1882 – 1941
James Joyce
Kurzporträt↑
James Joyce (1882–1941) war ein irischer Schriftsteller. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der literarischen Moderne. Mit seinen Werken Dubliner, Ulysses und Finnegans Wake veränderte er den Roman des 20. Jahrhunderts grundlegend. Die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms wandte er als Erster konsequent an und entwickelte sie weiter. Geboren wurde er nahe Dublin. Ab 1904 lebte er im selbstgewählten Exil – in Triest, Zürich und Paris. In Zürich starb er auch, wenige Tage nach einer Notoperation.
Biografie↑
Geboren wurde James Augustine Aloysius Joyce am 2. Februar 1882. Er war das erste Kind von John Stanislaus Joyce und Mary Jane Murray. Als Geburtsort nennt die Wikipedia den Dubliner Vorort Rathgar, der seit 1930 zur Stadt gehört; die Deutsche Biographie verzeichnet schlicht Dublin. Von seinen zwölf Geschwistern starben zwei an Typhus. Der Vater stammte aus Fermoy in County Cork und besaß zeitweise eine kleine Saline und ein Kalkwerk. 1887 wurde er bei der Dublin Corporation als Steuereintreiber eingestellt, und die Familie zog in das aufstrebende Bray. Dort wurde der Junge von einem Hund gebissen, was eine lebenslange Furcht vor Hunden auslöste. Eine tiefreligiöse Tante prägte ihm zudem die Angst vor Gewittern als Zeichen göttlichen Zorns ein.
Ab 1888 besuchte Joyce das von Jesuiten geführte Internat Clongowes Wood College in County Kildare. 1891 schrieb er als Neunjähriger das Gedicht Et Tu Healy auf den Tod Charles Stewart Parnells. Im selben Jahr wurde der Vater im Konkursverzeichnis eingetragen und vom Dienst suspendiert. Obwohl er 1893 eine Pension erhielt, geriet die Familie wegen seines Alkoholkonsums und seiner finanziellen Fehlplanung in Armut. 1892 musste James die Schule verlassen, weil das Schulgeld nicht mehr aufzubringen war. 1893 erhielt er einen Platz am ebenfalls jesuitischen Belvedere College in Dublin. Vom Orden, dem man ihn gerne aufgenommen hätte, wandte er sich ab dem 16. Lebensjahr ab. Die Philosophie des Thomas von Aquin begleitete ihn jedoch lebenslang.
1898 trat Joyce in das University College Dublin ein und studierte moderne Sprachen, vor allem Englisch, Französisch und Italienisch. Erste literarische Versuche folgten. 1900 erschien sein Artikel Ibsen's New Drama, für den Henrik Ibsen ihm persönlich dankte. Nach dem Abschluss zog er nach Paris, um Medizin zu studieren – ein Plan, der an den Kolleggeldern scheiterte. Er lebte von Englischstunden und kleinen Honoraren in ärmlichen Verhältnissen. Im April 1903 kehrte er nach Dublin zurück, weil seine Mutter an Krebs erkrankt war. Sie bat ihn vergeblich, zur Kommunion und Beichte zu gehen. Auch am Totenbett weigerte er sich zu beten. Sie starb am 13. August 1903.
Am 16. Juni 1904 begann die Beziehung zu Nora Barnacle. Joyce ließ später die Handlung des Ulysses an diesem Tag spielen. Nach einem nächtlichen Zwischenfall brachte ihn Alfred H. Hunter nach Hause, von dem man sagte, er sei Jude und habe eine untreue Frau. Hunter wurde zu einem Modell für Leopold Bloom. Auch Oliver St. John Gogarty, der Vorbild für Buck Mulligan wurde, gehörte zu Joyces Bekannten dieser Zeit. Nach einem Streit, bei dem Gogarty in seinem Martello Tower mit der Pistole auf Pfannen über Joyces Bett schoss, verließ Joyce das Land und ging mit Nora ins Exil.
Über Zürich, wo ein vermeintlich vermittelter Berlitz-Posten nicht existierte, gelangte das Paar nach Pola, einem österreichisch-ungarischen Flottenstützpunkt in Istrien. Dort unterrichtete Joyce 1904/05 Marineoffiziere. Anschließend zog er für zehn Jahre nach Triest. Er wanderte durch die Stadt und saß in Kaffeehäusern und Spelunken. Die griechisch-orthodoxe Kirche San Nicolò beeindruckte ihn so sehr, dass er sie in die Dubliner einfließen ließ. 1905 wurde der Sohn Giorgio geboren, 1907 die Tochter Lucia. Zu seinen Schülern zählte Ettore Schmitz, bekannt als Italo Svevo, mit dem ihn eine lange Freundschaft verband und der als Hauptmodell für Leopold Bloom gilt. Joyce überredete seinen Bruder Stanislaus, ebenfalls nach Triest zu kommen, vor allem in der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung. Das Verhältnis blieb wegen Joyces lockerem Umgang mit Geld und Alkohol gespannt.
1906 schloss Joyce die Arbeit an Dubliners ab und versuchte sich kurz in Rom als Bankangestellter, kehrte aber bald nach Triest zurück. 1909 und 1912 reiste er nach Dublin, einmal um die Veröffentlichung der Dubliners voranzutreiben, einmal als Vertreter eines Kinobetreibers, dem er beim Aufbau eines Dubliner Kinos half – weshalb er in der Filmwissenschaft als erster Kinobetreiber Dublins gilt. Nach einem Konflikt mit seinem Verleger George Roberts schrieb er auf der Rückreise das Schmähgedicht Gas from a Burner. Nach Irland kehrte Joyce nie wieder zurück, auch nicht auf Einladung William Butler Yeats'. In Triest erkrankte er erstmals an dem Augenleiden, das ihn fortan begleiten sollte.
1915 zog Joyce nach Zürich, weil ihm als britischem Staatsbürger im Krieg die Internierung drohte. Dort lernte er August Suter, Siegfried Lang und Frank Budgen kennen, der ihn bei Ulysses und Finnegans Wake beriet. Durch Vermittlung Ezra Pounds fand er in der englischen Feministin und Verlegerin Harriet Shaw Weaver eine Mäzenin. Sie finanzierte ihn 25 Jahre lang, sodass er das Unterrichten aufgeben konnte. 1916 erschien A Portrait of the Artist as a Young Man, 1918 das einzige erhaltene Theaterstück Exiles. Nach Kriegsende kehrte Joyce nach Triest zurück, fand sich dort jedoch nicht mehr heimisch. Über die untergegangene Donaumonarchie sagte er später: „They called the Austrian Empire a ramshackle empire, I wish to God there were more such empires."
1920 reiste er auf Einladung Pounds nach Paris und blieb dort zwanzig Jahre. An seinem 40. Geburtstag, dem 2. Februar 1922, beendete er Ulysses. Das Buch erschien noch im selben Jahr bei der Pariser Buchhandlung Shakespeare and Company. Danach schrieb er über ein Jahr lang nichts. Am 9. März 1923 begann er den Roman Finnegans Wake, der über Jahre als „Work in Progress" in der Zeitschrift Transitions des Ehepaars Maria und Eugene Jolas erschien. Ihre Unterstützung war für die Vollendung des Werks entscheidend. 1931 heiratete er Nora Barnacle in London; im selben Jahr starb sein Vater. Häufig reiste er in die Schweiz – wegen seines Augenleidens und wegen seiner Tochter Lucia, bei der nach Joyces Angabe Schizophrenie diagnostiziert war. Carl Gustav Jung, der sie untersuchte, hielt nach der Lektüre des Ulysses auch Joyce für schizophren.
Nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich wollte Joyce 1940 zurück nach Zürich. Die Schweizer Fremdenpolizei zögerte; erst im Dezember kam die Einreisebewilligung. Am 11. Januar 1941 lieferte man ihn mit heftigen Oberbauchbeschwerden ins Rotkreuzspital ein, wo ein perforiertes Zwölffingerdarmgeschwür festgestellt und operiert wurde. Am 13. Januar 1941 starb er gegen Viertel nach zwei Uhr morgens. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof Fluntern in Zürich. Kein irischer Vertreter war zugegen, und die irische Regierung lehnte später eine Überführung des Leichnams ab. Bei der Bestattung sang der Schweizer Tenor Max Meili „Addio terra, addio cielo" aus Monteverdis L'Orfeo. 1966 wurden die Gräber Joyces und Noras zu einem Ehrengrab der Stadt Zürich zusammengelegt.
Literarische Merkmale↑
Sein erstes Buch war der Gedichtband Chamber Music von 1907, überschaubar und liedhaft; die Texte wurden vielfach vertont. Erst 1914 folgte mit Dubliners die Erzählsammlung, an der Joyce schon um 1907 abgeschlossen hatte. Sprachlich blieb das Buch noch weitgehend konventionell. Dennoch wurde die Vorabveröffentlichung in der Zeitung The Irish Homestead nach wenigen Erzählungen eingestellt. Die fünfzehn Geschichten zeichnen ein Dublin zwischen nationalem Aufbruch und kolonialer Mutlosigkeit, zwischen aufstrebendem Bürgertum und Auswanderung. Viele Figuren stehen am Schluss wieder dort, wo sie begonnen haben. Die Eröffnung The Sisters lässt die Motive des Zyklus ouvertürenhaft anklingen. Die Schlusserzählung The Dead gilt als eine der brillantesten in englischer Sprache.
In dem Roman Ein Porträt des Künstlers als junger Mann (1916) tritt Joyces eigene Schreibweise schon deutlicher hervor: Er erfindet neue Wörter, fängt Geräusche lautmalerisch ein und folgt der Entwicklung Stephen Dedalus' vom Kind bis zum Künstler im Konflikt mit Familie, Kirche und Staat. Diese Mittel bleiben hier aber zurückhaltend. Das Buch ist eine überarbeitete Fassung des nur fragmentarisch erhaltenen Stephen Hero. Das 1918 erschienene, autobiographisch gefärbte Drama Exiles kreist um Eifersucht und Vertrauen.
Mit Ulysses (1922) entfaltete Joyce dann jene Erzähltechnik, die seinen Ruhm begründet hat. Sein bedeutendster Beitrag zur modernen Literatur war der konsequente Einsatz des Bewusstseinsstroms beziehungsweise des inneren Monologs – eine Technik, die er nicht erfunden, aber erstmals konsequent angewandt und entscheidend weiterentwickelt hat. Der Roman spielt an einem einzigen Tag, dem 16. Juni 1904, in Dublin. Das letzte Kapitel besteht ausschließlich aus den Gedanken Molly Blooms, geschrieben in acht Sätzen ohne Interpunktion. Joyce prägte den modernen Roman damit ähnlich tief wie Marcel Proust mit Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
Finnegans Wake (1939) treibt diese Verfahren ins Extrem. Der Roman gilt, noch mehr als Ulysses, als eines der kompliziertesten literarischen Werke des 20. Jahrhunderts. Beide Romane galten als unübersetzbar. Trotzdem wurde Ulysses in über dreißig Sprachen übertragen. Der extrem vernetzte Text von Finnegans Wake wird heute mitunter als literarische Analogie zum semantischen Web des Internets gelesen. Einer Stelle des Buches verdanken die Quarks, jene subatomaren Teilchen, ihren Namen.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten wurde Joyce als einer der wichtigsten Vertreter der literarischen Moderne wahrgenommen. Ulysses wurde 1918 bis 1920 in der Zeitschrift The Little Review vorabgedruckt und fand zunächst keinen britischen Drucker, weil das Verlegerpaar Virginia und Leonard Woolf wegen des zum Teil obszönen Inhalts niemanden zum Druck bewegen konnte. Die Buchhandlung Shakespeare and Company in Paris brachte den Roman 1922 schließlich heraus. Bereits damals nahm man wahr, dass Joyces Werk den modernen Roman ähnlich tief prägte wie Proust mit Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
Joyce hatte ein internationales Netz von Förderern und Lesern. Ezra Pound vermittelte ihn an Harriet Shaw Weaver, die ihn 25 Jahre lang finanzierte. In Triest standen Italo Svevo und Frank Budgen ihm beratend zur Seite, in Paris das Ehepaar Maria und Eugene Jolas, das Teile von Finnegans Wake als „Work in Progress" in seiner Zeitschrift Transitions vorabdruckte. Ohne dieses Umfeld, so heißt es, hätte Joyce viele seiner Werke wohl nicht vollendet. Carl Gustav Jung wiederum las den Ulysses und kam zu der Auffassung, auch der Autor leide an Schizophrenie – ein Echo darauf, wie verstörend die neue Schreibweise auf zeitgenössische Leser wirkte.
Die Wirkung reicht weit über die Literatur hinaus. Der 16. Juni, der Schauplatztag des Ulysses, wird in literarischen Kreisen, inzwischen auch aus touristischen Gründen, als Bloomsday gefeiert. Eine Stelle aus Finnegans Wake gab den Quarks ihren Namen. Der vernetzte Text dieses Romans gilt heute als literarische Analogie zum semantischen Netz des Internets. Ein gewisses deutsches Pendant bietet Arno Schmidts Zettels Traum.
Zugleich blieb das Verhältnis zur Heimat schwierig. Joyce kehrte nach 1912 nie wieder nach Irland zurück. Beim Begräbnis in Zürich war trotz der Anwesenheit zweier hochrangiger irischer Diplomaten in der Schweiz kein offizieller Vertreter zugegen. Das Ersuchen seiner Witwe, den Leichnam zu überführen, lehnte die irische Regierung ab. Erst 1966 errichtete die Stadt Zürich auf dem Friedhof Fluntern ein Ehrengrab, in dem Joyce, Nora Barnacle, Sohn Giorgio und dessen Frau zusammengelegt wurden. Die Deutsche Biographie führt Joyce in zahlreichen Querverweisen – unter anderem in den Artikeln zu Hermann Broch und zu seinem Hauptübersetzer Hans Wollschläger. Damit dokumentiert sie, wie tief er sich auch in den deutschsprachigen Literaturraum eingeschrieben hat.
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