Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Li Qingzhao
Li Qingzhao
1084 – 1155
– Autorenporträt –

Li Qingzhao

1084 – 1155 · 71 Jahre

Dichterin der chinesischen Song-Zeit, deren Ci-Gedichte als ausgefeilte Meisterwerke gelten und deren „Nachträgliches Vorwort zum Katalog von Inschriften auf Bronze und Stein“ bis heute in Schulen gelesen wird.

Kurzbiografie↑

Zu den bekanntesten Dichterinnen des klassischen China zählt Li Qingzhao, die im 11. und 12. Jahrhundert während der Song-Dynastie lebte. Berühmt wurde sie vor allem für ihre Ci-Gedichte, also lyrische Texte, die auf feststehende Melodien verfasst wurden. Von ihrem Werk ist nur ein kleinerer Teil erhalten: rund achtzig Ci-Gedichte, einige Shi-Gedichte und fünf Prosatexte. Besonders beliebt ist bis heute ihr Nachträgliches Vorwort zum Katalog von Inschriften auf Bronze und Stein, in dem sie von der ersten, glücklichen Zeit ihrer Ehe erzählt. Ihr Leben führte von einem gebildeten Elternhaus über eine glückliche Ehe in den Verlust fast des gesamten Besitzes, als die Nördliche Song-Dynastie zusammenbrach.


Biografie↑

Geboren wurde Li Qingzhao im Jahr 1084. Als Geburtsort wird Zhangqiu genannt, teils auch Jinan. Ihr Vater Li Gefei war Literat und Beamter, ihre Mutter aus der Familie Wang literarisch gebildet. Li Qingzhao war das erste Kind und wurde unterrichtet, wie man sonst nur einen Sohn unterrichtete. Ihr Vater war mit dem berühmten Dichter Su Shi befreundet und verkehrte mit vielen einflussreichen Literaten seiner Zeit.

Im Jahr 1101, im Alter von etwa achtzehn Jahren, heiratete sie Zhao Mingcheng, den Sohn von Zhao Tingzhi. Das Paar teilte die Begeisterung für Literatur, Kalligrafie, Kunst und Altertümer. Zunächst lebten die beiden in der damaligen Hauptstadt Kaifeng, danach jahrelang auf dem Land in Qingzhou, wohin sich die Familie ihres Mannes zurückgezogen hatte. Die Ehe blieb kinderlos. Sie stand außerdem im Schatten der politischen Machtkämpfe, in die Zhao Mingchengs Vater verwickelt war; auch der Sohn bekam deshalb lange Zeit keinen Beamtenposten.

Über die Jahre trugen die beiden eine große Sammlung zusammen: Bücher, Bilder, Kunstgegenstände und Altertümer wie Opfergefäße, Dreibeine und andere Zeremonialgeräte. Zhao Mingcheng verfasste dazu den Katalog der Inschriften auf Bronze und Stein, das Jinshilu. Zu diesem Katalog schrieb seine Frau später jenes Nachwort, das ihr Ruhm als Prosaautorin begründete.

Dann brach die politische Ordnung zusammen. 1126, kurz vor dem Sturz der Nördlichen Song-Dynastie, mussten die beiden auf einer Reise in den Süden den Großteil ihrer Sammlung zurücklassen. Ein Jahr später wurde das Haus in Schutt und Asche gelegt. 1129 starb Zhao Mingcheng unterwegs nach Huzhou, wo er einen neuen Posten hätte antreten sollen. Li Qingzhao schlug sich mit den Resten der Sammlung nach Hangzhou durch, dem Sitz des Kaiserhofs der Südlichen Song-Dynastie.

Im Sommer 1132 heiratete sie ein zweites Mal, Zhang Ruzhou. Schon drei Monate später reichte sie die Scheidung ein. Zugleich zeigte sie ihren Mann wegen Unterschlagung von Staatsgeldern an. Zhang Ruzhou wurde verurteilt, die Anschuldigung traf also zu. Die Anzeige brachte aber auch Li Qingzhao selbst eine Strafe von zwei Jahren Gefängnis ein. Sie wandte sich hilfesuchend an Qi Chongli, einen einflussreichen Verwandten ihres ersten Mannes, der ihre Freilassung nach neun Tagen Haft erwirkte. In einem Dankbrief an ihn legte sie im Herbst 1132 den ganzen Vorgang ausführlich dar.

Diese zweite Heirat ist der umstrittenste Punkt ihrer Lebensgeschichte. Vom Ende der Song-Dynastie bis ins 20. Jahrhundert wurde sie entweder verschwiegen oder rundweg bestritten; der Brief galt als Fälschung, die Feinde oder Neider verfasst hätten, um ihren Ruf zu beschädigen. Dagegen stehen mindestens sieben voneinander unabhängige Quellen aus der Song-Zeit, die die Heirat erwähnen, teils von Zeitgenossen. Der Brief selbst ist in mindestens zwei Quellen überliefert. Heute geht man allgemein davon aus, dass die zweite Ehe tatsächlich geschlossen wurde.

Auch als Witwe und alleinstehende Frau schrieb sie weiter. 1134 verfasste sie eine Abhandlung über das Spiel der Pferde, ein heute verlorenes Brettspiel. Darin beschreibt sie die Regeln und mehrere Spielvarianten, zeichnet zwei Spielfelder und erklärt die Aufstellung der Figuren. Ein autobiografisches Vorwort gehört dazu. Um 1135 folgte das Houxu, das Nachträgliche Vorwort zum Katalog von Inschriften auf Bronze und Stein. Beide Texte reichte sie später am Kaiserhof ein. In den Jahren danach schrieb sie weiterhin Gedichte und Glückwunschverse für den Hof, nachweislich mindestens bis 1151.

Wann und wo sie starb, ist unbekannt. Es gibt weder ein Grab noch einen Nachruf. Als Todesjahr wird gewöhnlich 1155 angegeben, als Sterbeort Hangzhou; sicher belegt ist beides nicht.


Literarische Merkmale↑

Erhalten ist von Li Qingzhaos Werk nur ein kleinerer Teil, und selbst davon ist manches unsicher. Ihr zugeschrieben werden 79 Ci-Gedichte, 18 Shi-Gedichte, ein Fu-Gedicht, einzelne Verse und Bruchstücke sowie fünf Prosatexte. Bei 30 bis 50 der Ci-Gedichte gilt ihre Autorschaft als nicht gesichert, ebenso beim Brief an Qi Chongli. Einige der Shi-Gedichte haben politischen Inhalt.

In diesem erhaltenen Werk sind wichtige lyrische und mehrere prosaische Gattungen vertreten. Ihre Ci-Gedichte gelten ästhetisch wie handwerklich als ausgefeilte Meisterwerke. Das Ci ist eine Form, bei der die Verse auf vorgegebene Melodien gedichtet werden; man nennt diese Texte deshalb auch Lieder. Innerhalb dieser Gattung wird Li Qingzhao der sogenannten weiblichen Schule zugerechnet, dem Wanyuepai. Sie gilt als deren Vollenderin. Den Gegenpol bildet die männliche Schule, das Haofangpai, das auf Su Shi zurückgeht.

Zu ihrem Werk gehört auch eine eigene Theorie dieser Dichtungsart, das Cilun, eine Poetik der Ci-Lyrik. Sie war die erste, die eine solche Lehre der Ci-Dichtung aufstellte.

Ihre Prosatexte stehen in der Tradition der Dichter: formvollendete Stücke, durchsetzt mit zahlreichen, oft entlegenen Zitaten und Anspielungen auf die klassische Literatur. Zu ihnen zählen der Brief an Qi Chongli, die Abhandlung über das Spiel der Pferde samt autobiografischem Vorwort und das Nachwort zum Katalog der Inschriften.


Rezeption↑

Bekannt geworden ist Li Qingzhao vor allem durch ihre Ci-Gedichte. Als Vollenderin der weiblichen Schule dieser Gattung hat sie einen festen Platz in der chinesischen Literaturgeschichte, und ihre Poetik der Ci-Lyrik gilt als die erste Darstellung dieser Art überhaupt.

Besonders beliebt ist bis heute ihr Nachträgliches Vorwort zum Katalog von Inschriften auf Bronze und Stein. In diesem autobiografischen Text schildert sie unter anderem die erste, glückliche Zeit ihrer Ehe mit Zhao Mingcheng. Damit entwarf sie das Bild einer Ehe, in der beide einander zugewandt und freundschaftlich verbunden sind; dieses Bild wirkt bis in die Gegenwart. Der Text wird in der Volksrepublik China ebenso wie in Taiwan noch heute in der Schule gelesen.

Umstritten geblieben sind zwei Punkte: ihre zweite Heirat samt dem Brief, in dem sie sich dazu äußert, und ihre Autorschaft bei einer ganzen Reihe von Ci-Gedichten.

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