1572 – 1637
Ben Jonson
Kurzbiografie↑
Neben William Shakespeare gilt Ben Jonson als einer der bedeutendsten englischen Dramatiker der Renaissance. Der 1572 geborene Bühnenautor und Dichter war ein gelehrter Klassizist, der die antike, besonders die römische Literatur verehrte und daraus eine neue Form der satirischen Sittenkomödie entwickelte. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Gaunerkomödien Volpone und The Alchemist. Als Erster ließ er schon zu Lebzeiten eine sorgfältig edierte Gesamtausgabe seiner Werke drucken und sicherte sich damit literarischen Rang. Am Hof der Könige Jakob I. und Karl I. wirkte er zugleich als Verfasser höfischer Maskenspiele.
Biografie↑
Geboren wurde Benjamin Jonson 1572 in Westminster; das genaue Datum, der 11. Juni, gilt als unsicher. Sein Vater, ein protestantischer Geistlicher, war bereits kurz vor der Geburt gestorben. Jonson erlernte den Beruf seines Stiefvaters, das Maurerhandwerk. Später war er Soldat und danach offenbar fahrender Schauspieler. In dieser Zeit entstanden seine ersten Stücke.
Ab 1597 arbeitete Jonson als Schauspieler und Bühnenautor in den Diensten von Philip Henslowe. Vermutlich vollendete er das von Thomas Nashe begonnene, verschollene satirische Stück The Isle of Dogs. Es führte zu einem Skandal, zur zeitweiligen Schließung der Theater und brachte ihm seine erste Gefängnisstrafe ein. Den Durchbruch als Autor hatte er 1598 mit Every Man in His Humour, das die Lord Chamberlain's Men unter Mitwirkung Shakespeares als Schauspieler erfolgreich aufführten.
Kurz darauf tötete Jonson den Schauspieler Gabriel Spencer im Duell und geriet erneut ins Gefängnis. Der Todesstrafe entging er, weil er sich auf das Vorrecht der Geistlichkeit berufen konnte, also auf seine Fähigkeit, lateinische Bibeltexte zu rezitieren. Vor der Brandmarkung bewahrte ihn das nicht. Während dieses kurzen Aufenthalts trat Jonson zum römisch-katholischen Glauben über.
Seinen Höhepunkt erreichte Jonsons Laufbahn zwischen 1605 und 1614. In diesen Jahren entstanden seine bedeutendsten Stücke, vor allem die vier hoch gepriesenen Komödien Volpone, The Alchemist, Bartholomew Fair und The Silent Woman. Die Wertschätzung, die ihm damals entgegengebracht wurde, zeigte sich in der mit großer Sorgfalt edierten Folio-Ausgabe seiner Werke. Sie erschien 1616 als erste ihrer Art noch zu seinen Lebzeiten und damit vor der postumen Folio-Ausgabe Shakespeares. Nach Jonsons Tod folgte 1640 eine zweite, erweiterte Ausgabe.
In den ersten drei Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts spielte Jonson eine wesentliche Rolle im Theaterleben Londons. Unter Jakob I. und Karl I. verfasste er von 1605 bis 1634 in Zusammenarbeit mit dem Bühnenausstatter Inigo Jones regelmäßig höfische Maskenspiele. Das verschaffte ihm die Gunst des Königs: 1616 gewährte ihm Jakob I. ein jährliches Gehalt und damit faktisch die Stellung eines Hofdichters. Ein offizielles Amt des Poet Laureate gab es zu dieser Zeit noch nicht – erst John Dryden erhielt diesen Titel 1668 formal verliehen –, doch rückblickend gilt Jonson oft als erster, informeller Poet Laureate Englands. Trotz seines Ansehens bei Hofe wurde er 1605 abermals zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er in Eastward Hoe, das er mit George Chapman und John Marston verfasst hatte, den schottischen Neuadel lächerlich gemacht hatte.
Die letzten Jahre verbrachte Jonson nach einem Schlaganfall gelähmt. Sein Alter war überschattet von Krankheit und vom Verlust seiner geliebten Bibliothek, die einem Brand zum Opfer fiel. An die Erfolge seiner früheren Meisterkomödien knüpfte er nicht mehr an. Um sich versammelte er einen großen Kreis von Freunden und Schülern, die sich als tribe of Ben oder sons of Ben verstanden und in ihm ihren Lehrmeister sahen. Jonson war verheiratet, seine Kinder starben jung. Er starb am 6. August 1637 in London und wurde in der Westminster Abbey beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Jonson sah sich als gelehrten Dichter und war ein glühender Verehrer der antiken, besonders der römischen Literatur. Ausgehend von der römischen Komödie begründete er eine neue Form der satirischen Sittenkomödie, die bis ins 18. Jahrhundert fortwirkte. Zugleich war er stets Lyriker, der seine Dichtung an antiken Gattungen wie Epigramm, Epitaph, Epistel und Ode ausrichtete. Den Stil der metaphysischen Dichter mit ihren gesuchten und ausufernden Metaphern lehnte er ab. Stattdessen legte er großen Wert auf Klarheit der Form und Schlichtheit des Ausdrucks und trug so maßgeblich zum Ideal des schlichten Stils, des plain style, bei. Den Sprachschwulst lastete er vor allem dem Einfluss Edmund Spensers an.
Prägend für seine frühe Schaffensphase war die Erfindung der comedy of humours als besondere Spielart der comedy of manners. Er griff die antike und mittelalterliche Lehre von den vier Körpersäften und Temperamenten auf und nutzte sie metaphorisch, um die Marotten und Affektiertheiten der Menschen im gesellschaftlichen Leben vorzuführen. Die Figuren sind durch eine fixe Idee bestimmt, die sich oft schon in ihren sprechenden Namen ausdrückt. In Every Man out of His Humour baute Jonson diese figurenbezogene Dramatik weiter aus. Er führte handlungsexterne Kommentarfiguren ein, die das Geschehen mit Spott überziehen und dem Zuschauer die Scheinhaftigkeit des Theaters vor Augen führen.
Seine Meisterschaft zeigt sich in den beiden Gaunerkomödien Volpone und The Alchemist, die sich durch Virtuosität in Charakterzeichnung, Dialog und Handlungsführung auszeichnen. In Volpone greift er die Tradition der Tierfabel auf, ohne seine Figuren zu bloßen Personifikationen zu machen. Neben den Komödien schrieb er die düsteren, vom Machiavellismus geprägten Tragödien Sejanus His Fall und Catiline His Conspiracy. Für seine Maskenspiele entwickelte er als Neuerung die anti-masque, ein komisch-groteskes Vorspiel. Getragen von einem christlichen Humanismus, bemühte sich Jonson im Sinne der aristotelischen Poetik um strenge Form, um dem Drama seiner Zeit literarische Geltung zu verschaffen.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten genoss Jonson hohes Ansehen. Vor allem seine vier großen Komödien wurden gepriesen und gehörten regelmäßig zum Repertoire der englischen Theater. Seine dichtungstheoretischen Auffassungen legte er in Timber nieder, einer Sammlung kritischer Notizen; weitere Anmerkungen sind in den Aufzeichnungen des schottischen Dichters William Drummond of Hawthornden erhalten, den er auf einer Schottlandreise besuchte. In der Shakespeare-Forschung gilt vielen Wissenschaftlern der Einfluss seiner satirischen Sittenkomödien auf einzelne Werke Shakespeares wie Twelfth Night oder All's Well That Ends Well als erwiesen.
Mit seinem Eintreten für Einfachheit, Klarheit und Genauigkeit sowie seiner Hinwendung zur aristotelischen Poetik wurde Jonson zu einem Wegbereiter des englischen Klassizismus. Sein Einfluss auf die Zeitgenossen, seine Belesenheit, sein scharfes Urteil und seine Sprachkunst machten ihn während der Restaurationszeit zu einer maßgeblichen Gestalt. Mit dem aufkommenden Shakespeare-Kult des 18. Jahrhunderts geriet er ins Hintertreffen und wurde lange als pedantisch-korrekter Dramatiker im Gegensatz zum Naturgenie Shakespeare abgewertet. Erst die Literaturkritik des 20. Jahrhunderts bemühte sich um eine unvoreingenommene Würdigung seines künstlerischen Ranges. In der jüngeren Forschung wurde er teilweise als einer der großen satirischen Komödiendichter der Weltliteratur wiederentdeckt.
Seine Nachwirkung reicht bis in die Musik- und Übersetzungsgeschichte. Volpone übertrug unter anderem Ludwig Tieck, und Stefan Zweig schuf 1926 eine freie Bearbeitung. Epicoene or The Silent Woman lieferte den Stoff für Opern von Antonio Salieri und Richard Strauss, dessen Die schweigsame Frau auf ein Textbuch von Stefan Zweig zurückgeht. Auch Georg Friedrich Händel griff mit einer Schauspielmusik zu The Alchemist auf Jonson zurück.
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