1918
Die Zwölf
Überblick↑
Das Poem Die Zwölf (russisch «Двенадцать») von Alexander Blok schildert die Oktoberrevolution und gilt als einer der Höhepunkte seines Schaffens und der russischen Dichtung überhaupt. Blok schrieb es im Januar 1918 in einem fiebrigen Rausch nieder. Am 3. März 1918 erschien es zuerst in der Zeitung der linken Sozialrevolutionäre, im Mai kam es erstmals als eigenständiges Buch heraus. Das Werk zeigt die Revolution weder als reines Heldenlied noch als bloßes Verbrechen, sondern in einer schroffen Mischung aus beidem – und stieß gerade deshalb bei Anhängern wie Gegnern der neuen Machthaber auf heftigen Widerspruch.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im winterlichen Petrograd des Revolutionswinters 1917/18 spielt das Geschehen. Über verschneite, vereiste Straßen fegt der Wind, reißt an riesigen politischen Plakaten, und zwischen den Passanten tauchen kurz einzelne Gestalten des alten Russland auf: ein Priester, eine wohlhabende Frau in kostbarem Pelz, ein paar alte Frauen. Durch die erstarrte Stadt zieht ein Trupp von zwölf Rotgardisten. Im Marschieren reden die Männer über ihren früheren Kameraden Wanka, der die Sache der Revolution verraten hat, sich in den Schenken herumtreibt und mit der ehemaligen Dirne Katka zusammengekommen ist. Dazu singen sie ihr Lied vom Dienst in der Roten Garde. Der revolutionäre Schritt der zwölf treibt durch die aufgewühlte Stadt auf eine Begegnung zu, die alles verändern wird.
Die Handlung im Detail↑
Der Aufbau beginnt mit einer knappen Exposition: die verschneiten Straßen, die flüchtig hingeworfenen Porträts der Vorübergehenden, der marschierende Trupp der zwölf Rotgardisten. Während sie durch die Stadt ziehen und über den abtrünnigen Wanka und dessen Geliebte Katka spotten, stößt die Patrouille plötzlich auf einen Schlitten – auf ihm fahren eben jener Wanka und Katka. Die Rotgardisten eröffnen das Feuer auf den Schlitten. Dem Kutscher gelingt es, sich aus der Schusslinie zu retten, doch Katka wird von der Kugel eines der zwölf getötet. Petrucha, der Schütze, trauert um sie, aber die Kameraden machen ihm keine Vorwürfe. Der Trupp marschiert weiter, hält seinen revolutionären Schritt. Ein räudiger Hund heftet sich an ihre Fersen und wird mit den Bajonetten verscheucht. Dann sehen die Männer vor sich eine undeutliche Gestalt: An der Spitze der zwölf geht Jesus Christus, bekränzt mit einem weißen Rosengebinde und eine blutrote Fahne tragend. Mit diesem überraschenden Bild endet das Poem.
Stil↑
In einer Reihe kurzer, liedhafter Strophen entfaltet Blok das Geschehen, und er greift dafür weit unter die hohe Dichtung: Gassenhauer, Soldatenlieder, Straßenslang, volkstümliche Spottverse (Tschastuschki) und revolutionäre Parolen fügen sich zu einem raschen, wechselnden Rhythmus. Der Ton ist dabei absichtlich derb, oft grob und vulgär. Petrograd erscheint in impressionistischen Momentaufnahmen – Schnee, Glatteis, im Wind schwankende Plakate, Schüsse und Plünderungen –, und trotz der mystischen Christusgestalt am Schluss wirkt das Ganze auffallend naturalistisch. Lautmalerei und immer wiederkehrende Rufe geben dem Text seinen Klang; der Kritiker Wiktor Schklowski führte Bloks Verfahren auf die Formen der Zigeunerromanze und der Straßenpoesie zurück. Eine wichtige Rolle spielt die Zahlensymbolik: Die zwölf Rotgardisten entsprechen den zwölf Aposteln. Das plötzliche Auftauchen Christi am Ende wirkt wie ein nachgestelltes Motto, das das Poem erst im letzten Augenblick deutet. Blok selbst verstand die Dichtung als eine Art Musik – er sprach in jenen Monaten immer wieder von der „Musik der Revolution", die zu hören sei. Er begann den Text mitten im Geschehen, fügte die einzelnen Strophen erst nachträglich zur endgültigen Ordnung und notierte nach der Vollendung, an diesem Tag sei er ein Genie.
Rezeption↑
Schon unmittelbar nach dem Erscheinen und den ersten öffentlichen Lesungen wurde das Poem von einem Großteil der russischen Intelligenz scharf abgelehnt. Manche früheren Bewunderer und selbst Freunde Bloks brachen jeden Kontakt mit ihm ab. Zugleich griffen sowohl Anhänger als auch Gegner der neuen Ordnung das Werk auf: Einige sahen darin eine Karikatur der Bolschewiki, andere waren schockiert, dass ausgerechnet Christus die Rotgardisten anführt. Besonders umstritten blieb dieser Schluss. Der Dichter Nikolai Gumiljow hielt das Erscheinen Christi für künstlich angeklebt, für einen bloßen literarischen Effekt. Blok gestand, dass ihm das Ende selbst nicht recht gefiel und er sich ein anderes gewünscht hätte; er sei über die Gestalt Christi erstaunt gewesen, habe sie aber, je länger er hinsah, umso deutlicher vor sich gesehen. Iwan Bunin verurteilte das Poem in seinen Schriften mit beißendem Spott als vulgär. Blok hielt Die Zwölf für das Beste, was er geschrieben habe, weil er darin ganz in der Gegenwart gelebt habe; danach verstummte er als Dichter nahezu. Sein Verhältnis zur Revolution wandelte sich jedoch, und im Fieber vor seinem Tod verlangte er von seiner Frau das Versprechen, alle Exemplare des Poems zu verbrennen.
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