1903
Der Panther
Überblick↑
Das Gedicht Der Panther entstand 1902 oder 1903 und trägt den Untertitel „Im Jardin des Plantes, Paris". Es gehört zu den berühmtesten kurzen Texten der deutschsprachigen Lyrik. Rainer Maria Rilke schildert darin in drei Strophen ein gefangenes Raubtier hinter Gitterstäben. Damit schuf er ein frühes und mustergültiges Beispiel des sogenannten Dinggedichts. Erstmals erschien der Text im September 1903 in der Prager Monatsschrift Deutsche Arbeit. Später eröffnete er zusammen mit verwandten Stücken den 1907 veröffentlichten Band Neue Gedichte. In wenigen Versen verdichtet sich hier eine Erfahrung von Gefangenschaft, Reizverarmung und innerer Leere. Sie weist weit über das beobachtete Tier hinaus.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Geschildert wird ein Panther, der in einem Käfig im Pariser Tiergarten Jardin des Plantes gehalten wird. Die erste Strophe richtet den Blick auf seinen Gang und seine Augen. Sie sind vom unaufhörlichen Vorbeiziehen der Gitterstäbe so erschöpft, dass für das Tier offenbar keine Welt mehr dahinter existiert. Die zweite Strophe rückt den eingeschränkten Bewegungsraum in den Mittelpunkt. Der Panther dreht sich in kleinen Kreisen, ein gewaltiges Tier in einem viel zu engen Bezirk. Die dritte Strophe lenkt die Aufmerksamkeit auf den Moment, in dem ein Eindruck von außen durch die Augen ins Innere des Tieres dringt. Wie sich dieser Augenblick auflöst, bleibt der eigenen Lektüre vorbehalten.
Die Handlung im Detail↑
Schauplatz ist der Pariser Jardin des Plantes, ein botanischer Garten, in dem zur Entstehungszeit auch exotische Tiere gezeigt wurden. Ein schwarzer Panther wurde dort in einem Käfig gehalten und zeigte vermutlich jenes immergleiche Auf- und Abgehen, das in der Verhaltensforschung als stereotype Bewegung bekannt ist. Diese Beobachtung bildet den Ausgangspunkt des Gedichts; daneben nennt die Forschung als Anregung einen Gipsabdruck eines Panthers im Atelier Auguste Rodins, von dem Rilke 1902 in einem Brief an seine Frau berichtete.
Die erste Strophe beschreibt den Blick des Tieres. Das ständige Vorüberziehen der Gitterstäbe hat ihn so müde gemacht, dass er nichts mehr hält. Für den Panther scheint die Welt nur noch aus diesen Stäben zu bestehen, und hinter den Stäben existiert nichts mehr. Schon hier ist das Tier von der Außenwelt abgelöst und in einen eigenen, eng begrenzten Kosmos verwiesen.
Die zweite Strophe zeigt seinen Gang. Der Panther geht in immer gleichen, geschmeidigen, aber kleinen Kreisen. Seine Kraft ist ungebrochen vorhanden, doch sie hat keinen Ort mehr, an dem sie sich entfalten könnte. Das Tier füllt seinen winzigen Kosmos mit Schritten aus und ist auf diese Weise nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich gefangen, von seinem eigenen Wesen entfremdet.
Die dritte Strophe setzt zunächst diese Erfahrung fort, beschreibt dann aber einen Bruch. Manchmal hebt sich lautlos der Vorhang der Pupille, und ein Bild der äußeren Welt dringt durch die angespannte Stille der Glieder bis in das Herz des Tieres. Dort jedoch hört es auf zu sein. Der Reiz kommt an, doch er wird nicht in eine Antwort, in eine Bewegung, in eine Handlung übersetzt. Das Zusammenspiel zwischen Wahrnehmung und Reaktion, das ein Lebewesen ausmacht, ist im Käfig zerbrochen. Was bleibt, ist ein Tier, das alles sieht und nichts mehr damit anfangen kann.
Stil↑
Das Gedicht gilt als das berühmteste Dinggedicht Rilkes. In dieser Form macht sich der Dichter zum Sprecher der stummen Dinge. Diesen Ansatz verfeinerte Rilke in der Begegnung mit dem Bildhauer Rodin. Der Panther wird konsequent von außen erfasst, über Blick, Gang und Auge. Gerade dadurch wird sein Inneres erschlossen.
Die drei Strophen sind formal von auffallender Gleichförmigkeit. Sie folgen einem durchgehenden jambischen Versmaß mit fünf Hebungen und einem Kreuzreim nach dem Schema abab, cdcd, efef. Dazu kommt ein regelmäßiger Wechsel von stumpfen und klingenden Kadenzen, also von Versschlüssen auf betonter und unbetonter Silbe. Diese Monotonie bildet zweierlei zugleich ab: das unaufhörliche Im-Kreis-Gehen des Tieres und die endlos vor seinen Augen vorbeiziehende Reihe der Käfigstäbe.
Schon der schleppende Rhythmus der ersten Strophe drückt den Entzug der Freiheit aus. Eine kleine, aber sprechende Ausnahme bildet der letzte Vers. Er trägt statt der sonst fünf Hebungen nur vier. Es liegt nahe, darin den Versuch zu sehen, das Aussetzen des Bildes im Inneren des Panthers auch metrisch hörbar zu machen.
Rezeption↑
Das Gedicht Der Panther wurde rasch zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Gedichte. Es gilt der Forschung als Schlüsselwerk für Rilkes Übergang zum Dinggedicht. In den 1907 veröffentlichten Neuen Gedichten steht der Text als das früheste Stück des Bandes. Er ist von verwandten Gedichten wie Der Gefangene und Die Gazelle eingerahmt.
Die Deutung schwankte lange zwischen zwei Polen. Vielfach las man das Gedicht als Übertragung menschlicher Empfindungen auf das Tier. Man brachte das Gefühl der Gefangenschaft mit Rilkes Vereinsamung in Paris in Verbindung. Neuere Lesarten, etwa die Luke Fischers, betonen dagegen, dass Rilke dem Tier eine eigene Innerlichkeit und eine relative Freiheit zuspricht. Im Vorgriff auf das spätere Umwelt-Modell des Biologen Jakob von Uexküll begreift er es als Wesen, in dem Wahrnehmung und Handlung eine Einheit bilden. Diese Einheit zerbricht im Käfig.
Auch außerhalb der Literatur hat das Gedicht stark nachgewirkt. Der Komponist Karl Marx vertonte es 1949 für tiefe Singstimme und Klavier. Im Film Zeit des Erwachens von 1990 verweist ein Patient der geschlossenen Abteilung mit dem Titel des Gedichts auf seine eigene Lage. Die Vorlage bildet Oliver Sacks' Buch Awakenings von 1973. Woody Allen zitiert den Text in seinem Film Eine andere Frau von 1988 als Metapher für das Seelenleben der Hauptfigur. In Grit Poppes Jugendroman Weggesperrt von 2009 erinnert sich die Protagonistin in der Einzelhaft an das Gedicht. Die Kölner Band AnnenMayKantereit greift den ersten Vers in ihrem Lied Marie auf dem Album Schlagschatten von 2018 auf. Dabei verwandelt sie die vorbeiziehenden Stäbe in vorbeiziehende Städte. Ein Autograph des Gedichts hing als Geschenk Horst Wendlandts gerahmt in Thomas Gottschalks Haus in Malibu. Dort verbrannte es bei den kalifornischen Waldbränden 2018.
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