Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Dulce et Decorum est
Eingang · Werke · Dulce et Decorum est
Cover Dulce et Decorum est
Dulce et Decorum est
1920
– Werkseintrag –

Dulce et Decorum est

1920 · Lyrik

Wilfred Owen schildert einen Giftgasangriff an der Front des Ersten Weltkriegs und hält dem alten Spruch vom süßen Tod fürs Vaterland entgegen, was er selbst gesehen hat.

Überblick↑

Das Gedicht Dulce et Decorum est gehört zu den bekanntesten Texten des britischen Dichters Wilfred Owen. Er schrieb es Ende 1917 während des Ersten Weltkriegs. Geschildert wird ein Giftgasangriff an der Front und das Sterben eines namenlosen Soldaten. Der Titel stammt aus einer Zeile des römischen Dichters Horaz: „Dulce et decorum est pro patria mori“ – „Süß und ehrenvoll ist's, für's Vaterland zu sterben.“ Owen selbst erlebte das Gedicht nicht mehr im Druck; veröffentlicht wurde es erst 1920 nach seinem Tod. Es gilt als eines der herausragenden englischen Gedichte aus der Zeit des Ersten Weltkriegs.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Geschildert wird eine kleine Gruppe von Soldaten, die sich nach einem Einsatz zurückschleppt. Die Männer sind körperlich und seelisch am Ende. Sie taumeln mehr durch das Kampfgebiet, als dass sie marschieren. In diesen Zustand völliger Erschöpfung platzt unvermittelt ein Giftgasangriff. Panisch versuchen die Männer, ihre Gasmasken aufzusetzen. Das Gedicht führt den Leser damit unmittelbar in eine Situation, in der Sekunden über Leben und Tod entscheiden. Am Ende stellt Owen dem Erlebten die alte Formel vom süßen und ehrenvollen Tod fürs Vaterland gegenüber.

Die Handlung im Detail↑

In vier Strophen von acht, sechs, zwei und zwölf Versen, insgesamt 28 Zeilen, erzählt Owen einen einzigen Vorfall an der Westfront. Zu Beginn schleppt sich eine Gruppe von Soldaten durch das Kampfgebiet. Sie sind am Ende ihrer körperlichen und seelischen Kräfte und taumeln mehr, als dass sie gehen.

Dann bricht der Giftgasangriff über sie herein. In Panik greifen die Männer nach ihren Gasmasken. Einer von ihnen schafft es nicht rechtzeitig. Er stirbt qualvoll vor den Augen des Sprechers. Dieses Sterben bildet den Kern des Gedichts.

Am Schluss wendet sich Owen an alle, die jungen Männern die alte Formel vom ehrenvollen Tod fürs Vaterland weitergeben. Er zitiert die Horaz-Zeile nicht heroisierend, sondern ironisch, ja sarkastisch. Wer diesen Tod gesehen hat, so die Stoßrichtung der letzten Zeilen, kann den alten Spruch nicht mehr guten Gewissens wiederholen.

Aufschlussreich ist die Entstehung. Die älteste datierte Fassung findet sich in einem Brief, den Owen am 16. Oktober 1917 an seine Mutter schrieb. Erhalten sind vier Manuskriptfassungen, die geringfügig voneinander abweichen; je zwei liegen heute in der British Library und in der English Faculty Library der Universität Oxford. Einige tragen unter dem Titel eine Widmung, die Owen später änderte und schließlich ganz strich. Diese Widmung war keine Ehrung, sondern eine Anklage: Sie richtete sich gegen die Schriftstellerin und Journalistin Jessie Pope (1868–1941), die im Ersten Weltkrieg mit hurra-patriotischen Gedichten wie Who's for the game? junge Männer zur Meldung an die Front drängte. Owen machte sie mitverantwortlich dafür, dass so viele junge Männer starben.

Stil↑

Auffällig ist der scharfe Bruch zwischen Bild und Formel. Owen schildert das Sterben eines Soldaten mit drastischer Genauigkeit und stellt dieser Schilderung am Ende die feierliche lateinische Sentenz gegenüber. Aus diesem Zusammenprall entsteht die Wirkung des Gedichts: Das Zitat aus Horaz, das seit langem zur Verklärung des Kriegstodes benutzt wurde, kippt bei Owen ins Sarkastische.

Der Aufbau ist ungleichmäßig. Die vier Strophen umfassen acht, sechs, zwei und zwölf Verse. Besonders die kurze dritte Strophe von nur zwei Zeilen sticht heraus. Owen schreibt nicht aus der Distanz, sondern als Augenzeuge: Der Tod des Soldaten geschieht vor den Augen des Sprechers. Sein eigenes Programm hat Owen im Vorwort zu einem Gedichtband formuliert, den er 1919 herausbringen wollte: „The Poetry is in the pity.“ – „Die Poesie liegt im Mitleid.“

Rezeption↑

Den Erfolg seines Gedichts hat Owen nicht mehr erlebt. Er fiel im Alter von 25 Jahren am 4. November 1918, genau eine Woche vor Kriegsende, bei Kämpfen am Canal de la Sambre à l'Oise nahe der französischen Ortschaft Joncourt im Département Aisne. Postum wurde ihm das Military Cross für Tapferkeit vor dem Feind verliehen. Das Gedicht erschien 1920.

Neben Rupert Brooke, Isaac Rosenberg, Siegfried Sassoon und Charles Sorley zählt Owen zu den herausragenden Vertretern der englischen War poets, der Kriegsdichter, von denen die meisten im Ersten Weltkrieg umkamen. Zu seinen wichtigsten Gedichten gehören neben diesem Text auch Anthem for Doomed Youth, Insensibility, Futility und Strange Meeting.

Einzelne Wendungen Owens sind in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Der Titel Dulce et Decorum est wird heute als ironische Anspielung gebraucht. Auch Sätze aus seinem Vorwort werden zitiert: „War, and the pity of War“ sowie „The Poetry is in the pity“. Der englische Komponist Benjamin Britten verarbeitete neun Gedichte Owens in seinem War Requiem, das er 1961 begann und 1962 vollendete.

Umgekehrt verlief die Entwicklung bei den Kriegsbegeisterten. Je mehr Berichte über die Gräuel an der Front bekannt wurden, desto stärker wuchs der Einfluss von Autoren wie Owen und Sassoon. Im gleichen Maß sank das Ansehen von Schriftstellern wie Jessie Pope, die heute so gut wie vergessen ist. Auf Deutsch liegen Owens gesammelte Gedichte unter dem Titel Die Erbärmlichkeit des Krieges vor, herausgegeben von Johannes CS Frank im Verlagshaus J. Frank in Berlin.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten