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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Wilfred Owen
Wilfred Owen
1893 – 1918
– Autorenporträt –

Wilfred Owen

1893 – 1918 · 25 Jahre

Britischer Dichter und Soldat, der den Ersten Weltkrieg schonungslos beschrieb und eine Woche vor dem Waffenstillstand fiel – seine bekanntesten Gedichte erschienen erst nach seinem Tod.

Kurzbiografie↑

Wilfred Owen wurde 1893 in Oswestry in der englischen Grafschaft Shropshire geboren und fiel am 4. November 1918 bei Ors in Frankreich, eine Woche vor dem Waffenstillstand. Er war Dichter und Soldat und gilt als einer der wichtigsten Zeugen des Ersten Weltkriegs in der englischen Literatur. Seine bekanntesten Gedichte, darunter Dulce et Decorum Est und Anthem for Doomed Youth, erschienen erst nach seinem Tod. Für das geplante Buch seiner Gedichte schrieb er ein Vorwort, aus dem mehrere Wendungen in die englische Sprache eingingen, etwa „War, and the pity of War“ und „The Poetry is in the pity“.


Biografie↑

Als ältestes von vier Kindern wuchs Owen in einer Familie englisch-walisischer Herkunft auf. Sein Vater Tom arbeitete bei der Eisenbahn, die Mutter hieß Susan. Zunächst lebte die Familie in einem wohlhabenden Haus, das dem Großvater gehörte. Nach dessen Tod 1897 musste sie in eine möblierte Wohnung in einer schlechten Gegend von Birkenhead ziehen.

Dort besuchte Owen das Birkenhead Institute und die Shrewsbury Technical School. Während eines Ferienaufenthalts in Cheshire entdeckte er als Junge sein dichterisches Talent. An den evangelischen Schulen wurde er anglikanisch erzogen. Zu den frühen Einflüssen auf sein Schreiben zählen John Keats und, wie bei vielen seiner Zeitgenossen, die Bibel.

Nach dem Schulabgang 1911 bestand er die Aufnahmeprüfung der University of London. Sein Ergebnis reichte jedoch nicht für ein Stipendium. Um eine kostenlose Unterkunft und Hilfe bei den Prüfungsvorbereitungen zu bekommen, arbeitete er als Laienhelfer für den Vikar von Dunsden und als Schulpraktikant an der Wyle Cop School. Danach studierte er am University College von Reading Botanik, auf Betreiben der Englischen Fakultät später auch Altenglisch, ohne dafür Gebühren zahlen zu müssen. Eine zweite Bewerbung um ein Stipendium blieb ebenfalls erfolglos. Vor Kriegsausbruch unterrichtete er als Privatlehrer für Englisch an der Berlitz-Schule in Bordeaux.

Am 21. Oktober 1915 trat Owen in die Artists' Rifles ein, eine Freiwilligeneinheit der britischen Armee. Sieben Monate lang wurde er im Hare Hall Camp in Essex ausgebildet. Im Januar 1917 kam er als Second Lieutenant zum Manchester Regiment. An der Front führte er seinen Zug in die Schlacht und lag drei Tage lang verschüttet in einem Granattrichter. Nach diesen Erlebnissen wurde bei ihm ein Kriegstrauma festgestellt, und man schickte ihn zur Behandlung in ein Lazarett nach Edinburgh. Dort, in Craiglockhart, lernte er den Dichter Siegfried Sassoon kennen. Owen betreute außerdem die Krankenhauszeitschrift The Hydra.

Im Juli 1918 kehrte er nach Frankreich an die Front zurück, obwohl er im Heimatdienst hätte bleiben können. Der Grund lag fast ausschließlich bei Sassoon: Dieser war nach einem Kopfschuss aus den eigenen Reihen bis Kriegsende dienstuntauglich geschrieben worden und nach England zurückgekehrt. Owen hielt es für seine patriotische Pflicht, Sassoons Platz an der Front einzunehmen und von den Kriegsgräueln Zeugnis abzulegen. Sassoon widersprach heftig und drohte ihm, er werde ihm ins Bein stechen, falls er es versuche. Owen unterrichtete den Freund deshalb erst, als er bereits abgereist war.

Am 1. Oktober 1918 führte Owen Einheiten der Second Manchesters beim Sturm auf feindliche Stützpunkte nahe dem Dorf Joncourt. Für sein Verhalten dabei erhielt er das Military Cross, das ihm nach seinem Tod verliehen wurde. Er fiel am 4. November 1918 südlich von Ors am Canal de la Sambre à l'Oise während der Zweiten Schlacht an der Sambre, fast auf die Stunde genau eine Woche vor dem Waffenstillstand. Als die Nachricht seines Todes zu Hause eintraf, läuteten die Kirchenglocken der Stadt gerade den Friedensschluss aus.


Literarische Merkmale↑

Schonungslos und realistisch schildert Owen den Graben- und Gaskrieg. Damit stellte er sich gegen die öffentliche Sicht auf den Krieg und gegen die patriotisch gestimmte Kriegslyrik von Dichtern wie Rupert Brooke, die das Schlachtfeld nie gesehen hatten. Am deutlichsten zeigen das seine bekanntesten Gedichte Dulce et Decorum Est und Anthem for Doomed Youth.

Sein Schreiben veränderte sich 1917 grundlegend. Während der Behandlung in Craiglockhart ermutigte ihn sein Arzt Arthur Brock, die eigenen Erlebnisse und vor allem die daraus entstandenen Albträume dichterisch zu verarbeiten. Sassoon half ihm dabei und zeigte ihm an Beispielen aus der Literatur, was Lyrik ausdrücken kann. Sassoons satirische Mittel wirkten auf Owen, der nun versuchte, dessen Stil nachzuahmen. Auch die Themen änderten sich durch die Zusammenarbeit. Sassoons Eintreten für den Realismus und für das Schreiben als Erlebnisbericht war Owen zwar bekannt, doch hatte er es zuvor nie genutzt: Bis dahin bestand sein Werk vor allem aus einer Reihe unbeschwerter Sonette. Von Sassoons Anmerkungen zeugen bis heute Kopien seiner Manuskripte mit dessen handschriftlichen Notizen.

Trotz dieser Nähe trägt Owens Lyrik unverwechselbar eigene Züge. Er war nicht der einzige Lyriker seiner Zeit, der die Konsonanz verwendete, also den Gleichklang der Mitlaute. Doch er ging damit besonders erfindungsreich und in manchen Gedichten auch geistreich um und war der erste, der sich eingehend damit beschäftigte.


Rezeption↑

Anerkennung fand die Kriegslyrik dieser Jahre zunächst kaum. Zu Lebzeiten veröffentlichte Owen fast nichts, obwohl er einen Gedichtband plante und dafür bereits ein Vorwort geschrieben hatte. Gedruckt wurden lediglich fünf Gedichte in The Hydra, der von ihm betreuten Krankenhauszeitschrift von Craiglockhart, eines davon nur als Bruchstück.

Nach seinem Tod sorgte Sassoon für die Verbreitung der Gedichte und war einer seiner ersten Herausgeber. Auch Edith Sitwell unterstützte ihn. Ein weiterer Schritt war die 1931 von Edmund Blunden herausgegebene Anthologie, in der Owens Gedichte neu erschienen. In den 1960er Jahren rückte eine erneute Beschäftigung mit seinem Werk den Dichter ins öffentliche Interesse. Owens Dichtung findet heute höhere Anerkennung als die seines Mentors Sassoon. Das Gesamtwerk lag in ungekürzter Originalfassung erst 1994 vor, in der zweibändigen Ausgabe The Complete Poems and Fragments von Jon Stallworthy.

Der Nachlass ist öffentlich zugänglich. 1975 stiftete Owens Schwägerin sämtliche Handschriften, Fotografien und Briefe aus dem Besitz ihres verstorbenen Mannes Harold, eines Bruders des Dichters, der Bibliothek an der Englischen Fakultät der University of Oxford. Dazu gehören auch Owens persönliche Habe, seine Bücher und eine fast vollständige Sammlung von The Hydra.

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