1875 – 1926
Rainer Maria Rilke
Kurzbiografie↑
Rainer Maria Rilke wurde 1875 in Prag geboren und starb 1926 in einem Sanatorium oberhalb von Montreux. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker der Moderne. Sein Werk reicht vom volkstümlich gewordenen Stunden-Buch über die strengen Neuen Gedichte bis zu den späten Duineser Elegien und Sonetten an Orpheus. Diese beiden vollendete er 1922 in einer einzigen Schaffenswoche im Walliser Château de Muzot. Daneben schrieb er den großstädtischen Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, die viel gelesene Erzählung Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke sowie die Briefe an einen jungen Dichter. Als Übersetzer aus dem Französischen, unter anderem von Paul Valéry, und als Verfasser eines weit verzweigten Briefwerks wirkte er zugleich als Mittler zwischen den europäischen Kulturen.
Biografie↑
Rilke wurde am 4. Dezember 1875 in Prag geboren, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Auf den Namen René Karl Wilhelm Johann Josef Maria getauft, wuchs er als einziges Kind des Bahnbeamten Josef Rilke und seiner Frau Sophie, genannt Phia, in beengten Familienverhältnissen auf. Die Mutter hatte ein Jahr vor seiner Geburt eine Tochter verloren und bürdete dem Sohn die Rolle der Verstorbenen auf. Bis zum sechsten Lebensjahr ließ sie ihn mit langen Haaren und im Kleid wie ein Mädchen leben. Die Volksschulzeit verbrachte er bei Piaristen in der Prager Neustadt. 1884 zerbrach die Ehe der Eltern.
Von 1886 an besuchte er die Militär-Unterrealschule St. Pölten in Niederösterreich, die ihn auf eine Offizierslaufbahn vorbereiten sollte. Der musische Junge litt unter dem Drill und brach die Ausbildung nach sechs Jahren krankheitshalber ab. Ein anschließender Versuch an der Handelsakademie Linz endete im Mai 1892 mit einer Liebesaffäre mit einem älteren Kindermädchen. Zurück in Prag, holte Rilke privat die Matura nach, die er 1895 bestand. Im selben Jahr begann er an der Deutschen Universität Prag Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie zu studieren, wechselte zur Rechtswissenschaft und setzte das Studium 1896 in München fort.
Im Mai 1897 lernte er in München Lou Andreas-Salomé kennen, die ältere, verheiratete Schriftstellerin und Intellektuelle. Auf ihren Wunsch tauschte er den Vornamen René gegen Rainer. Die Liebesbeziehung dauerte bis 1900, ihre Freundschaft bis zu seinem Lebensende. Sigmund Freud sagte später, sie sei dem im Leben hilflosen Dichter zugleich Muse und sorgsame Mutter gewesen. Mit ihr reiste Rilke 1899 und 1900 zweimal nach Russland, traf in Moskau Lew Tolstoi und lernte zufällig den jungen Boris Pasternak kennen. 1898 hatte er Heinrich Vogeler in Florenz kennengelernt und besuchte ihn nun in der Künstlerkolonie Worpswede. Dort traf er die Bildhauerin Clara Westhoff, die er am 28. April 1901 in Bremen heiratete. Im Dezember kam Tochter Ruth zur Welt.
Schon im Sommer 1902 gab Rilke die gemeinsame Wohnung auf und reiste nach Paris, um eine Monografie über den Bildhauer Auguste Rodin zu schreiben. Paris wurde mehr und mehr sein Hauptwohnsitz. Von 1905 bis 1906 arbeitete er acht Monate lang als Sekretär bei Rodin, bis dieser das Verhältnis abrupt beendete. In Paris setzte er sich intensiv mit den Plastiken Rodins und der Malerei Cézannes auseinander. Es entstanden die Neuen Gedichte (1907), Der neuen Gedichte anderer Teil (1908), die Requiem-Gedichte sowie der bereits 1904 begonnene Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, den er im Januar 1910 vollendete. Für den Leipziger Insel-Verlag, geleitet von Anton Kippenberg, wurde er zum wichtigsten zeitgenössischen Autor.
Nach Abschluss des Malte begann eine zwölf Jahre währende Schaffenskrise. Rilke übersetzte aus dem Französischen, las Goethe und Shakespeare, reiste nach Nordafrika und nach Spanien. Von Oktober 1911 bis Mai 1912 war er Gast der Fürstin Marie von Thurn und Taxis auf Schloss Duino bei Triest, wo er die Duineser Elegien begann. Schon im Januar 1914 wies er den Verleger Kippenberg auf den im deutschen Sprachraum noch unbekannten Marcel Proust hin und forderte, die Übersetzungsrechte zu sichern. Der Erste Weltkrieg überraschte ihn in Deutschland. Nach Paris konnte er als Österreicher nicht zurück, sein Besitz dort wurde beschlagnahmt und versteigert. Die Kriegsjahre verbrachte er vor allem in München. Anfang 1916 wurde er eingezogen und absolvierte in Wien die Grundausbildung. Auf Fürsprache von Freunden wurde er ins Kriegsarchiv versetzt und im Juni 1916 entlassen. Das Erlebnis ließ ihn als Dichter eine Zeit lang nahezu verstummen.
Am 11. Juni 1919 reiste er in die Schweiz, der Vortragseinladung nach Zürich folgend, vor allem aber, um den Nachkriegswirren zu entkommen. In Zürich gewann er die Mäzenin Nanny Wunderly-Volkart, die ihn bis zu seinem Tod unterstützte. 1920 erhielt der gebürtige Prager die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. Im Sommer 1921 fand er im Château de Muzot oberhalb von Siders im Wallis ein dauerhaftes Zuhause, das Werner Reinhart für ihn und seine Geliebte Baladine Klossowska gekauft hatte. Im Februar 1922 vollendete er dort innerhalb weniger Wochen die Duineser Elegien und schrieb in unmittelbarer Nähe die beiden Teile der Sonette an Orpheus.
Seit 1923 kämpfte Rilke mit schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen und musste mehrfach in Sanatorien. Anfang 1926 schrieb er drei Briefe an die Mailänderin Aurelia Gallarati Scotti, in denen er Benito Mussolini lobte und den Faschismus als Heilmittel pries. Den Ideen von Freiheit, Humanität und Internationale erteilte er eine scharfe Absage. Kurz vor seinem Tod wurde seine Krankheit als Leukämie diagnostiziert. Die Quellen unterscheiden sich beim Sterbeort: Die Deutsche Nationalbibliothek nennt Valmont, Wikidata gibt Montreux an. Nach den überlieferten Angaben starb Rilke am 29. Dezember 1926 in der Clinique Valmont in Glion oberhalb von Montreux. Seinem Wunsch entsprechend wurde er am 2. Januar 1927 auf dem Bergfriedhof von Raron bestattet, mit einem von ihm selbst verfassten Grabspruch.
Literarische Merkmale↑
Das lyrische Frühwerk – etwa Leben und Lieder (1894), Larenopfer (1895) und Advent (1898) – wird laut der Deutschen Biographie der Neuromantik zugerechnet. Es ist durch strenge Formtreue und subjektive Einfühlsamkeit gekennzeichnet, durch ornamentale und sentimentale Züge, das dialoghafte Ansprechen eines geliebten Gegenübers und das Gefühl, eins zu sein mit der Natur.
Um 1900 überwand Rilke diese Haltung. Den Anstoß gaben die Landschaftsbilder der Worpsweder Maler und die durch Lou Andreas-Salomé vermittelte Sprachskepsis Nietzsches. Wenn Sprache nur aus Metaphern ohne Wahrheitsgrund besteht, muss eine neue Sprache gefunden werden. Wichtige Impulse bezog Rilke aus der bildenden Kunst, vor allem aus den Skulpturen Rodins, denen er die Monografie Auguste Rodin (1903) widmete, und aus der Malerei Cézannes, die er 1907 in essayhaft-lyrischen Briefen begleitete. Das „neue Sehen“ wurde zum literarischen Programm. Spätestens in den Neuen Gedichten (1907) und ihrem Anderen Teil (1908) tritt das Ich der Dichtung zurück. Abstrakte Wendungen und konkrete Bilder verbinden sich zu einer Ästhetik des „sachlichen Sagens“. Die Form ist mit mathematischer Genauigkeit kalkuliert, mit festem Reimschema und regelmäßigem Metrum. Das Wortmaterial selbst wird zur sachlich-objektiven Größe.
Auch der Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910) gehört für die Deutsche Biographie zum Kanon der klassischen Moderne. Ausgehend von tagebuchähnlichen Großstadtimpressionen versucht Rilke mit Vielfalt des Erzählens, Polyperspektive, Montagetechnik und synthetischen Raum- und Zeitbegriffen, der Erfahrung des modernen Lebens und dem Tempo der Großstadt eine Langerzählung entgegenzusetzen. Der Roman bleibt Fragment und zeigt darin selbst die Krise der Moderne. Rilke wertet diesen Weltzweifel jedoch als dichterische Chance, aus sprachlichen Einzelteilen eine Welt zu schöpfen.
Im Spätwerk knüpft er mit dem antiken Elegienvers an Klopstock und Hölderlin an. In den Duineser Elegien und den Sonetten an Orpheus verwebt er Innen- und Außenwelt zum „Weltinnenraum“, in dem feste Zeitstufen und Raumkategorien aufgelöst sind. Diese „neue Mythologie“ spiegelt sich in den auftretenden Figuren: Engel, Liebende, Verzweifelnde und Hoffende, jung Verstorbene, schließlich Orpheus als mythischer Sänger und Selbstbild des Dichters. Dazu kommen späte Gedichte in französischer Sprache, die naturmagische und gesteigert-artistische Sprachmöglichkeiten ausloten. Die Deutsche Biographie ordnet das Gesamtwerk am ehesten dem Symbolismus zu, betont aber, dass eine eindeutige Epochenzuweisung kaum möglich ist.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten erreichte Rilke große Popularität. Das Stunden-Buch von 1905 mit seinen nachdenklichen, oft religiösen Versen prägte das Bild vom prophetischen Dichter. Die Erzählung Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke erschien 1906 zunächst recht erfolglos als Liebhaberausgabe. Ab 1912 erlangte sie als Nummer 1 der Insel-Bücherei hohe Auflagen und Kultstatus. Sie wurde laut der Deutschen Biographie sein meistverkauftes Buch. Mit den Neuen Gedichten und den Duineser Elegien gilt er als einer der bedeutendsten Dichter der literarischen Moderne. Die Elegie führte er nach der Weimarer Klassik und Hölderlin auf einen letzten Höhepunkt in der deutschsprachigen Literatur.
Rilke verstand sich nicht als Schulengründer und wurde auch kaum als solcher rezipiert, abgesehen von der Naturlyrik der 1920er bis 1950er Jahre und einzelnen Autoren wie Peter Handke. Das vermerkt die Deutsche Biographie ausdrücklich. Auf zeitgenössische Deutungen, die meist den Dichterkult verstärkten, folgten existenzialistische Interpretationen in der Schule Heideggers. In den 1960er Jahren kritisierten sozialkritische Lesarten elitäre Tendenzen. Daneben entwickelte sich, vor allem an der Figur Malte Laurids Brigges, ein tiefenpsychologisches Interesse. Heute richtet sich der Blick stärker auf die Besonderheiten seiner Dichtungssprache, die in ihrer Differenz zur Alltagssprache weiterhin Entdeckungen erlaubt.
Sein Briefwechsel mit zahlreichen bedeutenden Dichtern und Denkern gilt als wichtiger Bestandteil des Werks. Als Übersetzer französischer Lyrik, unter anderen von Paul Verlaine und Paul Valéry, leistete er einen wichtigen Beitrag zum deutsch-französischen Kulturtransfer. Nach Einschätzung der Deutschen Biographie schuf er zwischen slawischer, nordeuropäischer, deutschsprachiger und französischer Kultur eine Art lingua franca.
Mit dem Wegfall der urheberrechtlichen Bindung an den Insel-Verlag 1997, siebzig Jahre nach Rilkes Tod, verbreitete sich sein Werk auch außerhalb literarisch interessierter Kreise. 1971 wurde die internationale Rilke-Gesellschaft mit Sitz in Bern gegründet, die Tagungen veranstaltet und die Blätter der Rilke-Gesellschaft herausgibt. 1986 entstand auf Initiative der Schweizer Gemeinde Siders die Fondation Rilke mit Museum und Ausstellungstätigkeit. Im Literaturmuseum der Moderne in Marbach sind Manuskripte vom Stunden-Buch und vom Malte in der Dauerausstellung zu sehen. In Prag erinnern eine Gedenktafel mit Büste am Gebäude der früheren deutschen Schule (2011) und ein Granitmonument im Stadtteil Holešovice (2015) an ihn. Schulen tragen seinen Namen in Stuttgart, im oberbayerischen Icking und im fernen Anchorage in Alaska. Auch ein Asteroid wurde nach ihm benannt.
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