1776
Die Zwillinge
Überblick↑
Das Drama Die Zwillinge von Friedrich Maximilian Klinger erschien 1776 und gehört zu den bekanntesten Bühnenwerken des Sturm und Drang. Neben Der Hofmeister von J. M. R. Lenz und Goethes Götz von Berlichingen wird es zu den drei bedeutsamsten Theaterstücken dieser Strömung gezählt. Klinger schrieb es während seines Studiums; vielfach gilt es als sein gelungenstes Jugenddrama. Das Trauerspiel in fünf Aufzügen verbindet zwei Grundmotive der Epoche: den Konflikt zwischen Vater und Sohn und die Rivalität zweier Brüder, die in einen Brudermord mündet. Verwandte Stoffe finden sich bei Johann Anton Leisewitz in Julius von Tarent und bei Friedrich Schiller in Die Räuber.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt stehen zwei Zwillingsbrüder, Guelfo und Ferdinando, Söhne eines alten Adelsgeschlechts. Die Eltern haben Ferdinando als Erstgeborenen anerkannt und gewähren ihm damit alle Vorrechte: Ansehen, Reichtum und die Aussicht auf eine standesgemäße Ehe mit der Gräfin Kamilla. Der jüngere Guelfo aber zweifelt daran, dass sein Bruder wirklich der Ältere ist, und fühlt sich um sein Recht betrogen.
Guelfo hält sich für den besseren Herrscher und den besseren Mann. Vor allem die Hochzeit Ferdinandos mit Kamilla, die er selbst begehrt, treibt ihn in einen wachsenden Zorn. An seiner Seite steht der schwermütige Freund Grimaldi, der eine eigene leidvolle Vorgeschichte mit der Familie verbindet und Guelfo in seiner Wut bestärkt. Während die Eltern Guelfos heftige Ausbrüche zunächst als Krankheit deuten und ihn durch Liebe zu besänftigen versuchen, steigert er sich immer tiefer in Hass und Verdacht hinein.
Das Stück verdichtet die Spannung von Aufzug zu Aufzug. Die Frage, wer von beiden zuerst geboren wurde, lässt sich nicht zweifelsfrei klären, und der innere Sturm Guelfos wächst, je näher der Hochzeitstag rückt.
Die Handlung im Detail↑
Der erste Aufzug zeigt Guelfo und seinen Freund Grimaldi an einem Tisch mit Weinflaschen, in Plutarchs „Brutus Leben“ vertieft. Guelfo gesteht, dass er sich eher mit Cassius als mit Brutus verbunden fühlt. Im Lauf des Abends, auch durch den Wein, gerät er in aufrührerische Stimmung und wettert gegen seinen verhassten Zwillingsbruder Ferdinando, den die Eltern als Erstgeborenen anerkennen. Um die Frage der Erstgeburt zu klären, lässt Guelfo den Arzt Galbo rufen, der bei der Geburt zugegen war; dieser kann jedoch nur bestätigen, dass sich nicht sicher sagen lasse, wer zuerst geboren wurde. Die Mutter Amalia tritt zu ihrem rasenden Sohn und deutet sein Verhalten als Krankheit. Der hinzukommende Vater, der alte Guelfo, vernichtet den Sohn mit den Worten „Du bist mein Sohn nicht!“, nimmt den Fluch dann aber wegen Guelfos verzweifelter Reaktion zurück und verzeiht ihm. Allein zurückgeblieben, steigert sich Guelfo in eine wilde Raserei gegen Eltern und Bruder.
Im zweiten Aufzug wird Grimaldis Vorgeschichte enthüllt: Er liebte Juliette, die Tochter des alten Guelfo. Der Vater billigte die Verbindung nicht, und Ferdinando als ältester Sohn setzte dessen Willen durch, indem er Juliette zwang, sich von Grimaldi zu trennen und einen Grafen zu heiraten. Juliette weigerte sich und nahm sich das Leben. Seither hasst Grimaldi Ferdinando und ist lebensmüde, ohne jedoch wie Guelfo nach Rache zu streben. Als Ferdinando mit seiner Braut Kamilla eintrifft, deren Hochzeit am nächsten Tag gefeiert werden soll, macht Guelfo seinem Zorn Luft, indem er eine Pistole durch ein Fenster abfeuert. Der Vater beklagt sich bei Ferdinando über Guelfos launische Art und schiebt die Schuld auf Grimaldis Einfluss; man verabredet, Guelfo durch liebevolle Behandlung zu besänftigen. Ferdinando berichtet, er habe bei der Ankunft seinen eigenen Geist neben den Eichen vor der Burg gesehen. Allein mit Kamilla, küsst Guelfo sie heftig gegen ihren Willen. Ferdinando tritt hinzu; Guelfo provoziert ihn mit seinen „Sündenküssen“, doch der Bruder reagiert verständnisvoll und beteuert seine Liebe. Zu einer Versöhnung ist Guelfo nicht bereit. Sie verabreden einen gemeinsamen Ausritt für den nächsten Morgen.
Der dritte Aufzug spielt in einer stürmischen Nacht, in der Wetter und Natur Guelfos wildem Gemüt gleichen. Er weckt Grimaldi und steigert sich in die Vorstellung des Brudermordes hinein. Guelfo erzählt, der Vater habe ihn im Streit mit einer Lanze geschlagen, woraufhin er endgültig mit ihm gebrochen habe. Als Grimaldi wieder einschläft, trifft Amalia auf ihren Sohn. Sie beteuert ihre Liebe und will ihn zur Vernunft bringen, doch Guelfo würgt seine Mutter, um zu erfahren, wer wirklich der Erstgeborene sei. Amalia versichert mehrfach, es sei Ferdinando, gesteht aber schließlich, sie habe während der Geburt das Bewusstsein verloren und wisse es daher nicht mit Sicherheit; erst als sie aus der Ohnmacht erwachte, habe ihr Mann ihr gesagt, Ferdinando sei der Ältere. Das bestärkt Guelfo in seinem Verdacht, der Vater habe den Bruder willkürlich zum Erstgeborenen erklärt.
Im vierten Aufzug bereiten sich Amalia und Kamilla auf die Hochzeit vor, doch dunkle Vorahnungen lassen keine Freude aufkommen. Der alte Guelfo berichtet, Guelfo sei noch vor Sonnenaufgang auf seinem wildesten Pferd ausgeritten, auch Ferdinando sei fort und noch nicht zurück. Ferdinandos Pferd kommt ohne Reiter, aber mit Blut am Sattel in den Hof gelaufen. Der Vater will sofort ausreiten, um den Sohn zu suchen. Guelfo kehrt zurück und gibt unter irrem Kichern an, nicht zu wissen, was Ferdinando zugestoßen sei. Allein im Zimmer erblickt er sich im Spiegel, sucht auf seiner Stirn das Kainsmal, erträgt den eigenen Anblick nicht und zerschlägt den Spiegel. Als Grimaldi eintritt, erkennt er sofort, dass Guelfo Ferdinando erschlagen hat. Guelfo gesteht ihm den Brudermord und hofft, nun endlich Schlaf zu finden.
Der fünfte Aufzug zeigt ein düsteres Zimmer, in dem Ferdinandos Leiche auf dem Bett liegt; Amalia und Kamilla weinen, der alte Guelfo windet sich vor Schmerz. Der Vater verdächtigt sogleich Guelfo, doch Mutter und Braut glauben weiter an seine Unschuld. Als Guelfo eintritt, leugnet er zunächst mit den Worten „Alter! Ich hatte keinen Bruder“. Erst als der Vater das Leichentuch hebt und Guelfo den toten Bruder erblickt, gesteht er die Tat: Er habe ihn an der Eiche mit starker Faust erschlagen. Der alte Guelfo verflucht seinen Sohn und vergleicht sein Schicksal mit dem biblischen Kain und Adam. Amalia will sich schützend vor ihren Sohn stellen, doch der Vater zieht einen Dolch und ersticht Guelfo. Das Drama endet mit dem Ausruf des Vaters, er wolle den Sohn rächen und ihn von der Schande erretten, während er ihn niederstößt.
Stil↑
Geprägt ist das Werk vom überschäumenden, kraftvollen Ton des Sturm und Drang. Die Sprache ist heftig, ausrufend und von zugespitzten Sätzen durchzogen, die Guelfos wachsende Raserei unmittelbar hörbar machen. Aufzug für Aufzug treibt die Dramaturgie die Erregung in die Höhe, bis sie sich in der bloßen Raserei der Hauptfigur entlädt.
Klinger verschränkt das innere Geschehen eng mit der äußeren Natur. Im dritten Aufzug spiegeln Sturm und Nacht das wilde Gemüt Guelfos, und wiederkehrende Bilder verdichten die Stimmung: der eigene Geist, den Ferdinando neben den Eichen zu sehen glaubt, der zerschlagene Spiegel, in dem Guelfo nach dem Kainsmal sucht, und die biblischen Vergleiche mit Kain, Abel und Adam am Schluss. Die Figuren sind weniger fein abgestuft als hochgespannt; sie tragen ihre Leidenschaften ungebremst aus. Eben dieser Überschwang machte das Stück für manche Zeitgenossen zu kraftvoll, für die jungen Dichter der Strömung aber zum Inbegriff des Stürmischen.
Rezeption↑
Schon bei der Uraufführung spaltete das Stück das Publikum. Die Darstellung überschäumender Effekte, von der Dramaturgie bis zur „bloßen Raserei“ gesteigert, war den „zartnervichten Theilen“ des Hamburger Publikums zu viel, und auch andernorts stieß es auf Widerstand. In Wien untersagte Kaiser Joseph II. nach der Vorstellung vom 11. Januar 1777 jede weitere Aufführung. Gottfried August Bürger lehnte 1780 die Einladung Georg Christoph Lichtenbergs ab, eine Rolle zu übernehmen: Er finde keine Rolle darin, die Sprache sei „übertrieben“ und es gebe „kein einziger natürlicher Character drinn“ – wenngleich er dem Stück auch „starke und schöne Stellen im Einzelnen“ zugestand.
Zum Zeitpunkt der Drucklegung 1776, auf dem Höhepunkt der literarischen Strömung, erschienen mehrere bedeutende Dramen des Sturm und Drang. Für die jungen Dichter der Bewegung verkörperte Klingers Werk das Stürmische und Kraftvolle schlechthin. Heinrich Christian Boie nannte es „ein Stück voller Kraft und, wie mirs scheint, Überkraft.“ Am nachhaltigsten zeigt sich die Wirkung in Karl Philipp Moritz’ autobiographischem Roman Anton Reiser: Dort macht die Aufführung der Zwillinge einen außerordentlichen Eindruck auf die Hauptfigur, die sich in Guelfos Gefühl, von der Wiege an unterdrückt zu sein, wiedererkennt. Der Roman greift weitere Elemente des Dramas auf und überträgt sie auf seinen Protagonisten.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →