1865
Drum-Taps
Überblick↑
Mit dieser Gedichtsammlung verarbeitet Walt Whitman seine Erfahrungen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Der Band erschien im Mai 1865 in einer ersten Auflage von 500 Exemplaren. Im selben Monat fiel Präsident Abraham Lincoln einem Attentat zum Opfer. Noch im Oktober desselben Jahres ergänzte Whitman achtzehn weitere Gedichte zum Anhang Sequel to Drum-Taps. Dieser Anhang enthält unter anderem die berühmte Totenklage auf Lincoln, O Captain! My Captain!. Drum-Taps gilt als unmittelbare lyrische Antwort auf den Krieg. Whitman selbst hatte drei Jahre lang verwundete Soldaten in Lazaretten gepflegt und schreibt aus eigener Anschauung.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Sammlung versammelt Gedichte aus den Jahren des amerikanischen Bürgerkriegs. Sie beginnt mit Versen, die den Aufbruch der Nordstaaten in den Krieg begleiten: Trommelschläge, Fahnenrufe, der patriotische Stolz einer Gesellschaft, die ihre Union bewahren will. Eingangsgedichte wie First O Songs of Prelude und Song of the Banner at Daybreak tragen diesen mitreißenden Ton.
Schon bald wechselt der Blick. Whitman zeigt Soldaten beim Marsch, beim Übergang über eine Furt, im Biwak am Lagerfeuer, in der schlaflosen Nacht vor der Schlacht. Diese Bilder wirken nüchtern, fast wie fotografische Momentaufnahmen. Sie führen den Leser nahe an die Männer heran, die ausziehen, ohne ahnen zu können, was sie erwartet.
Ein weiterer Strang führt in die Heimat und in die Lazarette: ein Vater, der einen Brief von der Front öffnet; ein Soldat, der bei einem sterbenden Kameraden wacht; ein Pfleger, der sich an die Verwundeten erinnert, die er versorgt hat. Whitman wechselt zwischen großem Pathos und stiller Beobachtung, zwischen Hymne und Klage. Der Anhang Sequel to Drum-Taps rundet die Sammlung mit Gedichten ab, die unmittelbar auf das Kriegsende und den Tod des Präsidenten reagieren.
Die Handlung im Detail↑
Die Sammlung gliedert sich – ohne ausdrückliche Kapitel – in mehrere thematische Gruppen, die den Weg vom euphorischen Kriegsbeginn bis zur Trauer nach dem Sieg nachzeichnen.
Am Anfang stehen Gedichte, die den patriotischen Aufbruch des Nordens feiern. First O Songs of Prelude (ursprünglich Drum Taps) und Song of the Banner at Daybreak sind Sammelrufe für die Bevölkerung der Union. Whitman teilt die Überzeugung Lincolns, dass es im Krieg vor allem darum gehe, die Union zu bewahren. Er sieht im Konflikt sogar eine Bewährungsprobe für die amerikanischen Ideale: Ohne diese Erschütterung, so seine Annahme, drohten sie in Selbstverständlichkeit zu erstarren. Zugleich blitzt schon hier die Ahnung des Schreckens auf. In The Centenarian's Story erinnert sich ein Veteran der Revolutionskriege im Gespräch mit einem jungen Freiwilligen sowohl an den Mut der vorrückenden Männer als auch daran, wie viele von ihnen niedergemäht wurden.
Es folgt eine Gruppe von Gedichten, die in Whitmans Werk eine besondere Stellung einnimmt. Texte wie Cavalry Crossing a Ford, Bivouac on a Mountain Side, An Army Corps on the March und By the Bivouac's Fitful Flame zeigen die Truppe auf dem Marsch, in der Rast, beim Vorrücken in den Kampf, in der schlaflosen Nacht am Feuer. Die Sprache ist hier knapp, fast berichtend; die Bilder wirken wie frühe Fotografien. In By the Bivouac's Fitful Flame wird spürbar, wie die anfängliche Begeisterung eines Soldaten einer leeren, schweren Empfindung weicht, sobald Schrecken und Leid des Krieges Wirklichkeit werden.
Ein weiterer Themenkreis widmet sich dem Leiden. Come Up from the Fields Father zeigt eine Familie auf einem Hof, die einen Brief von der Front erhält: Ihr Sohn ist verwundet, später erfahren sie von seinem Tod. Das Gedicht macht deutlich, dass der Krieg auch dort einschlägt, wo kein Schuss fällt. Vigil Strange I Kept on the Field One Night erzählt von einem Soldaten, der einen sterbenden Kameraden zurücklassen muss, weil die Schlacht weitergeht. In der Nacht kehrt er zur Leiche zurück, hält Wache und erinnert sich an die Bedeutung, die der Tote für ihn hatte. Whitman verzichtet auf Melodramatik; er zeigt, wie der Krieg jede Möglichkeit, dem Sterben angemessen zu begegnen, zerstört – und wie aus diesem Schrecken zugleich tiefe Bindungen zwischen den Männern entstehen.
Ein letzter großer Strang führt in die Lazarette. The Wound-Dresser lässt einen Veteranen zu Wort kommen, den Kinder nach Kriegsgeschichten drängen. Doch nicht die Schlachten haben sich ihm eingeprägt, sondern die Tage und Nächte, in denen er Verwundete versorgte. Er erinnert sich nicht an eine Masse von Soldaten, sondern an einzelne Männer, jeden mit seiner besonderen Wunde. Für ihn ist die Pflege des hilflosen Mitmenschen die tiefste Erfahrung, die das Leben bereithält; die Figur des Pflegers wird dabei in die Nähe einer Christus-Gestalt gerückt. The Artillery Man's Vision zeigt einen anderen Nachhall: Ein schlafloser Veteran wird von einer Vision der Schlacht überfallen, so lebendig, dass sie der Wirklichkeit gleichkommt – ein Bild dessen, was man heute als traumatische Belastung bezeichnen würde. Der Mann erkennt die Vision als Trugbild und bleibt ihr doch ausgeliefert.
Die Drucklegung selbst ist von den Ereignissen der Zeit geprägt. Whitman hatte 1862 nach seinem im Gefecht bei Fredericksburg verwundeten Bruder George gesucht und war angesichts der Verluste zutiefst erschüttert. Drei Jahre lang half er in Lazaretten, kleidete Wunden, assistierte bei Amputationen, verteilte Medikamente; er selbst bezeichnete sich lieber bescheiden als „Besucher und Tröster". Im Juni 1864 zwang ihn ein Zusammenbruch zur Rückkehr nach Brooklyn. Im März 1865 erfuhr er, dass sein Bruder aus der Gefangenschaft freigekommen war, und nutzte den Moment, um den Druck voranzutreiben. Mit dem Drucker Peter Eckler vereinbarte er eine Auflage von 500 Exemplaren. Der Satz lief planmäßig – bis am 15. April 1865 die Nachricht vom Attentat auf Lincoln eintraf. Whitman fügte seiner Sammlung in den folgenden Monaten Gedichte hinzu, darunter das vielbeachtete When Lilacs Last in the Dooryard Bloom'd. Am 28. Oktober 1865 erschien Drum-Taps zusammen mit einem 24-seitigen Anhang, dem Sequel to Drum-Taps, der auch die Klage O Captain! My Captain! auf den ermordeten Präsidenten enthält.
Stil↑
Whitman arbeitet in Drum-Taps mit sehr unterschiedlichen Tonlagen. Die Eingangsgedichte sind hymnisch und laut, getragen vom Rhythmus der Trommeln und Fahnen. In den mittleren Gruppen wechselt er in einen knappen, beobachtenden Ton. Die Bilder vom Marsch, vom Biwak, vom nächtlichen Feuer sind beinahe wie fotografische Aufnahmen gebaut. Das ist ein für seine Zeit ungewohnter Blick, den manche Leser an die damals junge Fotografie erinnert. Diese Gedichte folgen leichten, fast eingängigen Rhythmen und berichten nüchtern, wie ein Augenzeuge.
An anderer Stelle kehrt Whitman zum freien Vers zurück, der sein Werk insgesamt prägt. Hier verzichtet er auf Reim und festes Metrum. Der Leser muss dem Klang und den Bildern folgen, um den tieferen Sinn zu finden. Auffällig ist, dass Whitman selbst im Lazarettgedicht nicht die Masse beschreibt, sondern den Einzelnen mit seiner einzelnen Wunde. So entsteht ein vielstimmiges Buch zwischen großem Hymnus und stiller Einzelszene, zwischen Patriotismus und Trauer. Es erklärt den Krieg nicht, sondern stellt ihn in vielen Bildern vor das innere Auge des Lesers.
Rezeption↑
Whitman selbst betrachtete die Lazarettzeit später als die tiefste Erfahrung seines Lebens. Sein früher Biograf John Burroughs hielt fest, der Krieg solle in Amerika nicht zur dauernden Bestimmung des Lebens werden, sondern „nur eine Episode, eine vorübergehende Unterbrechung" bleiben. Drum-Taps gilt als unmittelbare lyrische Antwort auf den Bürgerkrieg und prägte das Bild, das spätere Generationen von diesem Krieg gewannen. Besondere Aufmerksamkeit fand das Gedicht When Lilacs Last in the Dooryard Bloom'd. Der Whitman-Biograf Roy Morris Jr. hat es später als den letzten großen Erfolg in Whitmans Schaffen bezeichnet. Dauerhaft populär wurde vor allem die im Anhang Sequel to Drum-Taps enthaltene Totenklage O Captain! My Captain!. Sie wird bis heute in den Schulen englischsprachiger Länder gelesen und gilt als eines der bekanntesten Gedichte über Abraham Lincoln.
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