1933
Die Zimtläden
Überblick↑
Mit dem Erzählband Die Zimtläden trat Bruno Schulz 1933 erstmals als Schriftsteller hervor. Das Buch versammelt mehrere lose verbundene Erzählungen und erschien in Warschau beim Verlag Rój; als Erscheinungsjahr trägt es die vordatierte Angabe 1934. Der Titel bezeichnet zugleich dreierlei: den ganzen Band, eine einzelne Erzählung darin und einen Ort innerhalb dieser Geschichte – Läden im Zentrum jener Kleinstadt, in der die Hauptfigur lebt.
Schulz schildert das Leben einer Kaufmannsfamilie in einer kleinen galizischen Stadt, in der unschwer seine Heimatstadt Drohobytsch wiederzuerkennen ist. Aus dem Alltag dieser Familie formt er eine ins Mythische gesteigerte, traumhaft verwandelte Welt. Für den bis dahin unbekannten Autor bedeutete das Buch den Durchbruch: Aus dem stillen Lehrer aus Drohobytsch wurde fast über Nacht ein bekannter Schriftsteller.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht eine Kaufmannsfamilie in einer galizischen Kleinstadt. Erzähler und zugleich Hauptfigur ist Josef, ein junger Junge, der mit kindlicher Neugier die Welt um sich herum entdeckt. In dieser Figur spiegeln sich deutlich Züge des Autors selbst.
Eine der wichtigsten Gestalten ist der Vater. Er ist nicht nur das Familienoberhaupt und ein Kaufmann, der am Marktplatz einen Textilladen führt, sondern auch ein rastloser Experimentator. Schulz zeichnet ihn als eine schöpferische, fast übermenschliche Figur, die zwischen Leben und Tod, zwischen wirklicher und unwirklicher Welt zu schweben scheint.
Die einzelnen Erzählungen fügen sich nicht zu einer geradlinigen Geschichte, sondern zu einer Folge von Bildern und Szenen. Der Alltag der Familie, die Straßen und Läden des Städtchens, die Jahreszeiten – all das erscheint verwandelt, ins Traumhafte und Geheimnisvolle gehoben. Ein wiederkehrendes Bild ist das des Labyrinths, in dem sich Vertrautes und Fremdes ununterscheidbar mischen.
Die Handlung im Detail↑
Der Band besteht aus mehreren Erzählungen, die um dieselbe Familie und dieselbe Kleinstadt kreisen. Zu ihnen gehören unter anderem die Geschichten „August“, „Heimsuchung“, „Die Vögel“, „Die Schaufensterpuppen“ samt der mehrteiligen Betrachtung über die Schaufensterpuppen, ferner „Nimrod“, „Pan“, „Herr Karl“, die titelgebende Erzählung Die Zimtläden, „Die Krokodilstraße“, „Die Schaben“, „Der Sturm“ und „Die Nacht der großen Saison“.
Getragen werden diese Geschichten von der Figur des Vaters. Er führt am Marktplatz ein Geschäft für Stoffe und Textilien, ist aber weit mehr als ein Kaufmann. Schulz macht ihn zu einer maßlosen, schöpferischen Gestalt, die er mit fast göttlichen Kräften ausstattet. Der Vater lebt an der Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen der wirklichen und einer unwirklichen Welt, verfällt in Wahn und Verwandlung und wird so zur geheimnisvollen Mitte des ganzen Buches.
Erzählt wird all dies aus der Sicht des jungen Josef. Durch seine kindlichen Augen verwandelt sich die vertraute Kleinstadt in einen Ort voller Wunder und Bedrohungen. Die Wirklichkeit wird bei Schulz nicht einfach abgebildet, sondern mythologisiert: von der Vorstellungskraft umgeformt, künstlerisch verzerrt und mit zahllosen Anspielungen auf andere literarische Werke, auf große Mythen und auf ferne, fremdartige Bereiche der Welt angereichert. So entsteht kein durchlaufender Roman mit festem Ende, sondern ein Geflecht aus Bildern, in dem der Alltag der Familie und die Räume des Städtchens ins Traumhafte gehoben erscheinen.
Stil↑
Sprachlich fällt das Werk durch seinen ungewöhnlichen Reichtum auf. Schulz arbeitet mit langen Ketten eigenwilliger, exzentrischer Metaphern, die verschiedene Aufgaben erfüllen. Bald erweckt er die Welt der Dinge zum Leben und lässt Gegenstände beseelt erscheinen, bald zeigt er Menschen in der Gestalt von Tieren.
Auffällig sind auch die vielfach verschachtelten, weit ausgreifenden Sätze. Schulz scheut sich nicht, fremde, oft vergessene und altertümliche Wörter zu verwenden, dazu Fachbegriffe etwa aus der Biologie. Schon die ersten Kritiker bemerkten diese Eigenart. Tadeusz Breza hob hervor, dass Schulz Wörter wie „Analogon“ oder „tellurisch“ nicht meide, die man damals gemeinhin als gekünstelt empfand; bei Schulz aber klängen solche fremden Wörter nicht ausländisch, sondern gleichsam überirdisch. Dazu treten immer wieder visionäre, traumhafte Bilder, unter denen das Motiv des Labyrinths besonders häufig wiederkehrt.
Rezeption↑
Nach seinem Erscheinen wurde das Buch von einer Reihe namhafter Schriftsteller und Kritiker gelobt, darunter Leon Piwiński, Tadeusz Breza, Stanisław Ignacy Witkiewicz, Antoni Słonimski, Julian Tuwim und Adolf Nowaczyński. Breza nannte diese Prosa unwahrscheinlich schön und sprach von einem Höchstmaß an verkörperter Poesie. Die meisten frühen Rezensenten hoben vor allem die sprachlichen Vorzüge hervor; nur wenige, unter ihnen Witkiewicz, erkannten auch die metaphysische Schicht der Erzählungen. Das Werk wurde als Kandidat für den Preis der Zeitschrift „Wiadomości Literackie“ genannt.
Es gab jedoch auch ablehnende und heftig angreifende Stimmen, vor allem aus der rechten wie der linken Presse, die die avantgardistische Literatur verurteilte. Man warf Schulz Manieriertheit und Nutzlosigkeit vor. Trotz dieser Anfeindungen veränderte das Buch das Leben seines Verfassers grundlegend: Der bis dahin bescheidene Lehrer aus Drohobytsch wurde beinahe von einem Tag auf den anderen zum bekannten Schriftsteller. Um das Erscheinen hatte sich zunächst Debora Vogel bemüht, ohne Erfolg; erst die Fürsprache der angesehenen Schriftstellerin Zofia Nałkowska führte dazu, dass der Band Ende 1933 herauskam.
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