1752 – 1831
Friedrich Maximilian Klinger
Kurzporträt↑
Friedrich Maximilian Klinger (1752–1831) war ein deutscher Dichter und Dramatiker. Sein Schauspiel Sturm und Drang gab einer ganzen literarischen Epoche den Namen. In jungen Jahren gehörte er in Frankfurt zum engsten Kreis um Goethe. Später schlug er eine glanzvolle Laufbahn in kaiserlich-russischen Diensten ein, die ihn bis zum Generalleutnant und Kurator der Universität Dorpat führte. Sein literarisches Werk umfasst Dramen der Geniezeit, später Romane und Aphorismen der Spätaufklärung. Klinger beeinflusste Schiller, Büchner und – über Umwege – noch Bertolt Brecht. Im öffentlichen Gedächtnis blieb er aber hinter seiner literarhistorischen Bedeutung zurück.
Biografie↑
Friedrich Maximilian Klinger wurde am 17. Februar 1752 in Frankfurt am Main geboren. Sein Vater Johannes Klinger stammte aus einem Müllergeschlecht in Pfaffen-Beerfurth im Odenwald. In Frankfurt diente er als Konstabler und Büchsenmeister bei der städtischen Artillerie. Die Mutter Cornelia Margareta Dorothea, geborene Fuchs, war die Tochter eines mittellosen Sergeanten. Als der Vater 1760 starb, geriet die Familie in wirtschaftliche Not. Die Mutter ernährte den Sohn und die beiden Töchter als Krämerin und Wäscherin. Schon als Gymnasiast trug Klinger zum Unterhalt bei, laut der Deutschen Biographie als Nachhilfelehrer, Kurrendesänger und Ofenheizer der Schule. Durch Förderung des Professors Zink konnte er das Frankfurter Gymnasium besuchen.
Ab 1772 knüpfte er in Frankfurt Kontakte zu jenem Kreis junger Autoren, der sich um Goethe sammelte. Dazu zählten Jakob Michael Reinhold Lenz, Heinrich Leopold Wagner, der Musiker Christoph Philipp Kayser und der ihm besonders eng verbundene Ernst Schleiermacher. In Klingers Wohnung im Rittergässchen trafen sich diese Freunde regelmäßig. Mit finanzieller Hilfe Goethes begann er im Frühjahr 1774 an der Ludwigs-Universität in Gießen ein Studium der Rechtswissenschaften. Dort wohnte er bei dem Juristen Höpfner. In kurzer Folge entstanden seine ersten Dramen.
Im Mai 1776 verließ Klinger ohne Abschluss die Universität und ging nach Weimar. Er hoffte, als Goethes Freund Aufnahme zu finden. Auf eine kurze Wiederbegegnung folgten Spannungen. Ihre Ursachen lagen in der persönlichen Diskrepanz zwischen dem sich vom Sturm und Drang lösenden Goethe und dem noch ganz darin verhafteten Klinger, dazu in den Umgangsformen des Hoflebens. Klinger schloss sich daraufhin mit dem Manuskript seines neuen Stücks Sturm und Drang als Dramaturg und Theaterdichter der Schauspieltruppe Abel Seylers an. Mit ihr zog er von Oktober 1776 bis Februar 1778 durch Leipzig, Dresden, Mannheim, Köln, Frankfurt und Mainz.
Schwere Depressionen und Zweifel an der reinen Schriftstellerexistenz trieben ihn ins Militär. 1778/79 nahm er am Bayerischen Erbfolgekrieg teil und zog durch Böhmen. 1779 wurde er auf Fürsprache Kaysers in die Zürcher Freimaurerloge Modestia cum libertate aufgenommen. Über Goethes Schwager Johann Georg Schlosser und den württembergischen Herzog Friedrich Eugen, dessen Familie mit dem Zarenhof verschwägert war, gelang ihm 1780 der Eintritt in den russischen Militärdienst. Er wurde Leutnant eines Marinebataillons und Ordonnanzoffizier des Thronfolgers, Großfürst Paul, in Petersburg. Im selben Jahr wurde er nobilitiert. 1781/82 begleitete er das Großfürstenpaar auf einer Europareise durch Wien, Italien, Paris und Deutschland. Am 22. September 1782 war er auf der Stuttgarter Solitude bei jener Illumination anwesend, die Schiller laut der Deutschen Biographie Gelegenheit zur Flucht gab.
Zugleich war Klinger Vorleser der Großfürstin Sophie Dorothee von Württemberg, der späteren Kaiserin Maria Fjodorowna. Mit ihr verband ihn zeitlebens eine aufrichtige Freundschaft. 1783 bis 1785 nahm er unter Suworow an den Operationen gegen die Türkei im Moldaugebiet teil. 1785 wurde er als Kadettenoffizier in das Petersburger Landkadettencorps eingereiht, in dem er als Militärpädagoge Karriere machte. 1787 (laut der Deutschen Biographie 1788) heiratete er in Sankt Petersburg Elisabeth Alexandrowna Alexejewa, eine uneheliche Tochter des Fürsten Grigorij Orlow. Nach der NDB war die Mutter Helena Stepanowa Apraxin, Fürstin Kurakin, während laut dem Genealogischen Handbuch der estländischen Ritterschaft die Verbindung mit Katharina II. zugrunde lag. Von drei Söhnen starben zwei früh. Alexander, geboren 1791, fiel 1812 als russischer Stabskapitän und Adjutant des Generals Barclay de Tolly.
1801 wurde Klinger Generalmajor und Leiter des Kadettenkorps. 1802 wurde er zusätzlich Leiter des Pagenkorps und mit der Neuordnung der Offiziersausbildung betraut. Er war Mitglied der Hauptschulverwaltung im Ministerium für Volksbildung und hatte gewichtigen Anteil an der Reform der Elementarschulen im Baltikum. Ab 1803 war er Kurator des Schulbezirks und der Universität Dorpat im heutigen Tartu. Das schloss die Oberaufsicht über alle Schulen der Gouvernements Livland, Estland, Finnland und Kurland ein. 1811 erreichte er den Rang eines Generalleutnants. 1816 wurde er im Zuge der Restauration seiner Ämter enthoben und zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Er trug den Orden des Heiligen Georg, den ranghöchsten kaiserlich-russischen Verdienstorden. In der Forschung uneinheitlich angegeben ist der Sterbeort: die Wikidata-Notation führt Tartu, die Deutsche Biographie nennt Dorpat. Es handelt sich um denselben Ort, einmal in heutiger, einmal in historischer Bezeichnung. Klinger starb dort am 25. Februar 1831 (julianisch) beziehungsweise 9. März 1831 (gregorianisch), acht Tage nach seinem 79. Geburtstag. Er liegt in Sankt Petersburg auf dem Alten Smolensker Lutherischen Friedhof begraben. Seine umfangreiche Privatbibliothek übergab seine Witwe 1844 der Universität Dorpat.
Literarische Merkmale↑
Klinger zählt zu den prägenden Dramatikern des Sturm und Drang. Sein Schauspiel in fünf Akten gab der Epoche den Namen. Es war zunächst 1776 unter dem Titel Der Wirrwarr erschienen. Erst auf Vorschlag Christoph Kaufmanns erhielt es den letztlich epochestiftenden Titel Sturm und Drang. Weitere Werke der Geniezeit aus seiner Feder sind Die Zwillinge und Simsone Grisaldo. In ihnen knüpfte Klinger an dramaturgische Eigenheiten William Shakespeares und an philosophische Ansichten Jean-Jacques Rousseaus an. Die Stücke verbinden gesellschaftskritische Züge mit stark gefühlsbetonten, leidenschaftlichen Momenten.
Ab etwa 1778 verfasste Klinger – auch aus finanzieller Not – eine Reihe trivialer Romane und Dramen mit Bezügen zur Rokoko-Literatur. In seiner späteren Schaffensperiode ab etwa 1785 orientierte er sich an den Regeln des französischen Klassizismus. Er versuchte, sie mit den Idealen seiner Jugend zu versöhnen. Repräsentativ für diese Zeit sind die Dramen Konradin, Der Günstling, die beiden Medea-Dramen und Damokles von 1788.
Ab 1791 plante Klinger eine Dekade philosophischer Romane. Von ihnen wurden acht vollendet und einer als Bruchstück überliefert. Sie entstanden zwischen 1791 und 1798. Der bekannteste ist Faust's Leben, Thaten und Höllenfahrt. In diesen Romanen verbindet er zeitgenössische Tendenzen aus Literatur, Anthropologie und Philosophie. Er gilt damit als wichtiger Repräsentant der Spätaufklärung. In seiner Geschichts- und Gesellschaftsauffassung lehnt er sich besonders an Rousseau, daneben an Voltaire und Kant an. Den Abschluss seines Werks bilden die Betrachtungen und Gedanken über verschiedene Gegenstände der Welt und der Literatur, eine Sammlung von Aphorismen zu zeitaktuellen Fragen.
Rezeption↑
Klingers Zeitgenossen erkannten früh seine Wirkung. Friedrich Schiller nannte ihn als den Ersten, der unauslöschlich auf seinen Geist gewirkt habe. Auch spätere Generationen blieben nicht unberührt. Georg Büchner zeigte sich beeinflusst, und laut dem Germanisten Fritz Martini reichte Klingers Wirkung über Büchner schließlich bis zu Bertolt Brecht. Klingers Betrachtungen fanden sich noch in Brechts umfangreicher Privatbibliothek.
Eine eigene Rolle spielte Klinger in der Überlieferungsgeschichte Denis Diderots. Nach dessen Tod gelangte die Bibliothek an den Zarinnenhof, und Klinger fand dort das bislang in Frankreich unveröffentlichte Manuskript des Neveu de Rameau. Eine Abschrift bot er dem Rigaer Verleger Johann Friedrich Hartknoch an, der eine Veröffentlichung jedoch ablehnte. Mit Goethe nahm Klinger 1801 – nach der Deutschen Biographie durch einen Brief Goethes – beziehungsweise 1811 die alte Freundschaft wieder auf. Sie führten einen umfangreichen Briefwechsel. In Sankt Petersburg und Dorpat empfing er Besucher wie Fanny Tarnow, Johann Gottfried Seume und Ernst Moritz Arndt.
Arno Schmidt würdigte Klingers schriftstellerische Leistung in seiner Erzählung Brand's Haide. Er forderte dazu auf, seine Werke mit einer Unerbittlichkeit zu lesen, wie sie nur die Inquisition kannte. Der Germanist Pavel Reiman betrachtete Klinger als »einzigartiges Phänomen der Literaturgeschichte« und zählte ihn zu den größten Literaten der deutschen Nation, dessen Schaffen freilich über die Titel seiner Werke hinaus nur der gelehrten Welt vertraut sei. Tatsächlich besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen Klingers literarhistorischer Bedeutung und seiner heute fast vergessenen öffentlichen Wahrnehmung. Als Goethe die Nachricht von Klingers Tod erreichte, äußerte er sich – so überliefert – über den alten Freund. Klingers Großneffe Max Rieger, Philologe und Literarhistoriker, verfasste die erste Biographie seines berühmten Großonkels.
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