1923
Die Sonette an Orpheus
Überblick↑
Der Gedichtzyklus Die Sonette an Orpheus von Rainer Maria Rilke umfasst 55 Sonette und gehört zu den bedeutendsten Werken der deutschsprachigen Lyrik. Rilke schrieb die Gedichte im Februar 1922 in nur wenigen Tagen, wie er sagte, in einem „rätselhaftesten Diktat“. In dieselbe Zeit fiel der Abschluss der seit vielen Jahren stockenden Arbeit an den Duineser Elegien: Den ersten Teil der Sonette schrieb er kurz vor dem Wiederbeginn der Elegien, den zweiten Teil unmittelbar nach deren Fertigstellung. Im Untertitel bezeichnet Rilke das Werk als „Ein Grab-Mal für Wera Ouckama Knoop“, ein Gedenken an eine jung verstorbene Frau. Im Mittelpunkt steht die Gestalt des Sängers Orpheus aus dem antiken Mythos.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Zentrum des Zyklus steht Orpheus, der mythische Sänger und Dichter, an den die Gedichte gerichtet sind. Viermal wird er mit Namen aufgerufen, immer wieder klingt er in Anspielungen an. Den Hintergrund bildet der antike Mythos um Orpheus und Eurydike, wie ihn vor allem die Metamorphosen des Ovid und in geringerem Maße Vergils Georgica überliefern.
Schon das erste Sonett ruft den Gesang des Orpheus auf, den Wald und die Tiere, die seinem Singen lauschen. Aus diesem Bild geht im zweiten Sonett die Gestalt eines Mädchens hervor, und der Blick weitet sich von ihr auf die ganze Welt. Solche Verwandlungen prägen den Zyklus durchweg, ganz im Sinne der ovidischen Metamorphosen: Ein Bild geht in das nächste über, innerhalb der Gedichte ebenso wie zwischen ihnen.
Indem Rilke sich auf den Ursänger Orpheus beruft, denkt er zugleich über das Dichten selbst nach. Immer wieder geht es um die Bedingungen der Kunst, um die Frage, was Gesang und menschliches Dasein bedeuten. Das Gedenken an die früh verstorbene Wera durchzieht den ganzen Zyklus, auch wenn sich nur wenige Sonette unmittelbar auf sie beziehen.
Die Handlung im Detail↑
Anders als ein Roman erzählt der Zyklus keine fortlaufende Geschichte, sondern entfaltet ein Geflecht von Bildern und Gedanken rund um die Gestalt des Orpheus. Das Werk gliedert sich in zwei Teile, deren Reihenfolge fast genau der Reihenfolge ihrer Entstehung folgt.
Das erste Sonett beginnt mit dem Vers „Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung!“ und ruft den Gesang des Orpheus auf, der die Tiere aus dem Wald herbeilockt. Sie werden still, nicht aus Furcht oder List, sondern aus dem reinen Hören, und im Gehör der Lauschenden errichtet der Sänger einen Tempel. Im zweiten Sonett verwandelt sich dieses Bild: Aus dem Glück von Sang und Leier geht ein Mädchen hervor, und im Verlauf des Gedichts verschiebt sich der Blick von ihr auf die ganze Welt.
Das Prinzip der Verwandlung, das Rilke bei Ovid fand, durchzieht den gesamten Zyklus. Immer wieder geht ein Motiv in ein anderes über. Damit verbindet Rilke ein Nachdenken über die Kunst selbst. Im dritten Sonett des ersten Teils heißt es „Gesang ist Dasein. Für den Gott ein Leichtes. / Wann aber sind wir?“ – die Frage, wie der Mensch zum reinen Singen finden kann, das dem Gott mühelos gelingt.
Eine Antwort gibt das fünfte Sonett des ersten Teils. Dort verbietet der Dichter, dem Orpheus einen Denkstein zu setzen: „Errichtet keinen Denkstein.“ Denn Orpheus lebt in jeder Verwandlung weiter, „Ein für alle Male / ist’s Orpheus, wenn es singt.“ Der Sänger kommt und geht, er muss schwinden, doch gerade darin liegt sein Wesen: „Und er gehorcht, indem er überschreitet.“ Die Dichtung trägt nach dieser Sicht stets göttlichen Charakter, weil der Dichter in unmittelbarer Nachfolge des Göttersohnes Orpheus steht.
Der zweite Teil führt diese Gedanken weiter und vertieft das Gedenken an Wera Ouckama Knoop, die im Untertitel genannte jung verstorbene Frau. Auch wenn sich nur wenige Sonette ausdrücklich auf sie beziehen, durchdringt ihr Andenken den Gang des Ganzen immer stärker. So verbinden sich im Werk Lobpreis und Klage, Leben und Tod, Verwandlung und Bleiben zu einem einzigen Gesang auf Orpheus.
Stil↑
Bestimmend für den Zyklus ist die Form des Sonetts: vier Strophen, zwei Quartette gefolgt von zwei Terzetten. Diese Tradition ist in der deutschen Literatur weniger ausgeprägt als etwa in der italienischen oder englischen. Als ein mögliches Vorbild Rilkes gelten Die Blumen des Bösen von Charles Baudelaire. Gedichte zu ganzen Zyklen zu binden, entsprach einer Erscheinung der Zeit; vergleichbar sind Werke von Stefan George, Arthur Rimbaud und Stéphane Mallarmé.
An strenge formale Vorgaben hält sich Rilke kaum. Reimstruktur, Metrik und Kadenzsystem wechseln ständig. Durch häufige Enjambements, also das Übergreifen eines Satzes von einem Vers in den nächsten, durchbricht er sogar die feste Versgliederung. Schwierig zu verstehen ist der Text oft durch Fürwörter, deren Bezug nicht immer eindeutig ist. So beginnt das dritte Sonett des ersten Teils mit den Zeilen „Ein Gott vermag’s. Wie aber sag mir, soll / ein Mann ihm folgen durch die schmale Leier? / Sein Sinn ist Zwiespalt.“ Ob sich „sein Sinn“ auf den Gott oder den Mann bezieht, bleibt der Deutung überlassen.
Kennzeichnend ist außerdem das Prinzip der Verwandlung, das Rilke aus den ovidischen Metamorphosen aufnimmt und das nicht nur in den einzelnen Sonetten, sondern vor allem zwischen ihnen wirkt. Mit dem Rückgriff auf den Ursänger Orpheus verbindet sich eine Reflexion über die Dichtung selbst.
Rezeption↑
Schon früh wurde der Zyklus auch kritisch gesehen. Robert Musil nannte Rilke 1927 den Dichter, der „das deutsche Gedicht zum ersten Mal vollkommen gemacht hat“, sah den Gipfel von Rilkes Schaffen aber in den Duineser Elegien; den Sonetten bescheinigte er gegenüber den Elegien eine „Senkung“.
Wolfram Groddeck spricht in seinem Nachwort zur Reclam-Ausgabe von einem „Dilemma einer kritischen Lektüre“. Es entsteht aus der Widerständigkeit des Textes, der sich einer einfachen Deutung verschließt. Zugleich zählt für ihn die Qualität des lyrischen Ausdrucks unzweifelhaft zu den Höhepunkten der deutschen Lyrikgeschichte. So schwankt die Kritik oft zwischen dem Vorwurf, der Klang habe Vorrang vor dem Sinn, und der vorbehaltlosen Bewunderung des Zyklus. Bis heute beschäftigt das Werk die Literaturwissenschaft in zahlreichen Untersuchungen, die seine poetologische Bedeutung und seinen Bezug zum Orpheus-Mythos beleuchten.
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