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Werkseintrag · Die Skythen
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Cover Die Skythen
Die Skythen
1918
– Werkseintrag –

Die Skythen

1918 · Lyrik

Ein Gedicht aus den russischen Revolutionstagen 1918: Russland, trotzig als Volk der „Skythen“ zwischen Europa und Asien, bietet dem alten Europa den Frieden an – und droht, sich dem Osten zuzuwenden, wenn Europa die Hand ausschlägt.

Überblick

Das Gedicht Die Skythen gehört zu den letzten Werken des russischen Dichters Alexander Blok. Zusammen mit dem Poem Die Zwölf bildet es den Schlusspunkt seines Schaffens – bis zu seinem Tod im Jahr 1921 veröffentlichte er nichts mehr. Blok schrieb es Ende Januar 1918, in den Tagen der Friedensverhandlungen zwischen Sowjetrussland und dem Deutschen Reich in Brest-Litowsk. Herausgekommen ist eine große, feierliche Ode. In heftigem Ton wendet sich ein „Wir" an das alte Europa und stellt Russland als Volk der Skythen zwischen Asien und den Westen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Den Hintergrund bilden der Erste Weltkrieg und der Versuch des jungen Sowjetstaats, in Brest-Litowsk einen Frieden mit Deutschland auszuhandeln. Aus dieser Lage heraus spricht im Gedicht ein vielstimmiges „Wir" im Namen Russlands. Es nennt sich selbst „Skythen" und „Asiaten" und stellt sich an die Grenze zwischen Europa und Asien. Angeredet wird die alte Welt – das Europa der Mächte, das über Russlands Revolution zu Gericht sitzt. Der Ton schwankt zwischen einem Angebot zur Verständigung und einer dunklen Drohung. Blok verknüpft dabei Bilder aus der russischen Geschichte und aus der Weltgeschichte zu einer weit ausgreifenden Anrede.

Die Handlung im Detail

Am Anfang steht ein Motto aus dem Gedicht Panmongolismus von Wladimir Solowjow, das Blok erst der zweiten Veröffentlichung voranstellte. Beim Zitieren unterlief ihm ein kleiner Fehler: Statt „wie wild das Wort" schrieb er „wie wild der Name". Solowjow hatte in seinen späten Schriften ein schreckensvolles Bild entworfen – einen neuen Ansturm asiatischer Heere, der dem sündigen, vom rechten Glauben abgefallenen Westen den Untergang bringe. Russland kam darin die Aufgabe zu, Osten und Westen miteinander zu versöhnen. Blok nahm diesen Gedanken auf, wandte ihn aber ins Gegenteil.

Im Gedicht selbst spricht ein „Wir" im Namen Russlands zur alten Welt. Es bekennt sich trotzig als Volk der Skythen und der Asiaten, das mit schrägem, listigem Blick nach Westen schaut. Der Sprecher hält Europa den Frieden hin und ruft es zu Verständigung und gemeinsamer Arbeit. Zugleich droht er: Verwerfe der Westen die ausgestreckte Hand und lasse er Russlands Revolution zugrunde gehen, dann werde Russland sich abwenden und dem Osten sein asiatisches Gesicht zukehren. In seinem Tagebuch jener Tage hatte Blok es noch schärfer gefasst – er sprach davon, „die Tore weit nach Osten" zu öffnen und die Flut des Ostens über Europa hereinbrechen zu lassen. Sein Zorn galt dabei nicht nur den Deutschen, sondern ebenso den Verbündeten England und Frankreich.

Das Gedicht ist reich an Anspielungen. Die Wendung, mit der „das Unheil mit den Flügeln schlägt", spielt auf das mittelalterliche Igorlied an, in dem die „Kränkung" mit Schwanenflügeln aufrauscht. Für die drohende Katastrophe ruft Blok zwei wirkliche Unglücke auf: das Erdbeben von Lissabon aus dem Jahr 1755 und das von Messina aus dem Jahr 1908. Am Ende steht ein Aufruf an die alte Welt, den alten Krieg abzulegen und zum Frieden zu finden, ehe es zu spät ist.

Stil

Als Form wählte Blok die Ode, ein feierliches Gedicht von großem rhetorischem Schwung. Ein vielstimmiges „Wir" wendet sich unmittelbar an einen Gegner und redet ihn an – die Sprache ist die einer öffentlichen Rede: laut, beschwörend, drohend. Kennzeichnend ist die dichte Reihe der Anspielungen. Das vorangestellte Motto stammt aus Solowjows Panmongolismus, ein weiterer Anklang führt zum mittelalterlichen Igorlied, und die Erinnerung an die Erdbeben von Lissabon und Messina lässt geschichtliche Katastrophen mitschwingen. So verbindet Blok die Gegenwart mit weit zurückreichender Geschichte und Dichtung.

Dem fertigen Werk stand Blok selbst kühl gegenüber. Er gestand, dass es ihm weniger am Herzen liege als andere Gedichte. Es stehe zu nah bei den politischen Manifesten und langweile ihn.

Rezeption

Schon wenige Wochen nach der Niederschrift, am 20. Februar 1918, erschien das Gedicht in der linkssozialrevolutionären Zeitung „Banner der Arbeit". Es kam damit sogar noch vor dem Poem Die Zwölf in Druck. Am selben Tag trug Blok es bei einem literarischen Abend am Technologischen Institut vor. Im April 1918 folgte ein zweiter Abdruck in der Zeitschrift „Unser Weg". Die Ausgabe war von einem einführenden Aufsatz Iwanow-Rasumniks begleitet, der die Bildwelt des Gedichts auf die Ideen Wladimir Solowjows zurückführte.

Blok stand dem Kreis der „Skythen" nahe – einer Gruppe von Schriftstellern um Iwanow-Rasumnik und Andrej Belyj, die in jenen Jahren gleichnamige Sammelbände herausgab. Zu ihr gehörten oder ihr nahe standen Erzähler wie Remisow und Samjatin sowie die „Bauerndichter" Kljujew und Jessenin. Forscher stellten das Gedicht in eine Reihe mit machtvollen Werken der russischen Dichtung – mit Puschkins An die Verleumder Russlands und einem Gedicht Lermontows –, denen es an Pathos und Bauform gleiche.

Bereits 1921 erschien eine erste, anonyme französische Übertragung in einer Genfer Zeitschrift. Auch hundert Jahre später wurde das Gedicht noch diskutiert.

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