1922 – 2010
José Saramago
Kurzbiografie↑
Aus einer Familie landloser Landarbeiter stammend, stieg José Saramago (1922–2010) zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller Portugals auf. Erst als über Fünfzigjähriger wandte er sich ganz dem Roman zu und schuf Bücher wie Das Memorial und Die Stadt der Blinden, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Als überzeugter Kommunist, erklärter Atheist und leidenschaftlicher Provokateur legte er sich immer wieder mit Kirche, Regierung und Zeitgeist an. 1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er starb 2010 auf der kanarischen Insel Lanzarote, auf die er sich nach einem Zensurstreit zurückgezogen hatte.
Biografie↑
Am 16. November 1922 kam Saramago im Dorf Azinhaga in der Mitte Portugals zur Welt. Seine Eltern José de Sousa und Maria da Piedade waren landlose Landarbeiter, die in den Latifundien der Großgrundbesitzer schufteten. Den Beinamen „Saramago“ – portugiesisch für den Ackerrettich, eine Armenspeise – fügte ein Standesbeamter eigenmächtig hinzu; die Familie bemerkte den vollständigen Namen erst, als der Junge mit sieben Jahren in der Schule einen Ausweis vorlegen musste. 1924 zog die Familie als Landflüchtlinge nach Lissabon, wo der Vater Polizist wurde. Kurz darauf starb der ältere Bruder Francisco.
Trotz ausgezeichneter Zeugnisse konnte die Familie das Gymnasium nach zwei Jahren nicht länger finanzieren. So besuchte Saramago eine technische Fachschule, wurde Mechaniker und arbeitete in einer Kfz-Werkstatt. Im Unterricht kam er erstmals mit portugiesischer Literatur in Berührung. Seine Mutter war Analphabetin. Abends bildete er sich in der öffentlichen Bibliothek Palácio das Galveias autodidaktisch weiter, was ihm bald Arbeit in Verlagen und bei Zeitungen ermöglichte. 1944 heiratete er die Malerin Ilda Reis; 1947 wurde die Tochter Violante geboren.
Im selben Jahr erschien sein erster Roman, den der Verleger gegen Saramagos Willen von Die Witwe in Land der Sünde umtaufte. Danach folgten neunzehn Jahre ohne Veröffentlichung. 1949 wurde er aus politischen Gründen entlassen. Ende der 1950er Jahre arbeitete er beim Verlag Estúdios Cor, lernte viele Schriftsteller kennen und verkehrte im oppositionellen Literatencafé „A Brasileira“. Ab 1955 übersetzte er zahlreiche Autoren, darunter Colette, Maupassant, Tolstoi und Baudelaire. 1966 kehrte er mit dem Gedichtband Os Poemas Possíveis in die Literatur zurück, 1970 folgte Provavelmente Alegria. Ab 1967 war er zudem Literaturkritiker und schrieb politische Chroniken, soweit die Zensur es zuließ. 1969 trat er der damals verbotenen Kommunistischen Partei Portugals bei, der er bis zu seinem Tod die Treue hielt. Nach der Scheidung von Ilda Reis begann er eine Beziehung mit der Schriftstellerin Isabel da Nóbrega, die bis 1986 andauerte.
Mit der Nelkenrevolution von 1974 endete die jahrzehntelange Diktatur. Saramago arbeitete vorübergehend in Ministerien und war 1975 stellvertretender Leiter der Tageszeitung Diário de Notícias. Nach einer gescheiterten Rebellion verlor er den Posten und entschied sich endgültig für das Leben als freier Schriftsteller. Mit 55 Jahren erschien 1977 sein zweiter Roman, Das Handbuch der Malerei und der Kalligraphie. Ein Aufenthalt in einer Genossenschaft im Alentejo brachte 1980 den Roman Hoffnung im Alentejo hervor, in dem, wie er selbst sagte, sein charakteristischer Erzählstil geboren wurde. Das Buch schildert das entbehrungsreiche Leben der Landarbeiter und ihr Aufbegehren; mit ihm gelang der nationale Durchbruch.
Den internationalen Erfolg brachte 1982 der Roman Das Memorial, angesiedelt in der Zeit der Inquisition beim Bau des Klosterpalastes von Mafra. Kritiker erklärten ihn zum saramagoeskesten seiner Bücher. 1984 folgte Das Todesjahr des Ricardo Reis, das eine Kunstfigur Fernando Pessoas zum Leben erweckt. 1986 sprach sich Saramago gegen den EU-Beitritt Portugals aus und veröffentlichte die Fantasie Das steinerne Floß. 1988 heiratete er die spanische Journalistin Pilar del Río, ein Jahr später erschien Geschichte der Belagerung von Lissabon. Sein Roman Das Evangelium nach Jesus Christus von 1991 wurde vom Vatikan als blasphemisch verurteilt. Als ein konservativer Kulturstaatssekretär das Buch 1992 von der Kandidatenliste eines europäischen Literaturpreises strich, verlegte Saramago aus Protest seinen Wohnsitz auf die Insel Lanzarote, wo er bis zu seinem Tod lebte; eine Wohnung in Lissabon behielt er stets.
1995 erschien mit Die Stadt der Blinden einer seiner bekanntesten Romane, der in Parabelform eine an einer Erblindungsepidemie zerbrechende Gesellschaft schildert. Zusammen mit Alle Namen (1997) und Das Zentrum (2000) bildet er die „Trilogie der menschlichen Zustände“. 1998 wurde Saramago der Nobelpreis für Literatur verliehen. Je älter er wurde, desto radikaler bezog er politisch Stellung, betrieb über fünf Jahre einen kämpferischen Internetblog und zog sich mit israelkritischen Äußerungen Antisemitismusvorwürfe zu. Sein letztes Werk, der religionskritische Roman Kain, erschien Ende 2009. José Saramago starb am 18. Juni 2010 nach langer Krankheit im Alter von 87 Jahren. Als Sterbeort nennt die Deutsche Biographie Tías, während Wikidata die Insel Lanzarote angibt – tatsächlich liegt der Ort Tías auf Lanzarote. Die portugiesische Regierung ordnete eine zweitägige Staatstrauer an; seine Asche wurde in Lissabon unter einem Olivenbaum gegenüber der nach ihm benannten Stiftung beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Vom Kolumnisten und Lyriker entwickelte sich Saramago erst spät zum Romancier. Seinen eigentümlichen Erzählstil fand er nach eigener Aussage mit dem Roman Hoffnung im Alentejo. Seine Bücher verbinden das genaue Bild einfacher Menschen mit einem Zug ins Fantastische: In Das Memorial schwebt ein Luftschiff über dem Elend der Bauarbeiter, in Das steinerne Floß reißt sich die Iberische Halbinsel vom Kontinent los, und Die Stadt der Blinden entwirft in Parabelform eine ganze Gesellschaft, die aus den Fugen gerät.
Immer wieder mischt sich Humor mit Blasphemie und Gesellschaftskritik. So gilt der Liebesroman Das Memorial als blasphemisch-humoristisch, und in Das Evangelium nach Jesus Christus lässt Saramago einen selbstkritischen Jesus am kirchlichen Glauben zweifeln. Seine Stoffe kreisen wiederkehrend um Portugal, seine Geschichte und seine Landschaften – vom Alentejo der Korkeichen bis zur Inquisitionszeit. Kirche, Faschismus und Herrschaftsstrukturen sind bevorzugte Ziele seiner Kritik.
Rezeption↑
Mit den Romanen Hoffnung im Alentejo und Das Memorial gewann Saramago zunächst in Portugal, dann international ein großes Publikum. Seine Werke wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, und er galt als bekanntester zeitgenössischer Schriftsteller portugiesischer Sprache. 1998 krönte der Nobelpreis für Literatur sein Werk. Der Erfolg verschaffte ihm schon zuvor die finanzielle Unabhängigkeit als freier Autor.
Zugleich war Saramago eine umstrittene Gestalt. Der Vatikan verurteilte Das Evangelium nach Jesus Christus als blasphemisch und missbilligte auch die Verleihung des Nobelpreises. Seine späten politischen Äußerungen, besonders zur israelischen Besatzungspolitik, trugen ihm Antisemitismusvorwürfe ein; der Rowohlt Verlag weigerte sich 2010, sein israelkritisches Blogtagebuch herauszubringen, woraufhin seine letzten Bücher bei Hoffmann und Campe erschienen.
Sein Werk regte auch andere Künste an. Das Memorial inspirierte den Komponisten Azio Corghi zur Oper Blimunda, die 1990 an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde; aus dem Drama In Nomine Dei entstand die Oper Divara – Wasser und Blut, 1993 in Münster uraufgeführt. Die Stadt der Blinden wurde 2008 vom brasilianischen Regisseur Fernando Meirelles fürs Kino verfilmt. Um seinen Nachlass und sein Andenken kümmert sich die Fundação José Saramago mit Sitz in der Casa dos Bicos in Lissabon.
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