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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Sturm und Drang
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Sturm und Drang
1776
– Werkseintrag –

Sturm und Drang

1776 · Drama

Das Schauspiel, dem eine ganze literarische Epoche ihren Namen verdankt: eine junge Liebe zwischen den Kindern verfeindeter Lords, ein abenteuersüchtiger Held in Amerika und ein Titel, der zur Losung einer ganzen Generation wurde.

Überblick↑

Mit diesem Schauspiel in fünf Akten hat Friedrich Maximilian Klinger 1776 einer ganzen literarischen Epoche ihren Namen gegeben. Ursprünglich sollte das Stück Wirrwarr heißen. Den klangvollen Titel Sturm und Drang drängte der Schweizer Christoph Kaufmann dem Autor nach dessen eigenen Worten „mit Gewalt“ auf. Klinger war damals bereits ein bekannter Bühnenautor und Goethe nach Weimar gefolgt. Er schrieb das Stück als Theaterdichter der Schauspielgesellschaft Abel Seylers. Die Uraufführung fand am 1. April 1777 in Leipzig statt. Der Titel wurde rasch zur Losung einer ganzen Schriftstellergeneration und gab schließlich der Epoche selbst ihren Namen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Drei junge Engländer treffen in einem amerikanischen Gasthof ein: der abenteuersüchtige Wild und seine widerwillig mitgeschleppten Freunde La Feu und Blasius. Wild will sich in den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg stürzen. Im selben Gasthof wohnen Lord Berkley und seine Tochter Jenny Caroline. Sie sind ins Exil gegangen, weil eine Verschwörung den Lord um Haus und Einfluss gebracht hat. Als Drahtzieher verdächtigt Berkley seinen einstigen Freund Lord Bushy.

Wild und Caroline erkennen sich wieder: Sie sind eine alte Jugendliebe. Doch Wild trägt ein Geheimnis. Er ist in Wahrheit der Sohn jenes Lord Bushy, den Berkley für seinen Erzfeind hält. Während das Paar die Wahrheit verbirgt, taucht ein geheimnisvoller Schiffskapitän namens Boyet auf. Dieser hasst Wild seit einem früheren Duell in Holland erbittert. Aus dem alten Streit der Väter, der jungen Liebe und der Feindschaft zwischen Wild und dem Kapitän verdichtet sich eine Lage, die zwischen Krieg, Duell und Wiedersehen entschieden werden muss.

Die Handlung im Detail↑

Der erste Akt führt in einen amerikanischen Gasthof. Wild, dessen wahrer Name Carl Bushy ist, kommt mit seinen Freunden La Feu und Blasius an, die er gegen ihren Willen über den Atlantik geschleppt hat, um am Unabhängigkeitskrieg teilzunehmen, vermutlich auf Seiten der Kolonisten. Im selben Haus wohnen Lord Berkley und seine Tochter Jenny Caroline; sie sprechen über die anhaltende Fehde mit der Familie Bushy. Lady Kathrin, Berkleys Schwester, und seine Nichte Louise bemerken die Neuankömmlinge und stellen fest, dass es Engländer sind.

Im zweiten Akt warten die drei Freunde auf ein Treffen mit den Damen. La Feu verliebt sich auf den ersten Blick in Lady Kathrin, Blasius langweilt Louise. Caroline bleibt zunächst in ihrem Zimmer und sehnt sich nach ihrer Jugendliebe Carl Bushy. Durch einen Zufall – Wild verwechselt die Tür – treffen die beiden aufeinander und erkennen sich glücklich wieder. Lord Berkley überrascht das Paar beim Küssen. Wild gibt sich nicht als Bushys Sohn zu erkennen, sondern erzählt dem Lord, wie schlecht es ihm und seinem Vater ergehe, was Berkley mit Genugtuung hört.

Im dritten Akt unterhalten sich Blasius und La Feu über Wild und die Damen; Blasius zieht sich missmutig zurück. Der Schiffskapitän Boyet trifft im Gasthof ein. Er hat von Wilds Anwesenheit erfahren und sucht ihn auf: Die beiden sind alte Erzfeinde, die sich bereits in Holland duelliert haben. Sofort bricht der Streit erneut aus. Im Garten plaudert La Feu Wilds wahren Namen vor Lady Kathrin und Louise aus. Wild und Caroline treffen sich heimlich unter ihrem Fenster und werden dabei unbemerkt beobachtet.

Im vierten Akt kommt es zur entscheidenden Begegnung zwischen Berkley und dem Kapitän. Im Gespräch stellt sich heraus, dass Boyet in Wahrheit Harry Berkley ist – der vor zehn Jahren beim Überfall auf das Berkley-Anwesen verschollene Sohn des Lords. Auch Caroline erkennt ihren Bruder wieder. Harry erfährt, dass seine Mutter gestorben ist, und berichtet triumphierend, er habe den alten Lord Bushy auf hoher See in einem kleinen Boot ausgesetzt und damit wohl dem Tod überantwortet. Als Wild hinzutritt, bricht der alte Streit erneut auf; man verabredet ein Duell für den nächsten Tag. Lady Kathrin entlarvt Wild schließlich vor Berkley und dem Kapitän als Carl Bushy. Wild erfährt im selben Augenblick, dass der Mann, der ihn duellieren will, der Mörder seines Vaters sein soll – und fordert seinerseits den Zweikampf.

Der fünfte Akt beginnt damit, dass die beiden jungen Männer trotz ihrer Feindschaft gemeinsam in die Schlacht ziehen müssen. Sie siegen, der Kapitän wird durch eine Kugel an der Wade verwundet und erkennt widerwillig Wilds Tapferkeit an. Noch bevor es zum Duell kommen kann, bringt der junge Mohr, der Sklave des Kapitäns, Wild eine entscheidende Nachricht: Der Schiffsleutnant habe den alten Bushy heimlich wieder an Bord geholt; er lebe. Tatsächlich erscheint der Totgeglaubte. Geschwächt, aber lebendig steht er vor seinem alten Freund Berkley, beteuert seine Unschuld an der Verschwörung und versichert, an den Anschlägen gegen Berkleys Haus keinen Anteil gehabt zu haben; den wahren Schuldigen nenne er nicht, dieser sei längst tot.

Berkley und sein Sohn gehen nur zögerlich auf die Versöhnung ein, zu tief sitzt der Hass der langen Jahre. Schließlich aber wird der Streit beigelegt. Wild und Caroline dürfen ein Paar werden. La Feu und Lady Kathrin haben sich bereits gefunden und beschließen, ein romantisches Dasein als Schäfer und Schäferin zu führen. Blasius, dessen Griesgrämigkeit Louise endgültig abschreckte, zieht sich in das Leben eines Eremiten zurück.

Stil↑

Die Sprache des Stücks ist auffallend eigenwillig und prägt einen ganz eigenen dramatischen Gestus. Klinger arbeitet mit dynamischen Verben wie „herumfahren“, „entgegenbrüllen“, „toben“ und „spannen“. Dazu kommen kraftvolle Adjektive wie „wild“ und „toll“ und Substantive wie „Tumult“, „Lärmen“, „Sturm“, „Herz“ und „Wirrwarr“. Hinzu treten ungewöhnliche Vergleiche und scheinbar widersprüchliche Fügungen wie „labe dich im Wirrwarr“.

Bei näherem Hinsehen erhält jede Figur durch die Sprache ein eigenes Profil. Wild und der Kapitän neigen zu Kraftausdrücken und sinnlicher Bildhaftigkeit. La Feu und Lady Kathrin bewegen sich eher im formelhaften Wortschatz abgegriffener poetischer Wendungen. Louise macht gerne Witze, Caroline schlägt einen schwermütig-empfindsamen Ton an. Berkley baut seine Sätze im Spannungsfeld von Liebe und Hass auf. Blasius bevorzugt melancholische und selbsterniedrigende Aussagen. Über das ganze Stück hinweg setzt Klinger auf eine Technik der Wiederholung und Häufung. Bestimmte Begriffe und Aussagen kehren dabei immer wieder.

Auch die Stoffwahl trägt Spuren von Klingers Begeisterung für Shakespeare. Der Streit der Familien Berkley und Bushy erinnert an Romeo und Julia, allerdings ohne dessen tragisches Ende. Die Namen Berkley und Bushy stammen aus Richard II., der Name La Feu aus Ende gut, alles gut. Der ursprüngliche Titel Wirrwarr wiederum ist mit Shakespeares Comedy of Errors, der Komödie der Irrungen, verwandt.

Rezeption↑

Sowohl die Uraufführung in Leipzig am 1. April 1777 als auch die kurz darauf folgende Aufführung in Klingers Heimatstadt Frankfurt waren wenig erfolgreich. Die eigentliche Wirkung des Werks lag und liegt nicht im Theatererfolg, sondern in seinem Titel. Christoph Kaufmann hatte Klinger die Worte „Sturm und Drang“ nach dessen eigenem Bericht „mit Gewalt“ aufgenötigt. Und gerade dieser Titel wurde rasch zur Losung einer ganzen Schriftstellergeneration. Klinger selbst bemerkte 1814 rückblickend, mancher „Halbkopf“ habe sich darüber lustig gemacht. Aus der Losung aber wurde der Name einer ganzen literarischen Epoche, die wir noch heute nach diesem Stück benennen. Das Schauspiel entstand in genau jenem Jahr 1776, das gemeinhin als Höhepunkt der Bewegung gilt, der es seinen Namen gab.

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