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Sappho
Kurzporträt↑
Aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert ragt die Stimme der griechischen Dichterin Sappho bis heute heraus. Sie lebte in Mytilene auf der Insel Lesbos in der Nordägäis. Diese Insel war damals ein kulturelles Zentrum. Sappho schrieb Lieder, in denen die Liebe einen breiten Raum einnimmt. Schon im Altertum galt sie als bedeutende Lyrikerin von kanonischem Rang. Platon nannte sie zwei Jahrhunderte nach ihrem Tod die „zehnte Muse". Von ihrem Gesamtwerk ist nach heutigen Schätzungen nur ein kleiner Bruchteil erhalten. Überliefert ist er in Zitaten anderer Autoren und auf Papyrusfragmenten. Geboren wurde sie nach gängiger Annahme zwischen 630 und 612 v. Chr., gestorben ist sie um 570 v. Chr.
Biografie↑
Über das Leben der Sappho berichten vor allem spätere Legenden. Gesicherte Nachrichten sind selten. Was sich von ihrem Werdegang andeutungsweise rekonstruieren lässt, stützt sich auf antike Quellen und auf autobiografische Hinweise in ihren eigenen Dichtungen. Sie entstammte einem alten mytilenischen Adelsgeschlecht auf Lesbos.
Nach Chamaileon von Herakleia hieß ihr Vater Skamandros oder Skamandronymos. Die zweite Namensform überliefert auch Herodot. Der Name der Mutter war demnach Kleïs, die Namen ihrer Brüder Charaxos, Erigyios und Larichos. Nach ihren eigenen Zeugnissen hatte Sappho eine Tochter. In einem Fragment spricht sie diese wohl als Kleïs an und vergleicht ihre Gestalt mit der goldener Blumen. Auch die Suda nennt eine Tochter Kleïs. Als Vater des Kindes nennt sie einen sonst nicht bezeugten Ehemann namens Kerkylas von der Kykladeninsel Andros.
Das Marmor Parium überliefert, dass Sappho aus Mytilene verbannt worden und nach Sizilien gefahren sei. Diese Verbannung traf sie wohl nur als Familienmitglied und galt nicht ihr persönlich. Sie fällt in die Zeit zwischen 604/03 v. Chr. und 596/95 v. Chr. Um das Jahr 591 v. Chr. kehrte sie nach Lesbos zurück. Dort versammelte sie eine Gruppe junger Mädchen vornehmer Herkunft als Schülerinnen um sich. Sie unterrichtete sie in musischen Fertigkeiten wie Poesie, Musik, Gesang und Tanz. Mit ihnen trat sie bei Festen zu Ehren der Götter auf.
Ins Reich der späteren Legende gehört die Behauptung, Sappho habe sich aus unerwiderter Liebe zu Phaon auf der Insel Leukas von einem Felsen gestürzt. Diese Vorstellung wird schon bei Menander und bei Ovid vorausgesetzt. Die mythische Überlieferung siedelte den schönen Phaon als Fährmann zwischen Lesbos und Kleinasien an. Gerade die geografische Nähe zur Heimat der Dichterin dürfte diese Geschichte begünstigt haben.
Literarische Merkmale↑
Zum Werk der Sappho gehörten Götterhymnen, Hochzeits- und Liebeslieder. In der Antike waren sie in neun Büchern gesammelt, heute sind sie jedoch alle verloren. Die Überlieferung muss sich deshalb auf Verweise und Zitate anderer Autoren oder auf Papyrusfragmente stützen. Bis heute konnten nur vier ihrer äolischen Gedichte mit hinreichender Sicherheit rekonstruiert werden. Eines davon wurde erst 2004 bekannt. Zuvor hatten Forscher der Universität zu Köln auf einem als Mumienkartonage verwendeten Papyrus Teile davon gefunden. Weitere Funde folgten. 2014 entdeckte der amerikanische Papyrologe Dirk Obbink Fragmente zweier bis dahin unbekannter Gedichte, darunter das sogenannte Brüdergedicht. In ihm besingt Sappho die Heimkehr ihres älteren Bruders Charaxos und erwähnt auch ihren jüngeren Bruder Larichos.
Besonders gerühmt wurde im Altertum ihre klare und ausdrucksstarke Sprache. Durch sie wurde Sappho unter anderem zum Vorbild des römischen Dichters Horaz. Auch Catull beeindruckten ihre Werke so sehr, dass er sie in seinen Gedichten zitierte. Oft sah man sie in der antiken Rezeption als „Homer in Frauengestalt".
Nach ihr ist die vierzeilige sapphische Strophe benannt, die auf sie zurückgeht. Mit ihr schuf sie eine neue lyrische Form der Monodie. Nach dem Rhetor und Grammatiker Athenaios soll sie zudem die „mixolydische Weise" erfunden haben, eine Oktavgattung des griechischen Tonsystems. Deren leidenschaftlicher Charakter habe der temperamentvollen Sprache der Dichterin entsprochen. In ihren Liedern besingt sie die Schönheit ihrer Freundinnen, Schülerinnen und vor allem ihrer Tochter. Diese Lieder wurden seit dem 15. Jahrhundert auf die Liebe Sapphos zu Frauen bezogen. Von dieser Deutung leitet sich die Bezeichnung „lesbische" oder „sapphische" Liebe ab.
Rezeption↑
Wenige Dichterinnen der Antike haben so weit nachgewirkt wie Sappho. Schon Platon schätzte ihre Lyrik so hoch, dass er sie als zehnte Muse bezeichnete. Im deutschsprachigen Raum lassen sich über tausend literarische Bearbeitungen ihres Stoffes nachweisen, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen. Friedrich Schlegel schrieb 1798: „Hätten wir noch die sämtlichen sapphischen Gedichte: vielleicht würden wir nirgends an Homer erinnert."
In der Literatur wurde ihre Gestalt immer wieder aufgegriffen. Christoph Martin Wieland ließ sie in seinen Gesprächen im Elysium auftreten. Franz Grillparzer machte sie 1818 zur Heldin seines Trauerspiels Sappho. Lawrence Durrell verfasste das Versdrama Sappho. Ihre Gestalt wurde auch in weiteren Werken aufgegriffen, darunter Erica Jongs Sappho's Leap und Christine Brückners Monolog in Wenn du geredet hättest, Desdemona.
Besonders reich ist die musikalische Rezeption. Von Frankreich ausgehend entstand seit dem 18. Jahrhundert eine Reihe von Opern über den Sappho-Stoff, unter anderem von Johann Simon Mayr, Giovanni Pacini, Charles Gounod und Jules Massenet. Dessen Sapho beruht auf einem Roman von Alphonse Daudet. Hinzu kommen Schauspielmusiken, Ballette und Melodramen. Vertonungen ihrer echten Verse setzten erst spät ein, mit dem Verfügbarwerden der griechischen Texte und moderner Übersetzungen. Sie reichen von Luigi Dallapiccola und Carl Orff bis zu Aribert Reimann und Esa-Pekka Salonen. In der bildenden Kunst stellten sie unter anderem Angelica Kauffmann, Charles Mengin und Antoine Bourdelle dar.
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