1800
Sudelbücher
Überblick↑
Über mehr als drei Jahrzehnte hinweg, von 1764 bis zu seinem Tod 1799, füllte Georg Christoph Lichtenberg Hefte mit Einfällen, Beobachtungen, Witzen, Selbstgesprächen und naturwissenschaftlichen Skizzen. Er selbst nannte sie Sudelbücher – nach dem kaufmännischen Konzeptbuch, in das man Zahlen flüchtig hineinschreibt, bevor man sie sauber überträgt. Veröffentlicht wurden sie erst nach seinem Tod. Gerade dieses nie für den Druck gedachte Werk machte den Göttinger Professor für Experimentalphysik zum Begründer des deutschsprachigen Aphorismus. Es machte ihn zu einer der prägenden Stimmen der deutschen Aufklärung. Rund anderthalbtausend Druckseiten und etwa zehntausend Notizen sind erhalten.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Sudelbücher sind kein Buch im üblichen Sinn. Sie sind eine über Jahrzehnte gewachsene Folge persönlicher Notizhefte. Lichtenberg sammelte darin zugespitzte Einfälle, Beobachtungen zum Tagesgeschehen, Witze, Spötteleien über Zeitgenossen, Auszüge aus seiner Lektüre, philosophische und literarische Reflexionen sowie ganz private Gedanken und Stimmungen. Parallel dazu nutzte er dieselben Hefte für mathematische und naturwissenschaftliche Überlegungen. Diese dienten oft als erste Skizze für spätere Vorlesungen oder Aufsätze.
Wer die Hefte aufschlägt, findet keinen erzählerischen Bogen. Stattdessen steht hier eine Fülle einzelner Sätze und kleiner Gedankenfetzen nebeneinander – ernsthaft neben spöttisch, wissenschaftlich neben sehr persönlich. Lichtenberg ordnet sie nach Buchstaben. Die einzelnen Hefte tragen die Bezeichnungen „A" bis „L". Die Lektüre lädt zum Blättern und Springen ein, nicht zum geraden Durchlesen.
Die Handlung im Detail↑
Eine Handlung im erzählerischen Sinn haben die Sudelbücher nicht. Stattdessen lässt sich nachvollziehen, wie sie über mehr als drei Jahrzehnte entstanden sind und welche innere Ordnung Lichtenberg ihnen mit der Zeit gab.
Begonnen hat er die Aufzeichnungen vermutlich während seiner Studienzeit an der Universität Göttingen; die erhaltenen Einträge setzen im Herbst 1764 ein. Für die ältesten Notizen verwendete Lichtenberg selbst zusammengefalzte Hefte, die die Forschung später unter dem Buchstaben „A" zusammenfasste. Von 1768 an griff er zu vorgefertigten Notizbüchern und kennzeichnete sie ab den frühen 1770er Jahren fortlaufend mit lateinischen Großbuchstaben auf Deckblatt oder erster Seite. Bei seinem Tod war er beim Buchstaben „L" angekommen.
Mit dem Umfang wuchs auch der Ordnungswille. In den frühesten Heften standen wissenschaftliche und allgemeine Einträge noch ungetrennt nebeneinander. Von Heft „B" an schied Lichtenberg die naturwissenschaftlichen Notizen ab. Ab Heft „D" wird diese Unterteilung auch im Heft selbst sichtbar: vorn die wissenschaftlichen Überlegungen, hinten die allgemeinen Bemerkungen und Aphorismen. Im Heft „E" entwickelte er ein eigentümliches Verfahren – er beschrieb dasselbe Buch gleichzeitig von vorn und von hinten, sodass sich die Einträge in der Mitte trafen: vorn die mit arabischen Ziffern nummerierten Reisenotizen seiner zweiten Englandreise 1774/75, hinten die mit römischen Ziffern gezählten allgemeinen Bemerkungen. In den späteren Büchern „J", „K" und „L" perfektionierte er dieses Verfahren: vorn allgemeine Gedanken und Aphorismen mit arabischer, hinten naturwissenschaftliche Überlegungen mit römischer Paginierung. Der Begriff „Sudelbuch" steht 1776 programmatisch auf dem Titelblatt von Buch „F"; daneben verwendete Lichtenberg auch andere ironische Bezeichnungen wie Klitterbuch, Hausbuch, Sparbüchse, Schmierbuch oder Gedankenbuch. Die Einträge folgten einem bemerkenswert gleichmäßigen Rhythmus – im Durchschnitt etwa alle drei Tage ein Eintrag.
Veröffentlicht wurden die Hefte erst nach Lichtenbergs Tod am 24. Februar 1799. Sein älterer Bruder Ludwig Christian Lichtenberg ließ sich den unveröffentlichten Nachlass aushändigen; zunächst sprach er abschätzig von „Schreibereien" und wollte möglicherweise Veröffentlichungen verhindern, die der Familie hätten schaden können. Auf Drängen des Verlegers Johann Christian Dieterich und nach eigener Lektüre änderte er sein Urteil und gab gemeinsam mit Lichtenbergs Schüler Friedrich Kries in den ersten beiden Bänden der Vermischten Schriften – neun Bände ab 1800 – umfangreiche Auszüge heraus. Diese Auswahl begründete Lichtenbergs literarischen Nachruhm im 19. Jahrhundert. Zum hundertsten Geburtstag des Vaters legten dessen Söhne Georg Christoph und Christian Wilhelm ab 1844 eine erweiterte vierzehnbändige Neuausgabe vor; sie schieden die naturwissenschaftlichen Schriften aus und ordneten die Aphorismen wie der Onkel nach Sachgruppen, nicht chronologisch. Schon ihnen lagen die Handschriften nicht mehr vollständig vor.
Ein Teil der Originale ist verloren: die Bücher „G" und „H" sowie der größte Teil von „K". Über die Gründe wurde spekuliert – unter anderem, dass die Familie sie vernichtet haben könnte, weil in diese Zeit Lichtenbergs Liebesbeziehungen zu Maria Dorothea Stechardt und zu seiner späteren Ehefrau Margarethe Elisabeth Kellner fielen. Der Lichtenberg-Forscher Ulrich Joost hält das angesichts des Charakters der erhaltenen Hefte für unwahrscheinlich. Erhalten sind insgesamt rund anderthalbtausend Druckseiten mit etwa zehntausend Notizen; sie liegen heute fast vollständig in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen.
Die erste textkritische Ausgabe einer Auswahl besorgte der Germanist Albert Leitzmann zwischen 1902 und 1908; er sortierte die Notizen erstmals chronologisch und richtete sich strikt nach den Originalhandschriften. Sein bleibendes Verdienst ist, dass er den Nachlass 1896 bei Lichtenbergs Enkeln aufspürte und bewirkte, dass die Familie die Handschriften der Göttinger Universitätsbibliothek übergab. Leitzmann beschränkte sich allerdings auf das, was er „Aphorismen" nannte, und ließ die naturwissenschaftlichen Notizen weg. Erst Wolfgang Promies legte 1968 und 1971 eine vollständige, kommentierte Ausgabe vor – einschließlich der wissenschaftlichen Einträge und der nur noch aus den Vermischten Schriften überlieferten Fragmente. Promies führte mit seiner Edition auch die Bezeichnung „Sudelbücher" wieder in den allgemeinen Sprachgebrauch zurück. 1992 ergänzte Ulrich Joost diese Editionsgeschichte um eine faksimilierte Ausgabe des bis dahin nicht zugänglichen Notizbuchs „Noctes".
Stil↑
Lichtenbergs Notizen leben von der Kürze. Ein Gedanke wird auf wenige Zeilen, manchmal auf einen einzigen Satz zugespitzt. Pointe, Bild und Beobachtung greifen ineinander. Der Ton wechselt von Eintrag zu Eintrag: ernsthafte Reflexion steht neben Witz, philosophische Erwägung neben schneidender Polemik, naturwissenschaftliche These neben selbstironischer Beichte. Schon der Titel Sudelbücher ist selbstironisch. Er stammt aus der kaufmännischen Buchführung, wo das Sudelbuch das flüchtige Konzept vor der Reinschrift bezeichnet. Lichtenberg übernahm das Wort als programmatische Untertreibung für seine eigene Werkstatt des Denkens.
Charakteristisch ist die Mischung der Register. Aphoristische Einfälle stehen neben Exzerpten und fremden Gedanken. Satirische Bemerkungen zum Tagesgeschehen stehen neben tagebuchartigen privaten Notaten. Mathematische und physikalische Skizzen stehen neben literarischen Fragmenten. Diese Vielfalt war kein Mangel an Form, sondern Methode: das Heft als Labor, in dem Gedanken erprobt, gewendet, verworfen und neu gefasst werden. Die Form des kurzen, pointierten Einfalls brachte Lichtenberg hier in deutscher Sprache zur Vollendung. Sie gilt als Geburtsstunde des deutschsprachigen Aphorismus.
Rezeption↑
Die Wirkung der Sudelbücher setzte unmittelbar nach Lichtenbergs Tod ein. Sein Bruder Ludwig Christian Lichtenberg gab die Vermischten Schriften (ab 1800) gemeinsam mit Friedrich Kries heraus. Diese machten die Notizen als Aphorismen-Sammlung populär und begründeten Lichtenbergs literarischen Nachruhm im 19. Jahrhundert. Schriftsteller wie Heinrich Laube (1839) und Friedrich Hebbel (1849) prägten dabei das Schlagwort „Aphorismus" als Sammelbegriff für Lichtenbergs Notizen. Diese Zuordnung hielt sich über populäre Teil-Ausgaben und Anthologien bis weit in die Fachwissenschaft des 20. Jahrhunderts.
Eine vollständige Edition lag erst sehr spät vor. Dennoch wirkten die Sudelbücher schon in ihrer fragmentarischen Gestalt auf zahlreiche Schriftsteller und Denker. Kurt Tucholsky nannte sein eigenes literarisches Notizbuch in offener Anlehnung Sudelbuch. Mit Wolfgang Promies' vollständiger kommentierter Ausgabe (1968/1971) setzte die moderne wissenschaftliche Auseinandersetzung ein. Seitdem ist auch die Bezeichnung „Sudelbücher" wieder fest in Literaturwissenschaft und Öffentlichkeit verankert. Die Sudelbücher wurden in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen. Sie gelten heute als eines der Schlüsselwerke der deutschen Aufklärung.
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