1821
Die Hermannsschlacht
Überblick↑
Mit der Hermannsschlacht schrieb Heinrich von Kleist 1808 ein Drama in fünf Akten. Es reagierte unmittelbar auf die preußische Niederlage gegen Napoleon und die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches. Der Stoff erzählt vom Cheruskerfürsten Hermann, der die Römer im Teutoburger Wald besiegt. Bei Kleist wird er zum politischen Gleichnis: Mit dem antiken Stoff wollte er zum Aufstand gegen die französische Besatzung aufrufen. Gedruckt erschien das Stück erst 1821 in der von Ludwig Tieck herausgegebenen Werkausgabe. Die Uraufführung folgte 1839. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde es als patriotisches Drama gefeiert und im Nationalsozialismus instrumentalisiert. Diese schwere Hypothek belastet das Stück bis heute.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Hermann, der Fürst der Cherusker, steht zwischen zwei Mächten. Von Südosten her bedrängt ihn der Suebenfürst Marbod mit Tributforderungen. Von Westen rücken drei römische Legionen unter Feldherr Varus heran. Varus bietet Hermann scheinbar Beistand an, treibt in Wahrheit aber ein doppeltes Spiel. Die bei Hermann versammelten germanischen Fürsten drängen ihn zum offenen Krieg. Er aber lehnt mit Hinweis auf die militärische Unterlegenheit ab und scheint nachgiebig.
In Wahrheit verfolgt Hermann einen verborgenen Plan. Der römische Legat Ventidius bemüht sich am Hof um seine Frau Thusnelda und schneidet heimlich eine Locke ihres blonden Haares ab. Hermann knüpft derweil hinter den Kulissen eigene Fäden. Er nimmt das ultimative Hilfsangebot der Römer zum Schein an und sucht zugleich die Verständigung mit Marbod. Als die Legionen ins Land einmarschieren und die Bevölkerung leiden machen, beginnt Hermann, den Hass im Volk gezielt zu schüren. In Teutoburg trifft er auf Varus. Und der Römer lässt sich täuschen.
Das Drama führt von hier in den Teutoburger Wald. Dort entscheidet sich das Schicksal der Legionen.
Die Handlung im Detail↑
Hermann, der Fürst der Cherusker, sieht sich von zwei Seiten bedrängt. Der Suebenfürst Marbod steht im Südosten und fordert Tribut, der römische Feldherr Varus rückt mit drei Legionen aus dem Westen heran und bietet seine Hilfe gegen Marbod an. Insgeheim aber hat Varus auch Marbod angeboten, gemeinsam gegen Hermann vorzugehen. Die bei Hermann versammelten germanischen Fürsten drängen zum Krieg gegen die Römer; Hermann weist sie auf die militärische Unterlegenheit der Germanen hin und lehnt zunächst ab.
Am Hof umwirbt der römische Legat Ventidius Hermanns Frau Thusnelda und schneidet ihr heimlich eine Locke ihres blonden Haares ab. Ventidius überbringt zugleich ein ultimatives Hilfsangebot der Römer. Hermann nimmt es zum Schein an, setzt sich aber gleichzeitig mit Marbod in Verbindung: Er unterrichtet ihn vom doppelten Spiel des Varus und bietet ihm an, mit ihm gemeinsam in den Kampf zu ziehen.
Die Römer marschieren ins Land der Cherusker ein und verwüsten es. Hermann nutzt ihr Verhalten, um den Hass im Volk gegen sie zu schüren. In Teutoburg trifft er Varus, der sich von ihm täuschen lässt. Marbod zögert zunächst, sich mit den Cheruskern zu verbünden. Zwei Dinge geben den Ausschlag: die Flucht seiner römischen Berater und Hermanns Treuebeweis, der Marbod das Leben seiner beiden Söhne in die Hand legt. Die Vergewaltigung eines germanischen Mädchens nimmt Hermann zum Anlass, das Volk zum Aufstand gegen die Römer aufzurufen. Thusnelda zeigt er einen Brief des Ventidius, in dem dieser seiner Kaiserin Livia die blonden Haare Thusneldas verspricht.
Die Römer irren durch den Teutoburger Wald, von ihren germanischen Verbündeten verlassen. Thusnelda rächt sich an Ventidius, indem sie ihn in das Gehege einer Bärin lockt, die ihn zerfleischt. In der Schlacht im Teutoburger Wald werden die römischen Legionen geschlagen, Feldherr Varus fällt. Die Fürsten erheben Hermann zum König, und man fasst den Entschluss, den Krieg nach Rom selbst zu tragen.
Stil↑
Das Stück ist ein Drama in fünf Akten und steht damit in der klassischen Form der Tragödie. Kleist verlegt einen antiken Stoff in die Gegenwart seines Publikums: die Schlacht im Teutoburger Wald des Jahres 9 nach Christus. Die Römer sind zugleich die Franzosen Napoleons. Die germanischen Fürsten sind die deutschen Landesherren, deren Uneinigkeit Kleist anklagt. Diese doppelte Lesbarkeit prägt jede Szene. Die Sprache ist geladen mit Pathos und Härte, oft schroff, oft polemisch zugespitzt. Hermann selbst ist keine reine Heldenfigur. Er lügt, manipuliert, schürt Hass mit kühler Berechnung und opfert Menschenleben für sein Ziel. Kleist scheut auch das Drastische nicht: die Vergewaltigung, den Brief mit der versprochenen Haarlocke, die Bärin, die Ventidius zerfleischt. An jeder Idealisierung reibt er sich. Aus dem klassizistischen Gerüst des Fünfakters bricht damit ein Stück hervor, das in seiner Mischung aus Kalkül, Grausamkeit und politischer Wut für seine Zeit ohne Vergleich ist.
Rezeption↑
Kleist sandte das Stück 1809 an den befreundeten Dichter Heinrich Joseph von Collin. Er bat ihn, es dem Wiener Burgtheater vorzuschlagen. Nach der Niederlage Österreichs gegen Frankreich in der Schlacht bei Wagram im Juli 1809 entfiel auch Wien als Aufführungsort. In Preußen kursierte das Stück zunächst nur in Abschriften. Ein Teilabdruck des fünften Akts erschien 1818 in der Zeitschrift Zeitschwingen. Der vollständige Text folgte 1821 in der von Ludwig Tieck herausgegebenen Gesamtausgabe von Kleists Werken. Die Uraufführung fand erst 1839 in Pyrmont statt, durch das Detmolder Hoftheater unter Leitung von August Pichler.
In der Restaurationszeit nach dem Wiener Kongress war die politische Lage einer Aufführung nicht günstig. Erst nach der Revolution von 1848 erkannten Autoren wie Gervinus und Heinrich von Treitschke im Stück Bezüge zu ihren eigenen nationalstaatlichen Vorstellungen. 1860 brachte Feodor Wehl eine bearbeitete Fassung in Breslau auf die Bühne, ohne größeren Erfolg. Weitere Aufführungen dieser Fassung folgten 1861 in Dresden, Leipzig, Hamburg, Stuttgart und Graz. Auch die Festaufführungen zum fünfzigjährigen Jubiläum der Völkerschlacht 1863 in Karlsruhe und Kassel blieben erfolglos. Eine Textfassung von Rudolf Genée entstand 1871 nach dem Krieg gegen Frankreich und wurde zuerst in München gespielt. Erst die Inszenierungen des Berliner Schauspielhauses und des Meininger Hoftheaters 1875 verschafften dem Stück endgültig Resonanz beim Publikum.
Die Meininger Inszenierung griff auf den Originaltext zurück und wirkte durch ihr Ensemblespiel und ihre Massenszenen stilbildend. Insgesamt gab es 103 Gastspiele an 16 deutschsprachigen Bühnen. Die letzte Tournee führte 1890 bis nach St. Petersburg, Moskau und Odessa. In Meiningen selbst fanden 36 Aufführungen statt. Spätestens mit der Berliner Aufführung von 1912 zum hundertjährigen Jahrestag der Befreiungskriege galt das Stück als patriotisches Drama; an deren Premiere nahm auch die kaiserliche Familie teil. Im Ersten Weltkrieg wurden Vorstellungen durch aktuelle Meldungen von der Westfront unterbrochen. Im Nationalsozialismus erreichte die politische Vereinnahmung ihren Höhepunkt. Allein für die Spielzeit 1933/34 sind 146 Aufführungen nachweisbar. Nach 1945 wurde das Stück deshalb nur noch selten gespielt. Eine Ausnahme bildete 1957 eine Inszenierung am Harzer Bergtheater Thale in der DDR, die das Stück gegen die USA und ihre westlichen Verbündeten wandte. Claus Peymann rückte 1982 am Schauspielhaus Bochum die Nebenhandlung in den Vordergrund, mit Kirsten Dene als Thusnelda und Gert Voss als Hermann. Er sah im Drama das Modell eines Befreiungskrieges mit all seinen Widersprüchen.
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