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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Heinrich von Kleist
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Porträt Heinrich von Kleist
Heinrich von Kleist
1777 – 1811
– Autorenporträt –

Heinrich von Kleist

1777 – 1811 · 34 Jahre

Dramatiker und Erzähler zwischen Klassik und Romantik, Schöpfer von „Michael Kohlhaas“ und „Käthchen von Heilbronn“ – ein Außenseiter, der 1811 am Kleinen Wannsee gemeinsam mit Henriette Vogel den Freitod wählte.

Kurzbiografie↑

Heinrich von Kleist war ein deutscher Dramatiker, Erzähler, Lyriker und Publizist. Er wurde am 18. Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder geboren und starb am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee bei Berlin. Im literarischen Leben seiner Zeit stand er als Außenseiter, jenseits der etablierten Lager der Weimarer Klassik und der Romantik. Berühmt wurde er vor allem durch das Ritterschauspiel Das Käthchen von Heilbronn, die Lustspiele Der zerbrochne Krug und Amphitryon und das Trauerspiel Penthesilea. Dazu kamen die Novellen Michael Kohlhaas und Die Marquise von O..... Sein Leben endete im Suizid, den er gemeinsam mit Henriette Vogel wählte. Sein Werk gehört heute zur klassisch-romantischen Epoche. Vielen dieser Werke wird, wie die Deutsche Biographie notiert, vielfach zeitlose Modernität zuerkannt.


Biografie↑

Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist wurde 1777 in Frankfurt an der Oder geboren. Nach eigener Angabe fiel sein Geburtstag auf den 10. Oktober, nach dem Kirchenbuch auf den 18. Oktober. Getauft wurde er am 27. Oktober. Er entstammte einer Familie des pommerschen Uradels. Diese Familie war dem preußischen Staat eng verbunden und hatte zahlreiche Generäle und Feldmarschälle hervorgebracht. Sein Vater Joachim Friedrich von Kleist diente als Stabskapitän in der Garnison Frankfurt, seine Mutter war Juliane Ulrike von Pannwitz. Der älteren Halbschwester Ulrike sollte Kleist später besonders nahestehen. Nach dem Tod des Vaters 1788 wurde er in Berlin in der Pension des reformierten Predigers Samuel Heinrich Catel erzogen. Dieser führte ihn vermutlich an die klassische Dichtung und die Aufklärungsphilosophie heran.

Im Juni 1792 trat Kleist getreu der Familientradition als Gefreiter-Korporal in das Garderegiment zu Potsdam ein. Er nahm am Rheinfeldzug gegen Frankreich und an der Belagerung von Mainz teil. 1795 wurde er Fähnrich, 1797 Leutnant. Schon früh wuchsen die Zweifel am Soldatenberuf. Privat betrieb er mit seinem Freund Rühle von Lilienstern mathematische und philosophische Studien. Im März 1799 erklärte er, den Militärdienst aufgeben zu wollen. Er wollte einen Lebensplan verwirklichen, der nicht auf Reichtum und Würden, sondern auf der Ausbildung des Geistes ruhte. Schon in der Tatsachenüberlieferung ist umstritten, ob Kleists Geburtstag auf den 10. oder den 18. Oktober fällt. In der Forschung umstritten ist überdies das Gewicht der sogenannten „Kant-Krise“. In der älteren Kleistforschung gilt sie als entscheidende Wende. Neuere Stimmen sehen darin eher eine nachträgliche philosophische Rechtfertigung einer Lebensphase, die von Zweifeln und Fehlentscheidungen geprägt war.

Im April 1799 nahm Kleist an der Universität Frankfurt an der Oder ein Studium auf. Er hörte Mathematik, Physik, Kulturgeschichte, Naturrecht, Latein und die Kameralwissenschaften. 1799 lernte er Wilhelmine von Zenge kennen und verlobte sich im Januar 1800 mit ihr. Schon nach drei Semestern brach er das Studium ab und trat als Volontär in das preußische Wirtschaftsministerium ein, denn die Familie der Braut verlangte ein Staatsamt. Im Sommer und Herbst 1800 reiste er in geheimer Mission nach Würzburg, möglicherweise als Wirtschaftsspion unter dem Decknamen Klingstedt. Eine Heirat kam nicht zustande.

Im Frühjahr 1801 brach Kleist zusammen mit seiner Schwester Ulrike nach Paris auf. Die Stadt enttäuschte ihn als „sittenlos“. Von Rousseau angeregt, träumte er von einem bäuerlichen Leben in der Schweiz. Ab April 1802 wohnte er auf der Scherzliginsel in der Aare bei Thun. Wilhelmine wollte ihm nicht als Bäuerin folgen. Daraufhin löste er noch im selben Jahr die Verlobung. Er arbeitete am Trauerspiel Die Familie Schroffenstein, am Robert Guiskard und am Lustspiel Der zerbrochne Krug. Kurz kehrte er nach Dresden zurück, wo er Friedrich de la Motte Fouqué begegnete. Dann reiste er erneut nach Paris. Dort verbrannte er die fertigen Teile des Guiskard und erwog, in französischen Diensten den Tod in der Schlacht zu suchen. Ein Bekannter überredete ihn zur Rückkehr nach Potsdam.

Zunächst war Kleist kurz im Finanzdepartement unter Karl Freiherr vom Stein zum Altenstein tätig. Ab Mai 1805 arbeitete er als Diätar in Königsberg und ließ sich bei Christian Jacob Kraus in Kameralistik ausbilden. Hier vollendete er den Zerbrochnen Krug und arbeitete an Amphitryon, Penthesilea, Michael Kohlhaas und am Erdbeben in Chili. Im August 1806 kündigte er gegenüber Rühle von Lilienstern an, künftig von „dramatischen Arbeiten“ leben zu wollen. Auf dem Weg nach Berlin wurde er im Januar 1807 von französischen Behörden als angeblicher Spion verhaftet. Man brachte ihn über das Fort de Joux nach Châlons-sur-Marne, wo er vermutlich die Marquise von O.... verfasste.

Nach seiner Freilassung ließ sich Kleist Ende August 1807 in Dresden nieder. Dort lernte er Christian Gottfried Körner, Ludwig Tieck, Gotthilf Heinrich von Schubert, Caspar David Friedrich, Adam Heinrich Müller und Friedrich Christoph Dahlmann kennen. Mit Müller gab er ab Januar 1808 die Zeitschrift „Phöbus“ heraus. Das erste Heft enthielt ein Fragment aus der Penthesilea und sandte er Goethe, der mit Verwunderung und Unverständnis reagierte. Im Dezember 1808 vollendete er unter dem Eindruck des spanischen und österreichischen Widerstands gegen Napoleon die Hermannsschlacht. Im Frühjahr 1809 reiste er mit Dahlmann über Prag bis Stockerau. Von Langenzersdorf aus beobachtete er den zweiten Tag der Schlacht bei Aspern. In Prag plante er eine Zeitschrift „Germania“, die durch die Kapitulation Österreichs nicht zustande kam.

Ende 1809 ließ sich Kleist in Berlin nieder. Dort schloss er Bekanntschaften mit Achim von Arnim, Clemens Brentano, Wilhelm Grimm, Karl August Varnhagen von Ense und Rahel Varnhagen. Im April 1810 erschien der erste Band seiner Erzählungen, im September Das Käthchen von Heilbronn. Dessen Aufführung lehnte der Berliner Theaterdirektor Iffland jedoch ab. Ab dem 1. Oktober 1810 gab Kleist die „Berliner Abendblätter“ heraus. In ihnen erschien unter anderem sein Aufsatz Über das Marionettentheater. Im Frühjahr 1811 musste die Zeitung wegen verschärfter Zensurbestimmungen eingestellt werden. Sein Prinz Friedrich von Homburg wurde von Friedrich Wilhelm III. bis 1814 mit einem Aufführungsverbot belegt. Eine Anstellung in der preußischen Verwaltung blieb aus. Bittbriefe an den König, den Prinzen von Preußen und Staatskanzler Hardenberg blieben unbeantwortet. Am 21. November 1811 erschoss Kleist am Stolper Loch, dem heutigen Kleinen Wannsee, zuerst die unheilbar krebskranke Henriette Vogel und dann sich selbst. Eine kirchliche Bestattung war wegen des Suizids unmöglich. So wurden beide an Ort und Stelle begraben.


Literarische Merkmale↑

Kleists Schreiben hat die Zeitgenossen vor allem durch seine Härte irritiert. Die Wikipedia spricht von der „Gewaltsamkeit der Bilder“, der „Maßlosigkeit der Gefühlsausbrüche“, der „Krassheit der Situationen“ und der „Missachtung schöner Konventionen“. Was viele abstieß, bildet zugleich die andere Seite seiner Sprache: die rhythmische Dynamik, die weiten dramatischen Spannungsbögen und eine sperrige poetische Schönheit. Solche Texte, heißt es, habe man noch nicht gelesen, solche Stücke noch nicht gesehen. Seine Analysen seien der Geschichte, seine Bilder und Formen der Literaturgeschichte voraus gewesen.

Ein durchgehendes Motiv ist die Familie. Schon das erste Drama, Die Familie Schroffenstein, ist als Familientragödie angelegt. Ein Erbvertrag zwischen zwei Häusern desselben Geschlechts vergiftet die Beziehungen, und aus Misstrauen entsteht Mord. Die Deutsche Biographie hebt hervor, dass auch der Findling, der Zweikampf und das Erdbeben in Chili um Familien kreisen. In ihnen scheitert das Vertrauen, und die Katastrophen treffen gerade die Unschuldigen. Im Erdbeben wird ein durch ein Wunder gerettetes Liebespaar von einer fanatischen Menge erschlagen. Nur das Kind überlebt und wird von einem fremden Bürger angenommen, als müsse Familie nicht in Blutsverwandtschaft bestehen.

Eine zweite, weniger sichtbare Spur in Kleists Werk ist die Mathematik. Sie galt ihm zeitlebens als die strengste aller Wissenschaften, als „Grundfeste alles Wissens“. Noch 1805 schrieb er an Ernst von Pfuel, ein Differential finden und einen Vers machen seien für ihn die beiden Enden der menschlichen Fähigkeit. Im späten Aufsatz über das Marionettentheater dienen Logarithmen, Asymptoten und Hyperbeln dem Vergleich. So entsteht eine eigentümliche Spannung zwischen einer auf Klarheit zielenden Verstandesschärfe und Stoffen, in denen Wahrnehmung, Recht und Gefühl ins Ungewisse kippen.


Rezeption↑

Schon Kleists erste Veröffentlichung, Die Familie Schroffenstein von 1802, fand neben Skepsis auch wohlwollende Stimmen. Ludwig Ferdinand Huber rezensierte das anonym erschienene Stück im März 1803. Er hoffte, „daß endlich doch wieder ein rüstiger Kämpfer um den poetischen Lorbeer aufstehe“. Auf den Bühnen blieb das Drama dennoch fast unbeachtet. Vier Jahre später erschien der Amphitryon, herausgegeben von Adam Müller. Er fand jedoch im Schatten von Napoleons Einzug in Berlin nur geringe Resonanz. Folgenreich war die Uraufführung des Zerbrochnen Krugs am Weimarer Hoftheater unter Goethe am 2. März 1808. Das Publikum empfand das Stück als langatmig und sperrig. Auf Goethes anspruchsvoller Reformbühne war Kleists Schicksal als zeitgenössischer Bühnenautor damit weitgehend besiegelt. Eine pantomimische Inszenierung der Penthesilea in Berlin 1811 fiel ebenfalls durch.

Eine Ausnahme bildete das Käthchen von Heilbronn. Seine Erfolgsgeschichte begann schon zu Lebzeiten mit einer Wiener Aufführung am 17. März 1810 und zog sich durch das gesamte 19. Jahrhundert. Ein Rezensent des „Morgenblattes für gebildete Stände“ fasste den Befund lakonisch zusammen: Das Käthchen werde sehr verschieden beurteilt, aber immer stark besucht. Kleist verbaute sich überdies durch gezielte Indiskretionen gegen August Wilhelm Iffland, den Generaldirektor der Königlichen Schauspiele, den Zugang zum Berliner Theater. Das hat sein Wirken am Theater zusätzlich erschwert.

Über Kleists Tod hinaus prägten der spektakuläre Suizid und postum abgedruckte, nicht autorisierte Goethe-Sentenzen das Bild des Dichters über Jahrzehnte hinweg negativ. Diese Sentenzen über die „nordische Schärfe des Hypochonders“ Kleist verbreitete Johann Daniel Falk. Erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzten nachhaltige Renaissancen ein. Nach der Reichsgründung 1871 wurde Kleist gleichermaßen als verkannter Vorbote der literarischen Moderne wie als Streiter der nationalistischen und chauvinistischen Strömungen des Deutschen Kaiserreichs vereinnahmt. In ihm wollte man, wie die Wikipedia formuliert, den „Propheten des werdenden Reiches“ erkennen. Diese Vereinnahmung setzte sich später in der NS-Kulturpolitik fort. Sie suchte die Hermannsschlacht und den Prinz Friedrich von Homburg in den Dienst des Führerkults zu stellen.

Parallel dazu wandten sich um die Jahrhundertwende junge Autoren der literarischen Moderne programmatisch Kleist zu, darunter Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind, Carl Sternheim und Georg Kaiser. Sie erkannten in ihm einen Wegbereiter experimenteller und subjektivierter Schreibweisen. Die Deutsche Biographie ordnet Kleist heute jenen Dichtern der klassisch-romantischen Epoche zu, denen vielfach zeitlose Modernität zuerkannt wird. Auch literarisch wirkt er bis in die Gegenwart fort. Christa Wolf lässt in Kein Ort. Nirgends Karoline von Günderrode und Heinrich von Kleist in einer fiktiven Begegnung in einem Landhaus am Rhein im Juni 1804 über ihre Dichtungen und ihre Außenseiterrolle sprechen.

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