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Werkseintrag · Die Stadt der Blinden
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Cover Die Stadt der Blinden
Die Stadt der Blinden
1995
– Werkseintrag –

Die Stadt der Blinden

1995 · Roman

In einer namenlosen Stadt erblinden nach und nach immer mehr Menschen, ohne dass es dafür einen erkennbaren Grund gibt – Saramago erzählt, wie eine Gesellschaft unter dem Verlust des Augenlichts zusammenbricht.

Überblick↑

Der Roman Die Stadt der Blinden von José Saramago erschien 1995. Der portugiesische Originaltitel Ensaio sobre a Cegueira bedeutet wörtlich „Aufsatz über die Blindheit“. Erzählt wird von einer Epidemie: Ohne erkennbaren Grund erblinden nach und nach immer mehr Menschen einer namenlosen Stadt. Aus dieser Ausgangslage entwickelt Saramago das Bild einer Gesellschaft, die unter dem Verlust des Augenlichts zusammenbricht. Die Blindheit steht dabei für die Unfähigkeit des Menschen, Gut und Böse zu unterscheiden – Saramago spricht mehrfach von der „Blindheit des Herzens“. Der Text lässt sich auch als eine Antwort auf den Roman Die Pest von Albert Camus lesen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

An einer Kreuzung erblindet plötzlich ein Autofahrer. Kurz darauf ereilt alle Menschen, die in seiner Nähe waren, dasselbe Schicksal. Es gibt keine Erklärung für die rätselhafte Erblindung und kein Heilmittel dagegen. Da die Zahl der Betroffenen rasch wächst, bringt die ratlose Regierung die Erkrankten in einem verlassenen Irrenhaus unter Quarantäne. Soldaten bewachen sie mit dem Befehl, jeden Fliehenden zu erschießen.

Solange nur wenige Menschen eingesperrt sind, bleibt die Lage erträglich. Doch draußen erblinden immer mehr Menschen, und die Anstalt füllt sich. Schmutz, Aggression und Gewalt greifen um sich. Mitten unter den Internierten befindet sich eine Frau, die noch sehen kann: Sie hat die Blindheit nur vorgetäuscht, um ihren Mann, einen Augenarzt, begleiten zu können. Aus Angst, zur Dienstbotin gemacht zu werden, verrät sie ihr Geheimnis nicht und hilft heimlich, wo sie kann.

Die Handlung im Detail↑

Am Anfang steht jener Autofahrer, der an einer Kreuzung ohne Vorwarnung das Augenlicht verliert. Nach und nach erblinden alle, die mit ihm in Berührung kamen. Weder eine Ursache noch ein Gegenmittel sind zu finden. Um die Ausbreitung zu bremsen, sperrt die Regierung die Erkrankten in ein leerstehendes Irrenhaus, bewacht von Soldaten mit Schießbefehl.

Anfangs ist die Not wegen der geringen Zahl der Insassen noch auszuhalten, obwohl es weder sauberes Wasser noch funktionierende sanitäre Anlagen gibt. Doch die Anstalt füllt sich immer weiter. Der Schmutz häuft sich, Aggression und Gewalt nehmen überhand. Es gipfelt darin, dass eine Gruppe von Blinden die Kontrolle über die Lebensmittel an sich reißt, um die übrigen Insassen auszubeuten – materiell wie körperlich.

Die einzige Sehende, die Frau des Arztes, erträgt die Unterdrückung eine Zeit lang, dann tötet sie den Anführer der verbrecherischen Bande. Das löst einen regelrechten Krieg aus, an dessen Ende die Anstalt in Flammen aufgeht. Zunächst fürchten die Blinden um ihr Leben, denn die Wachen haben zuvor mehrere von ihnen erschossen. Doch es sind keine Soldaten mehr da. Die Frau schart eine kleine Gruppe um sich und führt sie zurück in die Stadt.

Dort sind inzwischen alle Menschen erblindet. Auf den Straßen türmt sich der Unrat, Strom und fließendes Wasser gibt es nicht mehr, und Scharen von Blinden irren auf der Suche nach Nahrung und Obdach umher. Viele finden den Tod. Nur weil die Frau des Arztes sehen kann, gelingt es ihr, das Überleben ihrer Gruppe zu sichern. Gegen Ende denkt der Arzt darüber nach, dass allein „Organisation“ weiterhelfe. Bevor sich solche Überlegungen bewähren können, geschieht das Unerwartete: Der zuerst erblindete Autofahrer erhält sein Augenlicht zurück, und nach und nach können alle wieder sehen.

Stil↑

Auffällig ist zunächst, dass die direkte Rede nicht durch Anführungszeichen gekennzeichnet, sondern in den Fließtext eingeflochten wird – ein Verfahren, das Saramago in vielen seiner Texte pflegt. Der Roman ist in wenige Kapitel unterteilt, die weder Nummern noch Überschriften tragen; nur der Fettdruck der ersten Wörter markiert den Kapitelanfang. Absätze sind innerhalb der Kapitel sehr selten. So entsteht eine große, fast ununterbrochene Textfläche, die der weißen, unstrukturierten Fläche entspricht, welche die Blinden „sehen“.

Situationen und Handlungen werden vielschichtig beschrieben. Das Augenscheinliche wird hinterfragt, die Beweggründe der Figuren werden abgewogen, jede Sache auch von ihrer Kehrseite betrachtet, und Sprichwörter wie Volksweisheiten dienen der Erklärung. Der Erzähler bezieht dabei oft keine eindeutige Stellung, sondern überlässt es dem Leser, sich ein Urteil über die Figuren zu bilden. Trotz der drastischen, existenziellen Handlung entfaltet Saramago auch Humor, mal schwarz, mal als gewitzte Volksschläue – wohl um den Leser inmitten der kaum erträglichen Passagen ein wenig zu entlasten.

Bemerkenswert ist das Spiel mit der Erzählperspektive. Weite Teile sind personal gehalten, bevorzugt aus der Sicht der einzig Sehenden. Bei Bedarf schlüpft der Erzähler aber auch in andere Figuren, dazu treten Ich- und sogar Wir-Passagen, die den Leser einbeziehen. Selbst ein auktorialer Erzähler bekommt Raum, muss aber begründen, woher er sein Wissen bezieht. Im ganzen Roman fällt kein einziger Name – weder der Figuren noch der Stadt oder des Landes. Das verstärkt die Anonymität und unterstreicht den Anspruch, eine universelle Geschichte zu erzählen.

Rezeption↑

Verschiedene Bühnen- und Filmschaffende haben den Stoff aufgegriffen. Der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles verfilmte den Roman unter dem Titel Die Stadt der Blinden; die Hauptrollen des Augenarztes und seiner Frau spielten Mark Ruffalo und Julianne Moore. Der Film hatte am 14. Mai 2008 bei den Filmfestspielen von Cannes Premiere.

Im selben Jahr schrieb Claudia Grehn eine Dramatisierung für das Münchner Akademietheater, die Moritz Schönecker zur Wiedereröffnung der Reaktorhalle des Prinzregententheaters uraufführte. Kurz vor seinem Tod erteilte Saramago dem deutschen Komponisten Anno Schreier die Rechte für eine Oper nach dem Buch; das Libretto verfasste Kerstin Maria Pöhler. Diese Fassung wurde am 12. November 2011 am Opernhaus Zürich uraufgeführt. Mit Die Stadt der Sehenden legte Saramago später einen Roman vor, in dem dieselben Figuren wieder auftreten, dessen Handlung mit den früheren Ereignissen jedoch nichts mehr zu tun hat. Auf Deutsch erschien der Roman 1997 in der Übersetzung von Ray-Güde Mertin bei Rowohlt in Reinbek bei Hamburg.

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