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Porträt Georg Christoph Lichtenberg
Georg Christoph Lichtenberg
1742 – 1799
– Autorenporträt –

Georg Christoph Lichtenberg

1742 – 1799 · 56 Jahre

Erster deutscher Professor für Experimentalphysik und Begründer des deutschsprachigen Aphorismus, dessen private "Sudelbücher" heute weit über seinen wissenschaftlichen Ruhm hinaus nachwirken.

Kurzporträt

Georg Christoph Lichtenberg wurde am 1. Juli 1742 in Ober-Ramstadt geboren und starb am 24. Februar 1799 in Göttingen. Er war Physiker, Naturforscher, Mathematiker und Schriftsteller in einer Person. Er war der erste deutsche Professor für Experimentalphysik und lehrte über Jahrzehnte an der Universität Göttingen. Heute gilt er vor allem als Begründer des deutschsprachigen Aphorismus. Seine privaten Notizhefte, die sogenannten Sudelbücher, wirken weit über seinen wissenschaftlichen Ruhm hinaus nach. Zu Lebzeiten war das Verhältnis umgekehrt: Als Naturforscher hatte er internationale Geltung, als Schriftsteller war er der Öffentlichkeit vor allem als Satiriker und Journalist bekannt.


Biografie

Lichtenberg wurde am 1. Juli 1742 in Ober-Ramstadt bei Darmstadt geboren. Er war das jüngste Kind des protestantischen Pfarrers Johann Conrad Lichtenberg und seiner Frau Catharina Henriette, geborene Eckard. Nach Angaben der Deutschen Biographie war er das siebzehnte und letzte Kind, von dem nur fünf Geschwister überlebten. Wikipedia spricht davon, dass er nach acht Totgeburten als neuntes lebendgeborenes Kind zur Welt kam. 1745 zog die Familie nach Darmstadt. Dort wurde der Vater zum Stadtprediger und 1750 zum Superintendenten ernannt. Der frühe Tod des Vaters 1751 hinterließ die Familie in beengten Verhältnissen.

Von früher Kindheit an litt Lichtenberg an einer rachitischen Verkrümmung der Wirbelsäule, die zu Kleinwuchs und einem ausgeprägten Buckel führte. Diese körperliche Behinderung verschlimmerte sich im Laufe seines Lebens. Sie erschwerte ihm zunehmend das Atmen und machte ihn anfällig für Krankheiten. Zeitgenossen und spätere Interpreten haben in dieser Verfasstheit einen entscheidenden Anstoß für seinen scharfen Beobachtungssinn und seine satirische Haltung gesehen.

Ab 1752 besuchte Lichtenberg das Pädagogium in Darmstadt, das er 1761 abschloss. Bereits als Schüler beschäftigte er sich mit Astronomie und Mathematik, angeregt durch den Vater und die älteren Geschwister. Dank eines landgräflichen Stipendiums konnte er sich am 21. Mai 1763 an der Universität Göttingen immatrikulieren. Bis 1767 studierte er dort unter anderem Mathematik, Physik, Baukunst, Ästhetik, englische Sprache und Literatur, europäische Staatengeschichte, Diplomatik und Philosophie, etwa bei Abraham Gotthelf Kästner. Seinen Unterhalt verdiente er sich durch Korrekturlesen und vor allem als Hofmeister wohlhabender englischer Studenten. Diese waren wegen der Personalunion Großbritanniens mit Hannover zahlreich in Göttingen.

Im April 1770 reiste er erstmals nach England. In der königlichen Sternwarte in Richmond traf er mit König Georg III. zusammen. Auf dessen Empfehlung wurde er Ende Mai zum außerordentlichen Professor für Philosophie in Göttingen ernannt. Im Wintersemester 1770/71 nahm er seine Lehrtätigkeit auf. 1772 und 1773 unterbrach er sie für astronomische Ortsbestimmungen im Kurfürstentum Hannover. Auf diesen Reisen lernte er unter anderem Johann Gottfried Herder, Justus Möser und Friedrich Gottlieb Klopstock kennen. Ein zweiter, ausgedehnter Englandaufenthalt von August 1774 bis Ende Dezember 1775 wurde für ihn zu einem nachhaltigen Bildungserlebnis. Während dieser Zeit wurde er zum ordentlichen Professor ernannt. Er begegnete den Cook-Begleitern Georg und Johann Reinhold Forster ebenso wie James Watt, Joseph Banks, Joseph Priestley und dem Schauspieler David Garrick. Die englischen Seebäder Margate und Deal beeindruckten ihn so sehr, dass er später in einem Aufsatz die Einrichtung deutscher Seebäder anregte.

Nach seiner Rückkehr bezog Lichtenberg eine Wohnung im Haus des Buchhändlers und Verlegers Johann Christian Dieterich in der Gotmarstraße 1. Dort hielt er auch seine Vorlesungen. Ab dem Sommersemester 1778 begann er seine berühmte Hauptvorlesung zur Experimentalphysik. Er hielt sie bis zu seinem Tod, und sie machte ihn weit über Göttingen hinaus bekannt. Ab 1784 gab er das Physiklehrbuch seines früh verstorbenen Kollegen Johann Christian Polycarp Erxleben heraus und überarbeitete es bis 1794 mehrfach. Es wurde zum Standardwerk im deutschsprachigen Raum. Ebenfalls als Nachfolger Erxlebens betreute er ab 1777 bis zu seinem Tod den Göttinger Taschen-Calender, ein populärwissenschaftliches Periodikum. Von 1780 bis 1785 gab er zusammen mit Georg Forster das Göttingische Magazin für Wissenschaften und Litteratur heraus.

Seine wissenschaftlichen Verdienste wurden international anerkannt. Ende 1776 wurde er ordentliches Mitglied der Königlichen Societät der Wissenschaften zu Göttingen. 1782 wurde er Mitglied der Naturforschenden Gesellschaft in Danzig, 1793 Mitglied der Royal Society in London und 1795 Ehrenmitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg. In seinem umfangreichen Briefwechsel verkehrte er mit Goethe, Kant, Johann Friedrich Blumenbach, Georg Forster, Christian Gottlob Heyne und vielen anderen Zeitgenossen. Er gilt als herausragendes Beispiel der Briefkultur des 18. Jahrhunderts.

Privat ging Lichtenberg von 1780 an mit Maria Dorothea Stechard ein Verhältnis ein, das er selbst als Ehe ohne priesterliche Einsegnung bezeichnete. Sie starb bereits 1782. Walter Benjamin nahm den Brief, in dem Lichtenberg ihren Tod beklagt, in seine Sammlung Deutsche Menschen auf. 1782 trat Margarete Elisabeth Kellner als Haushälterin in sein Haus. Mit ihr lebte er ab 1783 in eheähnlicher Verbindung. 1789 fesselten ihn schwere Asthmaanfälle infolge der Wirbelsäulenverkrümmung monatelang ans Bett. Da ließ er die Verbindung legalisieren, um Frau und Kindern das Erbe zu sichern. Aus der Beziehung gingen acht Kinder hervor, vier davon vorehelich. Als Lichtenberg am 24. Februar 1799 in Göttingen starb, hinterließ er seine Frau und sechs Kinder. Sein Grab befindet sich auf dem Bartholomäusfriedhof in Göttingen.


Literarische Merkmale

Zu seinen Lebzeiten trat Lichtenberg in der Öffentlichkeit vor allem als Satiriker und Journalist hervor, etwa in seinem Streit mit Lavater oder in den Erklärungen zu den Kupferstichen William Hogarths. Sein eigentlicher schriftstellerischer Rang liegt jedoch in den sogenannten Sudelbüchern. Das sind private Notizhefte, die er zeit seines Lebens für sich selbst führte und nicht für die Veröffentlichung bestimmte. Die Deutsche Biographie führt diese Zurückhaltung darauf zurück, dass Lichtenberg sich in einer "bekenntnissüchtigen Zeit" gerade nicht öffentlich bekennen mochte.

Charakteristisch für seine Aufzeichnungen ist eine schonungslose Selbstbeobachtung, die bis in die Sphäre der Sexualität reicht. Die ständige körperliche Gefährdung durch seine Wirbelsäulenerkrankung schärfte seine Sensibilität nicht nur für naturwissenschaftliche Phänomene, sondern auch für seine Umwelt und seine Mitmenschen. Aus dieser doppelten Aufmerksamkeit speist sich der Aphorismus Lichtenbergscher Prägung. Mit ihm begründete er den deutschsprachigen Aphorismus überhaupt erst.

Wissenschaftliche und schriftstellerische Arbeit lassen sich bei ihm nicht trennen. Die Forschung hat in jüngerer Zeit nachdrücklich darauf hingewiesen, dass die öffentliche Tätigkeit als Naturwissenschaftler und die privaten Notizen aufs engste miteinander verknüpft sind. Seine Experimentalvorlesung hatte einen demonstrativen, anschaulichen Charakter und machte ihn über die Stadtgrenzen hinaus berühmt. Dieser Charakter hat im Beobachtungsstil der Sudelbücher seine Entsprechung.


Rezeption

Schon zu Lebzeiten genoss Lichtenberg als Naturforscher europäisches Ansehen. Mitgliedschaften in der Göttinger Societät, in der Royal Society in London, in der Naturforschenden Gesellschaft in Danzig und in der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg bezeugen diese Geltung. Sein Lehrbuch der Naturlehre, das er von Erxleben übernahm und mehrfach überarbeitete, wurde über Jahre hinweg zum Standardwerk im deutschsprachigen Raum.

Im Lauf der Zeit hat sich das Bild umgekehrt. Die Deutsche Biographie hält fest, dass das Andenken an den Naturforscher in der Öffentlichkeit fast erloschen sei. Die einst nur privaten Aufzeichnungen gelten heute als der bedeutsamste Teil seines Werks. Die satirischen Veröffentlichungen, mit denen Lichtenberg seinerzeit in Erscheinung trat, teilen diesen späteren Rang nicht.

Sein Briefwechsel mit Goethe, Kant, Blumenbach, Forster, Heyne und vielen anderen wird heute nicht nur als wissenschaftshistorische Quelle geschätzt, sondern auch als herausragendes Zeugnis der Briefkultur des 18. Jahrhunderts. Walter Benjamin nahm Lichtenbergs Brief über den Tod der "kleinen Stechardin" in seine Sammlung Deutsche Menschen auf und führte den Aphoristiker damit in den Kanon der Moderne hinüber. Im NDB-Artikel wird Lichtenberg in eine Reihe mit Autoren wie Jean Paul, Karl Kraus und Thomas Mann gestellt – ein Hinweis darauf, wie weit seine Wirkung in die deutsche Literatur reicht.

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