1905
Das Stunden-Buch
Überblick↑
Beim Stunden-Buch handelt es sich um einen Gedichtzyklus von Rainer Maria Rilke. Er entstand zwischen 1899 und 1903 in drei Teilen und erschien 1905 im Insel Verlag in Leipzig. Das Werk ist Lou Andreas-Salomé gewidmet. Es zählt neben dem Cornet zu den wichtigsten Teilen von Rilkes Frühwerk. Mit seinem träumerisch-melodischen Ton und seiner neuromantischen Stimmung begründete der Zyklus Rilkes Ruf als religiöser Dichter. Er gilt als sein erster durchkomponierter Zyklus, der mit den späteren Duineser Elegien verbunden ist.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In drei Büchern entfaltet der Zyklus ein langes, suchendes Sprechen über Gott und das eigene Ich. Den Rahmen bilden die Teile „Das Buch vom mönchischen Leben", „Das Buch von der Pilgerschaft" und „Das Buch von der Armut und vom Tode".
Ein lyrisches Ich, das die Züge eines russischen Mönchs trägt, wendet sich in immer neuen Anläufen einem Gott zu, den es nicht als fernen Herrscher, sondern als nahes, vertrautes Gegenüber erfährt. Es spricht ihn als „Nachbar Gott" an, von dem es nur „eine schmale Wand" trennt. Dieser Gott ist kein fertiges Wesen, sondern einer, an dem immer weiter zu „bauen" ist. So entsteht ein offener, vorläufiger Dialog zwischen Ich und Gott, der das ganze Werk durchzieht.
Hinter den Versen steht Rilkes Begegnung mit Russland, das er auf zwei Reisen kennenlernte. Die Weite des Landes, seine bäuerliche Frömmigkeit und die orthodoxe Religiosität prägen die Bilderwelt des Zyklus. Der Titel spielt auf die alten Stundenbücher des Spätmittelalters an, jene Gebets- und Andachtsbücher, die den Tag durch regelmäßige Hinwendung zu Gott gliederten.
Die Handlung im Detail↑
Der Zyklus besteht aus drei aufeinanderfolgenden Büchern, die einen inneren Weg nachzeichnen. Eine durchgehende Erzählung im engeren Sinne gibt es nicht, vielmehr eine fortschreitende geistige Bewegung von der klösterlichen Einkehr über das Unterwegssein bis zur Auseinandersetzung mit Armut und Tod.
Das erste Buch, „Das Buch vom mönchischen Leben", entstand 1899 in Berlin-Schmargendorf und hieß zunächst „Die Gebete". Hier spricht das mönchische Ich aus der Stille seiner Zelle heraus. Es sucht einen sinnstiftenden Urgrund des Lebens, den Rilke pantheistisch Gott nennt und in allen Dingen findet, „denen ich gut und wie ein Bruder bin". Gott erscheint zugleich als der Nächste und als der ganz Ferne. Das Ich hebt jede Bestimmung Gottes immer wieder auf: Einmal ist er „der Dunkelste", dann „der Fürst im Land des Lichts". Mit dieser Unbestimmtheit verbindet sich das Problem, das Wesen Gottes überhaupt in Sprache zu fassen. Die Menschen errichten vor ihm Bilder „...wie Wände; so daß schon tausend Mauern um dich stehn." Was sie als Verehrung meinen, verhüllt das Göttliche zugleich.
Das zweite Buch, „Das Buch von der Pilgerschaft", schrieb Rilke 1901 in Westerwede, nach seiner Heirat mit Clara Westhoff. Das Ich verlässt die Geborgenheit der Zelle und wird zum Pilger. Das Sprechen wird zum Unterwegssein, zur Bewegung auf einen Gott zu, der nie endgültig erreicht wird. Die Vorstellung eines „werdenden Gottes" bestimmt diesen Teil: ein Gott, der als Sinn der Welt denkbar bleibt, aber letztlich unsagbar ist.
Das dritte Buch, „Das Buch von der Armut und vom Tode", entstand 1903 im italienischen Viareggio. Es wendet sich der Armut, der großen Stadt und dem Tod zu. Hier verdichtet sich die Frage nach einem Leben, das im Angesicht von Not und Vergänglichkeit Bestand hat. Der Zyklus mündet nicht in eine feste Glaubensgewissheit, sondern hält die Suche offen: Der uralte und ewige Gott bleibt in der dunklen Ferne, an ihm ist weiter zu „bauen".
Rilke selbst beschrieb die Entstehung der Verse als eine Art Eingebung. Morgens beim Erwachen oder abends habe er Worte wie Gebete empfangen und sie einem inneren Diktat folgend niedergeschrieben. Zwei Jahre nach Abschluss überarbeitete er den Text in Worpswede, bevor er 1905 erschien.
Stil↑
Bestimmend für die Sammlung ist eine lockere, offene Form. Die Gedichte sind unterschiedlich lang und nur lose aneinandergefügt, was dem vorläufigen, suchenden Charakter des religiösen Sprechens entspricht. Rilke spielt mit einer großen Vielfalt von Strophenformen und führt darin sein gesamtes lyrisches Instrumentarium vor.
Auffällig ist die suggestive Musikalität der Verse, die zum Kennzeichen seiner Lyrik werden sollte. Rilke setzt Enjambement und Binnenreim ein, forcierte Reimklänge und Rhythmen, Alliterationen und Assonanzen. Eindringliche Bilder verstärken den klanglichen Sog. Häufig verbindet er seine Zeilen mit der oft gehäuften Konjunktion „und", die den Versen einen fortlaufenden, beschwörenden Zug gibt. Dazu kommen zahlreiche Substantivierungen, die gelegentlich als manieristisch eingeschätzt wurden.
Die Sprache bleibt der Jugendstil-Ästhetik der Jahrhundertwende verhaftet. Spürbar sind der Einfluss Friedrich Nietzsches und Gedanken der zeitgenössischen Lebensphilosophie. Eine grundsätzliche Sprachskepsis, wie Hugo von Hofmannsthal sie im Chandos-Brief formulierte, findet sich noch nicht. Wohl aber zeigt sich die Schwierigkeit, das eigene Ich und das Wesen Gottes überhaupt in Worte zu fassen.
Rezeption↑
Mit dem Zyklus begründete Rilke seinen Ruf als religiöser Dichter. Das Werk leitete zugleich seine Zusammenarbeit mit dem Insel Verlag ein und wurde rasch zu einem Erfolg: Noch zu Rilkes Lebzeiten erschien es in vier Auflagen mit etwa 60.000 Exemplaren.
Die musikalische Wirkung der Verse fand starken Widerhall, wurde aber auch kontrovers aufgenommen. Gerade die forcierten Klänge und die häufigen Substantivierungen galten manchen als manieristisch. Über das Frühwerk hinaus reicht die Bedeutung des Zyklus bis zu den späteren Duineser Elegien, mit denen ihn das religiöse Sprechen verbindet. Auch in der Musik fand das Werk Widerhall: Hans Chemin-Petit vertonte 1944 das Gedicht „Werkleute sind wir" aus dem ersten Buch in einer Kantate für Soli, gemischten Chor und Orchester.
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