigen Gutsherrn; er zieht gern verkleidet durch die Lande. Sir William hat Sophia vor der Entführung gerettet, und auch Olivia lebt noch. Das hinterhältige Verhalten des Neffen wird aufgedeckt, sodass Arabella auf die Heirat mit ihm verzichtet und stattdessen George heiratet, den Sir William aus dem Gefängnis befreit. Arabellas Vater stimmt zu. Sophia nimmt den Heiratsantrag Sir Williams an.

Auch Olivias Lage bessert sich, denn die vermeintliche Scheinheirat erweist sich als echt: Thornhill wurde von seinem Diener hereingelegt, der einen echten Geistlichen zur Trauung brachte und ihn später mit dem echten Trauschein unter Druck setzen wollte. Der Roman endet mit der Doppelhochzeit von George und Arabella sowie Sir William und Sophia. Ned Thornhill ist ruiniert und lebt, von Sir William mit einem kleinen Unterhalt geduldet, weit weg von Olivia bei entfernten Verwandten. Schließlich wird auch das Vermögen Primroses gerettet, weil der Händler, der mit dem Geld verschwunden war, wieder aufgefunden wird.

Stil

Erzählt wird der Roman als Rückblick von Dr. Charles Primrose selbst. Als Ich-Erzähler schildert er, wie es zum Abstieg und Wiederaufstieg seiner Familie kam. Weil der rückblickende Erzähler mehr weiß als die Figur im Augenblick des Erlebens, kann er dem Leser immer wieder Hinweise auf den weiteren Verlauf geben. Die Perspektive bleibt auf Primrose beschränkt: Der Leser erfährt nur, was dieser denkt oder vermutet. Was andere Figuren erlebt haben, tragen sie in eingeschobenen Berichten nach – so George über seinen Verbleib und Sophia und Olivia über ihre Entführungen.

Die Ich-Erzählung wird mehrfach durch nicht erzählende Einlagen unterbrochen. Dazu gehören eine Ballade, ein Klagelied, eine Allegorie über Schuld und Schande, eine Predigt im Gefängnis über die Bestrafung sowie ein Monolog über Freiheit, Politik, Reichtum, Handel und Monarchie. Auch eine Geschichte vom Riesen und vom Zwerg und eine kleine Tragödie sind eingefügt.

Wichtige Motive sind seelische Stärke, Religion sowie Betrug und Täuschung. Die seelische Stärke prägt vor allem die zweite Hälfte, in der die Familie immer neuen Schlägen ausgesetzt ist; deshalb wurde das Buch wiederholt mit dem biblischen Buch Hiob verglichen. Religion spielt sowohl wegen des Berufs des Erzählers als auch wegen seines Vorbildcharakters eine Rolle: Trotz aller Prüfungen bemüht sich Primrose um ein tugendhaftes Leben. Täuschung durchzieht die Handlung, denn der scheinbar gute Ned Thornhill entpuppt sich als schlecht, während der arme Burchell in Wahrheit der tugendhafte Sir William ist. Auch bei alltäglichen Geschäften wird die Familie mehrmals betrogen.

Rezeption

Schon im Erscheinungsjahr 1766 kam eine zweite Auflage heraus, und bis 1820 folgten rund siebzig weitere. Als Autoren wie Sir Walter Scott, Lord Byron und Goethe das Buch lobten, wurde es sehr populär. Im 19. Jahrhundert erschienen in England jährlich zwei Auflagen, und der Roman war nie vergriffen. Bereits 1767 wurde er ins Deutsche und Französische übersetzt, 1768 ins Niederländische. Beim deutschen Publikum zählte er neben Robinson Crusoe lange zu den beliebtesten englischen Romanen. Bis ins 20. Jahrhundert wurde er immer wieder neu übersetzt, unter anderem von Ernst Susemihl 1853, von Otto Weith 1971 und von Andreas Ritter 1985.

Bei Kritik und Literaturwissenschaft wurde das Buch nicht immer so geschätzt wie beim Publikum. Schon Zeitgenossen nannten es fehlerhaft, hoben aber die ergreifende Idylle und den eleganten Stil hervor. Goethe würdigte auch die feine Ironie des Romans. Viele Kritiker des 19. Jahrhunderts fanden ihn einfach und entzückend; der Schriftsteller Henry James bezeichnete ihn als „das verwöhnte Kind unserer Literatur".

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts galt der Roman vor allem als ländliche Idylle. Dann erkannten Literaturwissenschaftler zunehmend seine ironischen und parodistischen Züge. Robert H. Hopkins deutete ihn in einer Studie sogar als scharfe Satire auf habgierige und heuchlerische Geistliche, doch dieser Lesart folgen die meisten Fachleute nicht. D.W. Jefferson wies in den 1980er Jahren darauf hin, dass Goldsmith im Vergleich zu manchen Zeitgenossen wie Samuel Johnson noch immer als weniger bedeutend gelte. Sein Platz in der englischen Literaturgeschichte ist gleichwohl gesichert; als Beispiel des empfindsamen oder sentimentalen Romans wird er regelmäßig genannt.

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