Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Dubliner
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Dubliner
1914
– Werkseintrag –

Dubliner

1914 · Erzählung

Fünfzehn Geschichten aus Dublin, in denen scheinbar alltägliche Augenblicke unversehens den ganzen Stillstand eines Lebens offenbaren.

Überblick

Das Werk Dubliner ist ein Zyklus von fünfzehn Kurzgeschichten des irischen Schriftstellers James Joyce. Es handelt sich um sein erstes Prosawerk. Joyce schrieb es in den Jahren zwischen 1904 und 1907. In Buchform erschien es erst 1914 bei Grant Richards. Erst später wurde Joyce mit seinem Roman Ulysses weltberühmt. Alle Geschichten spielen in Dublin, der Geburtsstadt des Autors. Sie zeichnen ein Bild des kleinen und mittleren Bürgertums. Immer wieder kreisen sie um die Lähmung, die Joyce in der irischen Gesellschaft seiner Zeit sah.

Inhalt (ohne Spoiler)

Fünfzehn Geschichten führen den Leser durch das Dublin des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. In einer lockeren zeitlichen Ordnung reichen sie von den Erlebnissen eines Kindes bis zu denen Erwachsener. Joyce schilderte die Stadt nach eigenem Bekunden als ein Bild seiner Heimat unter vier Gesichtspunkten: Kindheit, Jugend, Reife und öffentliches Leben.

Ein Junge erlebt den Tod eines befreundeten Priesters und horcht auf die rätselhaften Andeutungen der Erwachsenen. Zwei Schüler schwänzen die Schule und begegnen auf ihrem Streifzug einem sonderbaren älteren Mann. Ein Heranwachsender verspricht dem Mädchen, das er heimlich verehrt, ein Mitbringsel von einem orientalischen Basar. Eine junge Frau steht vor der Entscheidung, mit ihrem Geliebten über das Meer zu fliehen. Der Sohn eines reich gewordenen Fleischers gerät in den Kreis weltgewandter Bekannter. Zwei junge Männer schlendern durch den Abend und schmieden einen wenig ehrenhaften Plan.

Äußerlich geschieht in diesen Geschichten oft wenig. Joyce ging es um das Innenleben seiner Figuren, um ihre Hoffnungen, ihre Enttäuschungen und die Augenblicke, in denen ihnen die eigene Lage plötzlich klar wird. Wer das Buch noch nicht kennt, kann sich überraschen lassen, wie jede einzelne dieser scheinbar alltäglichen Episoden auf einen entscheidenden Moment zuläuft.

Die Handlung im Detail

Der Zyklus eröffnet mit Die Schwestern. Ein Junge erfährt vom Tod des Reverend James Flynn, der ihm väterlicher Freund und Lehrer in Allgemeinbildung, Ethik und Religion gewesen war. Schon bevor er die Nachricht erhält, ahnt er, dass es nach dem dritten Schlaganfall des Priesters keine Hoffnung mehr gibt. Aus den Gesprächen der Erwachsenen wird deutlich, dass diese den Toten für psychisch krank hielten. Am Tag darauf sucht der Junge das Trauerhaus auf, traut sich aber zunächst nicht hinein. Erst am Abend betritt er gemeinsam mit seiner Tante das Totenzimmer, wohin sie von den beiden Schwestern des Verstorbenen geführt werden. Wieder fangen ihn die Andeutungen der Erwachsenen ein: Der Priester habe einen Kelch zerbrochen, danach sei es mit ihm bergab gegangen, bis er still vor sich hin lachend dem Wahn verfiel.

In Eine Begegnung schwänzen der Ich-Erzähler und sein Freund die Schule und streifen durch die Außenbezirke Dublins. Auf einem Feld setzt sich ein älterer Mann zu ihnen. Er redet über das Interesse von Jungen an Mädchen, vor allem aber immer wieder über die Notwendigkeit harter körperlicher Züchtigung. Einmal steht er auf und scheint in Sichtweite der Kinder zu masturbieren. Der Erzähler ist hin- und hergerissen: Einerseits will er nicht genau hinsehen, andererseits ist er von der Stimme des Mannes fasziniert. Nur mit großer Willenskraft gelingt es ihm schließlich, seinem stärkeren Freund über das Feld hinterherzugehen.

Arabia erzählt von der ersten Verliebtheit des Ich-Erzählers in die Schwester seines Freundes. Er verspricht ihr ein Mitbringsel vom Basar „Araby". Weil sein Onkel an jenem Abend spät heimkommt, kann er erst nach neun Uhr aufbrechen. Zehn Minuten vor Schließung erreicht er die große Halle, in der schon fast alle Stände geschlossen sind. Wütend und sich lächerlich fühlend steht er in der leeren, dunklen Hülle des Marktes, und sein Vorhaben läuft ins Leere.

In Eveline stehen die letzten Stunden vor der geplanten Flucht einer Neunzehnjährigen im Mittelpunkt. Mit ihrem Geliebten will sie auf einem Schiff nach Buenos Aires reisen. Am Fenster sitzend lässt sie ihre Jugend, die vertrauten Dinge des Elternhauses, den Wahnsinn der Mutter und die wachsende Gewalttätigkeit des Vaters an sich vorüberziehen. Im allerletzten Moment fehlt ihr die Kraft, sich von der Heimat zu lösen. In Panik klammert sie sich an das Gitter am North Wall Quay und bleibt zurück.

Nach dem Rennen handelt von Jimmy, dem Sohn eines reich gewordenen Fleischers. Nach einer Mitfahrt im Rennwagen genießt er die Gesellschaft seiner weltgewandten französischen Bekannten. Diese bieten ihm eine Beteiligung an einem Automobilgeschäft an und nehmen ihn beim Kartenspiel auf der Jacht eines Amerikaners aus, ohne dass er sich wehrt. Die Geschichte beginnt bei den durch Dublin rasenden Wagen und endet in der geschlossenen Kajüte des Bootes, in der Jimmy in einer dunklen Betäubung sein Geld verliert, während die anderen sich trotz der durchzechten Nacht schon für neue Abenteuer bereitmachen.

Zwei Kavaliere begleitet zwei Männer Anfang dreißig durch einen frühen Augustabend. Sie sprechen über das bevorstehende Rendezvous des einen mit einem Dienstmädchen. Corley, der Verehrer, ist ein dicker, selbstzufriedener Sohn eines Polizeiinspektors auf dem Weg in die Kleinkriminalität: Er will das in ihn verliebte Mädchen dazu bringen, für ihn seine Herrschaft zu bestehlen. Während das Paar mit der Tram in einen Vorort fährt, wartet sein Freund Lenehan ungeduldig auf den Ausgang.

Die übrigen Geschichten setzen diesen Reigen fort und führen vom Erleben der Kinder über das junger Erwachsener bis in die Welt der Älteren. Immer wieder läuft das scheinbar Alltägliche auf einen Moment der Ernüchterung zu.

Stil

Arm an äußerer Handlung sind diese Texte fast durchweg. Joyce ging es nicht um spannende Ereignisse, sondern um eine feine psychologische Darstellung seiner Figuren und um ihre Innensicht. Dafür arbeitet er vor allem mit der erlebten Rede, einer Vorform des inneren Monologs. Eine Besonderheit ist dabei, dass er die Erzählsprache jeweils den Figuren anpasst.

Eine Vielzahl poetischer Mittel durchzieht den Band. Joyce experimentiert mit Auslassungen, mit Andeutungen und mit Motiven, die in immer neuen Abwandlungen wiederkehren. Er übt sich in der stufenförmigen Hinführung auf einen Höhepunkt und in der pointierten Schlusswendung. Sein eigenstes Verfahren aber ist die „Epiphanie": das plötzliche Aufleuchten eines wesentlichen Zuges in einem besonderen Augenblick. In Die Schwestern etwa verdichten sich die Aussparungen und suggestiven Andeutungen so weit, dass die Lähmung des gestorbenen Priesters zu einem Sinnbild für die Lähmung der ganzen Stadt wird.

Rezeption

Vierzig Verleger sollen das Buch abgelehnt haben, bevor es 1914 erscheinen konnte – so hat es Joyce später jedenfalls behauptet. Schon einzelne Vorabdrucke stießen auf Widerstand. Die früheste Fassung von Die Schwestern erschien 1904 in der Zeitschrift The Irish Homestead. Die überwiegend fromm-katholischen Leser nahmen sie gemischt auf, weil das Verhalten des Priesters nicht ihren Erwartungen entsprach. Die Leser protestierten und wünschten sich unterhaltsamere Geschichten. Daraufhin lehnte die Zeitschrift weitere Beiträge ab.

Über die Reihenfolge der Geschichten wird bis heute gestritten. Die einen erkennen darin chronologisch-autobiografische Züge. Andere suchen hinter den wechselnden Schauplätzen einen tieferen Sinn in Joyces Auseinandersetzung mit seiner Heimatstadt. Sein Biograph Jean Paris deutete die Geschichten als Beispiele für Sünden im katholischen Sinn: Die ersten drei zeigten den Verfall der Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe, die folgenden sieben die sieben Todsünden, die letzten vier Verstöße gegen die klassischen Kardinaltugenden. Als geheimes Thema des Buches gilt dem Literaturwissenschaftler Jörg Drews die „frustration": eine Enttäuschung, eine Desillusionierung, ein moralisches Versagen.

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