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Werkseintrag · Der zerbrochne Krug
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Der zerbrochne Krug
1808
– Werkseintrag –

Der zerbrochne Krug

1808 · Komödie

Ein Dorfrichter muss über ein nächtliches Vergehen urteilen, das er selbst begangen hat: Kleists berühmtes Lustspiel verwandelt eine Gerichtsverhandlung in eine atemberaubende Komödie der Selbstentlarvung.

Überblick↑

Mit dem Lustspiel Der zerbrochne Krug hat Heinrich von Kleist eine der bekanntesten Komödien der deutschen Literatur geschaffen. Das Stück erschien 1811 im Druck und ist in Blankversen verfasst. Seither gehört es zum festen Kanon der deutschen Literatur. Bis heute ist es weit verbreitete Schullektüre. Mehrfach hat es als Vorlage für Opern und Filme gedient.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Schauplatz ist die Gerichtsstube des Dorfs Huisum in der niederländischen Provinz Utrecht, um das Jahr 1685. Frau Marthe Rull erscheint vor dem Dorfrichter Adam und klagt. Ihr schöner Krug ist zerbrochen, und sie beschuldigt den jungen Ruprecht, den Verlobten ihrer Tochter Eve. Ruprecht aber beteuert, ein Fremder sei am vorigen Abend in Eves Kammer gewesen. Im Davonlaufen habe dieser den Krug vom Fensterbrett gestoßen.

Schon vor Beginn der Verhandlung wird klar, dass Richter Adam selbst nicht ohne Sorgen ist. Die frischen Wunden am Kopf hat er sich angeblich beim Sturz gegen den Ofen geholt. Seinem Schreiber Licht erscheint die Erklärung wenig glaubhaft. Zudem hat sich aus Utrecht der Gerichtsrat Walter angesagt, der die Amtsführung der ländlichen Gerichte überprüfen soll. Walter besteht darauf, der Verhandlung beizuwohnen.

So beginnt ein Prozess, in dem Klägerin, Beklagter und Zeugen einander widersprechen. Der Richter legt eine eigentümlich verworrene Verhandlungsführung an den Tag. Stück für Stück kommt mehr heraus, als allen Beteiligten lieb ist. Hinter dem zerbrochenen Krug verbirgt sich eine zweite, viel ernstere Geschichte. Sie gefährdet das Glück eines jungen Paares.

Die Handlung im Detail↑

Das Stück beginnt am Morgen eines Gerichtstags. Gerichtsschreiber Licht überrascht Richter Adam beim Verbinden frischer Wunden. Adam behauptet, beim Aufstehen gestrauchelt und gegen den Ofen gefallen zu sein. Licht gibt sich vordergründig zufrieden, lässt aber durchblicken, dass er eher an ein erotisches Abenteuer seines Vorgesetzten glaubt, bei dem ihm ein kräftiger Nebenbuhler in die Quere gekommen sei.

Da wird Gerichtsrat Walter aus Utrecht angemeldet. Er ist geschickt worden, um Gerichtskassen und Akten zu prüfen. Adam gerät in Panik, zumal seine richterliche Perücke verschwunden ist und kein Ersatz zur Hand. Obendrein ist Gerichtstag, Klägerin, Beklagter und Zeugen warten schon vor der Tür. Adam ahnt, weshalb sie gekommen sind, denn er hatte einen furchtbaren Traum: Ein Kläger habe ihn ergriffen und vor den Richtstuhl geschleppt, und er selbst, gleichzeitig auf dem Richtstuhl sitzend, habe sich heruntergeschimpft und sich den Hals ins Eisen verurteilt. Walter trifft ein und verlangt, der Verhandlung beizuwohnen; die Prüfung der Akten werde später erfolgen.

So muss Adam, ähnlich dem antiken König Ödipus, über eine Tat richten, die er selbst begangen hat. Anders als der antike Held weiß er das von vornherein. Er tut alles, um die Aufklärung zu verhindern, beeinflusst die Zeugen mit Drohungen und süßen Worten, schlängelt sich, lenkt den Verdacht auf andere und ersinnt immer neue Ausflüchte. Diese vor Angst schwitzende Komik ist das Herz des Stücks. Doch Walter und Licht durchschauen ihn nach und nach. Walter geht es um die Reform der Rechtspflege auf dem Lande, Licht möchte selbst gern Dorfrichter werden.

Schritt für Schritt enthüllt sich der wahre Hergang. Der Unbekannte, der am Vorabend hastig durch Eves Schlafkammerfenster entwich und dabei den Krug vom Sims stieß, war Richter Adam selbst. Weder Ruprecht noch dessen vermeintlicher Nebenbuhler Lebrecht, schon gar nicht der Teufel, wie die Zeugin Frau Brigitte steif und fest behauptet, die im Schnee eine merkwürdige Spur entdeckt hat: rechts ein ordentlicher Menschenfuß, links ein klotziger Pferdefuß. Adam greift diese Aussage begeistert auf und führt sogar an, kein Atheist habe je den Teufel widerlegt.

Doch die Indizien sprechen eine deutlichere Sprache. Da sind die beiden Kopfwunden, die Adam davontrug, als Ruprecht dem unerkannt Flüchtenden zweimal die Türklinke über den Kopf hieb, nachdem er die Tür eingetreten und die Kammer gestürmt hatte. Da ist Adams Klumpfuß, der die seltsame Spur im Schnee vom Tatort quer durchs Dorf bis zu seiner Wohnung auf natürliche Weise erklärt. Und schließlich legt Frau Brigitte triumphierend die verschwundene Richterperücke auf den Tisch: Sie ist im Weinspalier unter Eves Kammerfenster hängengeblieben.

Walter rät dem Richter, abzutreten, die Würde des Gerichts stehe auf dem Spiel. Adam aber will nicht hören. Im ausbrechenden Tumult verurteilt er Ruprecht wegen Ungebühr, den Hals ins Eisen zu legen, worauf Ruprecht, angefeuert von Eve, Hand an ihn legt. Adam entschlüpft und flüchtet aus der Stube.

Erst jetzt kommt die volle Wahrheit ans Licht. Adam hatte Eve vorgelogen, ihrem Verlobten drohe der Militärdienst in Ostindien, von wo bekanntlich nur einer von drei Männern zurückkehre. Mit dieser Angst hatte er ihr ein angeblich rettendes Krankheitszeugnis aufgedrängt und sich zur Nachtzeit in ihr Zimmer geschlichen, um sich für das Attest Schändliches zu erbitten. Aus Furcht, der Erpresser könne ihr den Verlobten entreißen, hatte Eve lange geschwiegen. Zum Äußersten ist es, auch dank Ruprechts Eingreifen, vermutlich nicht gekommen.

Ruprecht steht beschämt vor seiner Verlobten und bittet sie um Verzeihung dafür, dass er sie als Metze beschimpft hat. Schon vor Adams Einmischung lag ein Schatten von Eifersucht über der Beziehung. Ruprecht hatte am Abend vor der Verhandlung einen Schleichweg zu Eve gewählt, weil er sie nicht allein vorzufinden fürchtete, hatte sich hinter einem Taxus versteckt und ein vertrautes Flüstern belauscht. Die beiden versöhnen sich, Eve gibt Ruprecht einen Kuss. Die Hochzeit kann stattfinden, Walter hat etwas zur Verbesserung der Rechtspflege getan, der ehrgeizige Licht wird neuer Dorfrichter, den alten Adam erwartet eine Strafe. Nur der Krug wird davon nicht mehr heil, zum Verdruss von Frau Marthe, der Klägerin. Sie hatte ihren Sohn so eifrig der Tat bezichtigt, weil ein anderer als der Verlobte in Eves Schlafkammer den guten Ruf des Hauses zerstört hätte. Immerhin hat sie zum Auftakt der Verhandlung den Krug samt der darauf abgebildeten Geschichte der Niederlande episch breit beschrieben und ihn so wenigstens in Worten verewigt.

Stil↑

Kleist hat sein Lustspiel in Blankversen verfasst, also in fünfhebigen, ungereimten Jamben. Diese Versform war seit Lessing und Schiller die hohe Form des deutschen Dramas. Die Komödie eines zerbrochenen Tonkrugs in einem niederländischen Dorf in jener gehobenen Versform zu erzählen, ist Teil des Witzes. Die Sprache schwankt zwischen ländlicher Derbheit und kunstvoller Rhetorik. Sie schwankt zwischen dem stockenden Lügen des Richters und dem epischen Ausbreiten, mit dem Frau Marthe ihren Krug verewigt.

Tragender Kunstgriff ist die analytische Bauweise. Die Tat liegt vor Beginn der Handlung, das Stück selbst ist die Aufdeckung. Wie in Sophokles' König Ödipus zwingt sich der Schuldige unwissentlich oder vielmehr wissentlich selbst zum Urteil über sich. Kleist macht das in seinen Anspielungen offen kenntlich. Die Komik entspringt vor allem dem Doppelspiel des Richters. Er leitet die Verhandlung und muss zugleich den Täter schützen, der er selbst ist. Seine Drehungen und Windungen, seine immer neuen Ausflüchte und seine in Panik aufblühende Phantasie machen ihn bei allem moralischen Verfall stellenweise fast sympathisch.

Rezeption↑

Bis heute zählt Der zerbrochne Krug zu den meistgespielten deutschsprachigen Komödien und gehört zum Kanon der deutschen Literatur. Als Schullektüre erreicht das Stück seit Generationen ein breites Publikum. Die Figur des Dorfrichters Adam ist eine der bekanntesten komischen Gestalten der deutschen Bühne geworden.

Die Wirkungsgeschichte zeigt sich vor allem in der Vielzahl der Bearbeitungen. 1937 verfilmte Emil Jannings den Stoff in einer berühmt gewordenen Hauptrolle. 1969 entstand die DEFA-Variation Jungfer, Sie gefällt mir unter der Regie von Günter Reisch. 1990 brachte Dieter Dorn einen Fernsehfilm heraus. Aufsehen erregten auch Theaterproduktionen von Leopold Lindtberg und Heinz Hilpert. Mehrere dramatisch-musikalische Werke haben den Stoff für die Opernbühne aufgegriffen.

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