1961
Die Sirene
Überblick↑
Die Erzählung Die Sirene stammt von dem italienischen Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Sie entstand im Winter 1956/1957 und wurde erst nach dem Tod des Autors, im Jahr 1961, veröffentlicht. Im Original heißt sie La sirena; bekannt ist sie auch unter dem Titel Lighea, den die Witwe des Autors bevorzugte. Im Deutschen erschien sie als Titelstück eines Erzählbandes mit Werken Lampedusas, in einer Erstausgabe von 1961 und einer Neuübersetzung von 2017. Die Geschichte verbindet die nüchterne Welt eines jungen Journalisten im winterlichen Turin mit dem antiken Mythos einer Sirene. Sie erzählt von einer Sehnsucht, die sich im Alltäglichen nicht erfüllen lässt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im winterlichen Turin des Jahres 1938 lebt der junge Zeitungsredakteur Paolo Corbera di Salina, ein Spross alten sizilianischen Adels, der sich ganz dem Nachtleben der Stadt hingegeben hat. Als ihn seine beiden Geliebten zur selben Zeit verlassen, verfällt er in Schwermut und verbringt seine Abende in einer stillen Bar, in der vor allem betagte Beamte, Offiziere und Gelehrte verkehren. Dort begegnet er einem schroffen, wortkargen älteren Herrn, der sich als berühmter Professor für Altgriechisch entpuppt – ein weltweit geehrter Gelehrter aus armer sizilianischer Herkunft. Zwischen dem lebenslustigen jungen Mann und dem strengen Greis entwickelt sich trotz aller Unterschiede eine ungewöhnliche Freundschaft. Der Professor spottet über Paolos Liebesabenteuer, bleibt selbst aber alleinstehend und seltsam gleichgültig gegenüber Frauen. Nach und nach ahnt Paolo, dass der alte Mann ein Erlebnis aus seiner Jugend am sizilianischen Meer in sich verschließt, das sein ganzes Leben bestimmt hat.
Die Handlung im Detail↑
Der Schauplatz ist Turin im Winter 1938. Erzähler ist der junge Zeitungsredakteur Paolo Corbera di Salina. Er stammt aus einem alten sizilianischen Adelsgeschlecht, lebt aber seit einiger Zeit in Turin und hat sich ins Nachtleben der Stadt gestürzt. Als herauskommt, dass er zwei Frauen zugleich den Hof macht, verlassen ihn beide Geliebten. In seiner Schwermut sucht Paolo häufig eine Bar an der Via Po auf, in die vor allem betagte Beamte, Offiziere und Professoren einkehren.
Eines Tages bringt Paolo eine sizilianische Zeitung mit. Ein schroffer älterer Herr bittet, sie ausleihen zu dürfen. Auch er sei Sizilianer, doch seit rund dreißig Jahren nicht mehr auf der Insel gewesen. Paolo forscht im Archiv seiner Zeitung nach und erfährt, wen er vor sich hat: Rosario La Ciura, ein emeritierter Professor für Altgriechisch. Weltweit gilt er als Koryphäe seines Fachs und wurde vielfach geehrt; in der Zeit vor dem Faschismus saß er zudem im italienischen Senat. Seine Herkunft aus einer armen sizilianischen Familie hat der inzwischen 75-Jährige weit hinter sich gelassen.
Zwischen den beiden ungleichen Männern entwickeln sich Gespräche, aus denen trotz des Abstands in Alter und Lebenswelt eine Bekanntschaft und schließlich eine Freundschaft wird. Immer wieder spottet der Professor über Paolos dürftige Griechischkenntnisse und besonders über dessen Liebschaften. La Ciura selbst ist alleinstehend und kinderlos; Frauen scheinen ihn zu Paolos Verwunderung nicht zu interessieren. Der Professor lädt Paolo in seine Wohnung ein, Paolo ihn zum Gegenbesuch. Dort setzt er ihm Seeigel nach altem sizilianischem Rezept vor, was den alten Mann tief bewegt.
Schließlich erzählt La Ciura von einem Erlebnis, das über fünfzig Jahre zurückliegt und sein ganzes weiteres Leben geprägt hat. 1887 hatte er sich um den Lehrstuhl für Griechisch an der Universität Pavia beworben und dafür gelernt. Nach Monaten härtesten Studiums stand er kurz vor dem Wahnsinn, als ihm ein Freund anbot, in eine verlassene Hütte an der sizilianischen Küste bei Augusta zu ziehen. Dort fuhr er manchen Tag aufs Meer hinaus und übte die Aussprache des Altgriechischen. An einem Augusttag sei die wunderschöne Sirene Lighea, eine Tochter Kalliopes, aus dem Meer aufgetaucht und habe sich ihm offenbart. Zwischen beiden sei es zu einer kurzen, ungewöhnlichen Liebe gekommen, geistig wie körperlich, durch die er das Interesse an irdischer Liebe verlor. Lighea habe ihm angeboten, zu ihr ins Meer zu kommen, jetzt oder später. Mit dem Ende des Sommers wurde sie ins Meer zurückgerufen und musste ihn verlassen.
Am nächsten Tag tritt der Professor eine Schiffsreise zu einem wissenschaftlichen Kongress in Spanien an. Während der Fahrt stürzt er sich ins Wasser. Obwohl sofort nach ihm gesucht wird, kann sein Leichnam nicht gefunden werden. Paolo erbt zwei wertvolle Gegenstände von La Ciura, die jedoch im Zweiten Weltkrieg verloren gehen.
Stil↑
Erzählt wird die Geschichte durchgehend aus der Ich-Perspektive des jungen Paolo. Sein Bericht bildet den Rahmen, in den sich später die große Erzählung des alten Professors einfügt: Der Gelehrte gibt sein Jugenderlebnis als Geschichte innerhalb der Geschichte weiter. So entsteht ein Gegenüber zweier Welten – das nüchterne, winterliche Turin der Gegenwart und das sonnendurchflutete, mythische Sizilien der Erinnerung.
Kennzeichnend ist die Verbindung von genau beobachteter Wirklichkeit und Fantastischem. Die realistische Schilderung des Turiner Alltags und der Cafégespräche steht unmittelbar neben dem Auftauchen einer antiken Sirene, ohne dass das eine das andere unglaubwürdig erscheinen lässt. Das Werk lebt dabei von einprägsamen, bildstarken Szenen.
Rezeption↑
Peter von Becker hob 2018 im Tagesspiegel die „romantische Pointe" der Erzählung hervor, die Lampedusa jedoch mit „luzidem Realismus" beschreibe. Diesen Realismus verstand Becker im Sinne des italienischen verismo – einer Wahrheit, die Sozial- und Kulturgeschichte ebenso umfasse wie Natur und Fantastisches. Moshe Kahns Übersetzung, so Becker, treffe „deren besonderen Ton, mal karg, mal ausschweifend schön".
Die Autorin Lena Frings schrieb 2019 auf literaturkritik.de, Die Sirene lebe von einprägsamen Bildern. Die Erzählung spiele „mit der Sehnsucht, einer Sehnsucht, die unerreichbar sein muss und die man darum besser im Unerreichbaren sucht, in der Zeit der verstorbenen Sprachen und Götter, sodass man ihr Fortbestehen immerhin im Aufscheinen traumhafter Bilder bewahren kann".
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