1847
Sturmhöhe
Überblick↑
Das Werk Sturmhöhe ist der einzige Roman der englischen Schriftstellerin Emily Brontë. Er erschien 1847 unter dem Pseudonym Ellis Bell. Das viktorianische Publikum lehnte das Buch zunächst weitgehend ab. Heute gilt es als ein Klassiker der britischen Romanliteratur des 19. Jahrhunderts. Erzählt wird die Geschichte zweier Familien im windgepeitschten Hochmoor von Yorkshire über drei Generationen hinweg. Beherrscht wird sie von der unbändigen Gestalt des Findelkindes Heathcliff.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Zwei Häuser stehen einander in den Hochmooren von Yorkshire gegenüber. Der raue Gutshof Wuthering Heights liegt auf einer windumtosten Anhöhe und wird von der Familie Earnshaw bewirtschaftet. Das vornehmere Herrenhaus Thrushcross Grange liegt im fruchtbaren Tal und gehört der Familie Linton.
Eines Tages bringt der alte Earnshaw ein etwa sechsjähriges Findelkind aus den Straßen Liverpools mit nach Hause. Der Junge bekommt den Namen Heathcliff und wächst neben Earnshaws eigenen Kindern Hindley und Catherine auf. Zwischen Heathcliff und Catherine entsteht eine tiefe Verbundenheit. Beide sind wild, leidenschaftlich und willensstark. Hindley dagegen kann den Fremden nicht ertragen.
Nach dem Tod des alten Earnshaw beginnt für Heathcliff eine schwere Zeit. Zugleich rückt eine Frage in den Mittelpunkt. Wie wird sich Catherine zwischen ihrer Seelenverwandtschaft mit Heathcliff und der Aussicht auf ein besseres Leben an der Seite des wohlhabenden Edgar Linton entscheiden?
Der Roman beginnt nicht am Anfang dieser Geschichte, sondern kurz vor ihrem Ende. Der Mieter Lockwood zieht in Thrushcross Grange ein. In Wuthering Heights spürt er überall eine Atmosphäre aus Misstrauen, Spannung und Gereiztheit. Wie es dazu kam und in welchem Verhältnis die Menschen zueinander stehen, erzählt ihm die Haushälterin Nelly Dean in einer langen Rückschau.
Die Handlung im Detail↑
Der alte Earnshaw liest in Liverpool ein etwa sechsjähriges Findelkind auf und zieht es als Heathcliff zusammen mit seinen Kindern Hindley und Catherine groß. Die Haushälterin Ellen Dean, genannt Nelly, wird für Heathcliff zum Mutterersatz; anfangs lehnt sie sein fremdartiges Wesen ab, nimmt es mit der Zeit aber an. Heathcliff und Catherine verbindet eine tiefe Freundschaft, denn beide sind wild, leidenschaftlich und kompromisslos. Hindley jedoch tyrannisiert den Stiefbruder.
Nach dem Tod des Vaters schikaniert Hindley den Ziehbruder, würdigt ihn herab und verbannt ihn vom Herrenhaus in den Stall. Als Hindleys junge Frau an Tuberkulose stirbt, verfällt er der Trink- und Spielsucht und vernachlässigt Haus, Hof und seinen kleinen Sohn Hareton.
Einige Jahre später macht der junge Edgar Linton, künftiger Erbe von Thrushcross Grange, der inzwischen sechzehnjährigen Catherine einen Heiratsantrag. Catherine sieht darin einen Weg, den desolaten Verhältnissen auf Wuthering Heights zu entkommen. Heathcliff belauscht, wie sie zu Nelly sagt, eine Ehe mit ihm würde sie gesellschaftlich entehren, der Luxus von Thrushcross Grange sei vorzuziehen, obwohl ihr Edgar im Grunde gleichgültig sei. Gekränkt läuft Heathcliff davon und verlässt die Gegend. Der Verlust ihres engsten Vertrauten stürzt Catherine in eine schwere Nervenkrise mit lebensbedrohlichem Fieber. Der besorgte Edgar nimmt sie mit auf die Grange, wo beide einige Monate später heiraten.
Nach drei Jahren kehrt Heathcliff als gut aussehender, reicher junger Mann zurück. Er dringt in Catherines Ehe ein, und ihre alte Liebe flammt wieder auf. Da sie jedoch von Edgar schwanger ist, will sie die Ehe trotz ihrer Missachtung der bürgerlichen Moral nicht aufgeben. Sie wünscht sich Heathcliff als Freund und Vertrauten, den auch Edgar dulden soll. Heathcliff aber begehrt sie für sich allein und beginnt aus Groll, sich an beiden Familien zu rächen. Er heiratet gegen Edgars Willen dessen Schwester Isabella Linton und misshandelt sie. An dem Konflikt zwischen Edgar und Heathcliff zerbricht Catherine. Sie stirbt bei der Geburt ihrer Tochter Cathy.
Der schwangeren Isabella gelingt die Flucht nach London, wo ihr kränklicher Sohn Linton zur Welt kommt. In dieser Zeit ruiniert Heathcliff den spiel- und trunksüchtigen Hindley und bringt Wuthering Heights in seinen Besitz. Hindleys Sohn Hareton hetzt er gegen den Vater auf. Nach Hindleys plötzlichem Tod im Alkoholdelirium zieht Heathcliff den Jungen aus Rache in ungebildeten, bäuerlichen Verhältnissen auf. Doch misshandelt er ihn nicht, wie Hindley einst ihn selbst, und Hareton fasst große Zuneigung zu seinem Pflegevater.
Nach Isabellas Tod nimmt Heathcliff seinen kranken, missmutigen Sohn Linton zu sich. Jahre später lockt er die nun sechzehnjährige Cathy nach Wuthering Heights, um sie mit Linton zusammenzubringen. Als ihr Vater Edgar an einer Lungenentzündung erkrankt, zwingt Heathcliff das Mädchen zur Ehe mit Linton, indem er droht, sie bis nach dem Tod ihres Vaters festzuhalten. Er verprügelt Cathy mehrfach, ohne dass Linton Mitgefühl zeigt. Edgar stirbt, ohne sein Testament noch zu Cathys Schutz ändern zu können, denn sein Anwalt Mr. Green ist von Heathcliff bestochen worden und erscheint absichtlich zu spät. Kurz darauf stirbt auch Linton, den Cathy allein und ohne ärztliche Hilfe pflegen muss, weil Heathcliff kein Geld für eine Behandlung ausgeben will. Nach dem damals geltenden Erbrecht fällt aller Besitz an den nächsten männlichen Verwandten – an Heathcliff.
Heathcliff ist nun Herr über beide Häuser. Aus Geiz vermietet er Thrushcross Grange, das er eigentlich aus Rache abreißen lassen wollte, an den Fremden Lockwood. Als dieser bei seinem Antrittsbesuch eine Nacht auf Wuthering Heights verbringt, hat er eine unheimliche Vision: Der Geist Catherine Earnshaws erscheint am Fenster und fleht um Einlass.
Lockwoods Bericht versetzt Heathcliff einen Schock, der eine drastische Wende in ihm auslöst. Seine Energie ist verbraucht. Er kann oder will nicht mehr verhindern, dass Cathy sich um Haretons Bildung bemüht und zwischen beiden eine Liebe erwächst. Schließlich vermag er vor Entkräftung nicht mehr zu essen, zu trinken und zu schlafen. Eines Nachts stirbt er in einem Zustand der Ekstase; das Fenster an seinem Bett steht offen. Zuvor hatte er Catherines Grab geöffnet und Nelly berichtet, ihr Gesicht sei noch immer ihr Gesicht – die moorige Erde von Gimmerton bewahre die Toten mumienhaft. So löst sich die Spannung, und für Cathy und Hareton kommt es doch noch zu einem glücklichen Ende.
Stil↑
Bemerkenswert ist die kunstvoll verschachtelte Erzählform. Der Roman setzt mit den Erlebnissen Lockwoods ein, als die Handlung bereits kurz vor ihrem Abschluss steht. Der Leser betritt mit ihm eine Welt voller Misstrauen, Spannung und Gereiztheit. Er fragt sich, wie es dazu kam und welches Ende zu erwarten ist. Daran schließt eine lange Rückschau an, die Nelly Dean als zweite Erzählerin entfaltet. Erst am Schluss tritt Lockwood erneut in die Handlung ein, wenn die Spannung sich bereits gelöst hat.
Trotz dieser Schachtelung bleibt die innere Logik durchweg gewahrt. Bis in scheinbare Nebensächlichkeiten ist alles stimmig gefügt. Als Hindley in betrunkenem Zustand den kleinen Hareton fallen lässt, fängt Heathcliff den Jungen im Reflex auf. Später ist es ausgerechnet Heathcliff, der Wuthering Heights ungewollt für Hareton bewahrt und ihn vor Armut rettet. Auch der frühe Hinweis Lockwoods, die moorige Erde erhalte die Toten mumienhaft, kehrt am Ende wieder, wenn Heathcliff Catherines Grab öffnet. Aus solchen weit gespannten Verknüpfungen erwächst eine bis ins kleinste Detail durchdachte Handlungsstruktur. Zwei Schauplätze setzen den Gegensatz der Welten auch in der Landschaft sichtbar ins Bild: das raue, sturmumtoste Wuthering Heights und das mildere Thrushcross Grange im Tal.
Rezeption↑
Umstritten war der Roman schon im 19. Jahrhundert. Charlotte Brontë überbetonte die negativen Urteile der zeitgenössischen Rezensionen und verschwieg die positiven. Das trug zu seinem zwiespältigen Ruf bei. Deshalb trat in der späteren Literaturgeschichte vor allem die Kritik hervor. Bemängelt wurde, man könne sich mit keiner der Figuren wirklich identifizieren, da keine ganz und gar sympathisch sei. Sie stießen eher ab, als dass sie anzögen. Mitgefühl, so der Vorwurf, werde durch die verwerflichen Taten der Personen immer wieder zunichtegemacht.
Auch die verschachtelte Handlung wurde unterschiedlich beurteilt: teils als verwirrend getadelt, teils als kunstvolle Balance gelobt. Ebenso schied sich die Meinung über die Sprache. Den einen erschien sie gestelzt und melodramatisch, den anderen vielstimmig und authentisch. Lob fand vor allem die drastische, ungeschönte Darstellung des Bösen in der menschlichen Natur sowie die bis ins Detail geschickt entworfene Handlungsstruktur. Wohlwollende Stimmen sahen darin ein Werk im Geiste Shakespeares: eine überrealistisch gesteigerte Handlung mit mystischen Zügen und doch menschlich realistischen Charakteren, die in ihrem Tun bis ins Extreme gehen.
Bis heute neigen die Urteile zu Gegensätzen. Den einen gilt das Buch als Meisterwerk und Kulturgut des viktorianischen Zeitalters, den anderen als überschätztes Kuriosum der Romanliteratur. Seine anhaltende Wirkung zeigt sich auch in einer langen Reihe von Verfilmungen, darunter die bekannte Hollywood-Fassung von William Wyler aus dem Jahr 1939.
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