1923
Duineser Elegien
Überblick↑
Mit den Duineser Elegien hat Rainer Maria Rilke einen der bedeutendsten Gedichtzyklen der deutschen Moderne geschaffen. Die Sammlung umfasst zehn Elegien. Rilke begann sie 1912 auf Schloss Duino bei Triest, als Gast der Gräfin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe. Erst zehn Jahre später, 1922, schloss er sie ab. 1923 erschienen sie in Leipzig in Buchform. Rilke verbindet in ihnen die Tradition der klagenden Elegie mit dem feierlichen Ton der Hymne. Er entwirft ein dichterisches Weltbild, das um die Grundfragen des menschlichen Daseins kreist: um Vergänglichkeit, Tod, Liebe und die Sehnsucht nach einem Sein jenseits der eigenen Grenzen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die zehn Elegien bilden keinen erzählenden Zyklus, sondern eine groß angelegte dichterische Auseinandersetzung mit den Widersprüchen des Menschseins. Rilke kreist um die Frage, was den Menschen ausmacht und was ihn von anderen Wesen unterscheidet. Dem Menschen stellt er Gegenbilder gegenüber: den Engel, das Tier, und daneben Grenzgestalten wie das Kind, den Helden, den Jungverstorbenen und den großen Liebenden. An ihnen wird sichtbar, was der Mensch ist und was ihm fehlt.
Im Wechsel zwischen Klage und Lob spricht der Dichter von der Liebe, von der Einsamkeit, von den glücklichen Augenblicken des Daseins und von der Last des Bewusstseins, das stets um die eigene Sterblichkeit weiß. Eindringliche Bilder ziehen sich durch die Verse: Straßenartisten, die Fontäne, der Baum, das Aufsteigen und Niederfallen. Wer die Elegien zur Hand nimmt, betritt einen Raum, in dem schwierige Gedanken in dichte, klingende Sprache gefasst sind. In diesem Raum führt jede Elegie die vorhergehende weiter, hebt sie auf oder beleuchtet sie neu.
Die Handlung im Detail↑
Rilke entwickelt in den Duineser Elegien ein metaphysisches Weltbild, das jedoch nicht als geschlossene Lehre vorgetragen wird. Die Elegien handeln die großen Fragen nicht linear nacheinander ab, um sie zu lösen. Vielmehr schreitet der Dichter den Raum der Probleme im Laufe des Zyklus immer weiter aus. Scheinbar gelöste Fragen greift er später erneut auf, verwirft oder relativiert die zuvor gefundenen Antworten. So wird etwa der mythologische Trost, den die erste Elegie anbietet, in der zweiten Elegie wieder in Frage gestellt und schließlich verneint.
Im Zentrum steht die „selbstreflexive Gespaltenheit des menschlichen Bewußtseins“: die Möglichkeit, sich selbst zu betrachten, und die Unsicherheit, die daraus erwächst. Hinzu kommt die Unbegreiflichkeit von Vergänglichkeit und Tod. Um zu zeigen, was der Mensch ist, geht Rilke einen indirekten Weg und beschreibt, was der Mensch nicht ist. Er stellt dem Menschen mythopoetische Gegenbilder gegenüber: den Engel und das Tier. Beide sind frei von jener Spaltung des Bewusstseins, die den Menschen kennzeichnet. Daneben treten die Grenzbilder menschlichen Seins: das Kind, der Held, der Jungverstorbene und der große Liebende. In ihnen schildert Rilke Augenblicke, in denen der Mensch die Grenzen der „gedeuteten Welt“ überschreitet, also die Grenzen jener Welt, in der das Bewusstsein gefangen bleibt.
Der Zyklus bewegt sich im Wechsel zwischen Klage und Lob. Auf der einen Seite steht die fast erreichte Sehnsucht nach einem sicheren, mühelosen Können und Gelingen, wie es der Held der sechsten Elegie verkörpert. Auf der anderen Seite steht das Brauchen und das Nichtgebrauchtwerden. Diesem Gegensatz entspricht eine widersprüchliche Sicht auf das Leben selbst: Es wird einerseits als Dasein, als Hiersein gerühmt, andererseits als bloßes Dauern beklagt, als ein Leben in der Erwartung des Todes. Diese Spannung wurzelt im Wissen des Menschen um die eigene Sterblichkeit. Rilke fasst dies in die Zeile: „Blühn und verdorrn ist uns zugleich bewußt.“
Den ganzen Zyklus durchzieht das Motiv von Auf- und Abwärtsbewegung, von Hinaufgeworfenwerden und Hinunterfallen. Es steht für eine Bewegung, die ihr Gegenteil bereits in sich trägt. Besonders eindringlich wird das in der fünften Elegie, in der Rilke Straßenartisten beschreibt, die geworfen werden und fallen. Aber auch das Bild der Fontäne und das Bild des Baumes tragen diese Doppelbewegung in sich: Der Baum ragt aus der Erde auf und weist doch mit seinen Blüten und den fallenden Früchten zugleich wieder auf die Erde hinunter. So endet der Zyklus nicht in einer Lösung, sondern in einer dichterischen Annahme der Widersprüche, die das menschliche Leben ausmachen.
Stil↑
Die Duineser Elegien stellen ihre Leser vor Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten entstehen nicht zufällig, sondern aus Rilkes Verfahren selbst. Die Sätze sind reich an Relativsätzen und Vergleichen. An vielen Stellen weicht Rilke bewusst von der grammatischen Norm ab. Die Konjunktionen daß, aber und und benutzt er nicht immer in ihrer üblichen Bedeutung. Oft setzt er sie als Signalwörter ein, deren genauer Sinn sich erst aus dem Zusammenhang ergibt. Bei den häufigen Tempuswechseln ist der Modus des Verbs zuweilen nicht eindeutig bestimmbar, weder syntaktisch noch durch die Bedeutung. Auch das Verb können verwendet Rilke häufig eigenständig, ohne ein ergänzendes Vollverb. Das gibt dem Wort ein eigenes Gewicht.
Mit dem Titel und der klagenden Haltung stellen sich die Elegien in die Tradition der Gattung. Deren formales Kriterium, das Distichon, halten sie jedoch nicht streng ein. Rilke umspielt das antike Versmaß in Variationen und freien rhythmischen Abweichungen. Die vierte und die achte Elegie sind sogar ganz in Blankversen geschrieben. Sein ästhetischer Anspruch war es, die Tradition der Hymne mit der der Elegie zusammenzuführen.
Charakteristisch ist eine bildhafte, metaphernreiche Sprache. Sie geht oft von sehr konkreten Beobachtungen aus und weitet sie zu Analogien. Hinzu kommen zahlreiche Verweise zwischen den Elegien. Durch sie gewinnen einzelne Motive eine eigene Bedeutung, die vom gewöhnlichen Wortsinn abweicht. Der „Engel“ der Elegien etwa ist nicht mit der christlichen Vorstellung eines Engels zu verwechseln. Er hat im Zyklus seinen eigenen, von Rilke geprägten Sinn.
Rezeption↑
Die Duineser Elegien gelten als Gipfelwerk der deutschsprachigen Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts. Ihre lange Entstehungszeit von 1912 bis 1922, der berühmte Schöpfungsort Schloss Duino und Rilkes Ringen um die endgültige Gestalt haben sie früh zu einem Mythos der modernen Dichtung gemacht. Bis heute beschäftigen sie Leser, Übersetzer und Interpreten. Ihre dichte, oft schwer zugängliche Sprache lädt zu immer neuen Deutungen ein. Und ihre Fragen nach Vergänglichkeit, Bewusstsein und Sehnsucht haben nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren.
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