1810
Michael Kohlhaas
Überblick↑
Die Novelle Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist erschien zunächst als Fragment 1808 in Kleists Literaturzeitschrift „Phöbus". Vollständig veröffentlicht wurde sie 1810 im ersten Band seiner Erzählungen. Sie spielt in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Sie schildert das Schicksal eines angesehenen Pferdehändlers, der nach einem erlittenen Unrecht zur Selbstjustiz greift. Sein Wahlspruch lautet sinngemäß: Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde. Ernst Bloch nannte Kohlhaas den „Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität". Historisches Vorbild ist der brandenburgische Kaufmann Hans Kohlhase. Die Erzählung gehört zu den bekanntesten deutschen Novellen. Sie wurde vielfach für Bühne und Film bearbeitet, unter anderem 1969 von Volker Schlöndorff und 2013 von Arnaud des Pallières.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Michael Kohlhaas, ein angesehener Rosshändler aus dem Brandenburgischen, reist mit Pferden zum Verkauf nach Sachsen. An der Burg des Junkers Wenzel von Tronka wird er mit der willkürlichen Forderung nach einem Passierschein aufgehalten. Zwei seiner Rappen muss er als Pfand zurücklassen. In Dresden stellt er fest, dass es einen solchen Passierschein gar nicht gibt. Bei seiner Rückkehr findet er die Pferde durch harte Feldarbeit abgemagert und seinen Knecht Herse schwer misshandelt vor.
Kohlhaas reicht beim Kurfürsten von Sachsen Klage ein. Doch der einflussreiche Familienverband der Tronkas sorgt dafür, dass sie abgewiesen wird. Jeder weitere Versuch, Recht zu bekommen, endet mit Beschimpfungen und Drohungen. Auch der Einsatz seiner Frau führt in eine Katastrophe. Aus dem ehrbaren Bürger wird ein Mann, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt. Er stellt ein Heer auf und zieht brandschatzend durch das Land, um den Junker zu fassen. Sogar Martin Luther tritt auf den Plan und versucht, den Aufrührer zur Vernunft zu bringen. Die Erzählung führt ihren Helden vor immer höhere Instanzen, bis Kurfürsten, der Kaiser in Wien und der König von Polen in seinen Fall verwickelt sind.
Die Handlung im Detail↑
Im Brandenburgischen lebt der angesehene Rosshändler Michael Kohlhaas. Mit Reitpferden zum Verkauf bricht er nach Sachsen auf und wird unterwegs an der Burg des Junkers Wenzel von Tronka aufgehalten. Man verlangt einen Passierschein, den er nicht hat. Zwei Rappen muss er als Pfand zurücklassen. In Dresden erfährt er, dass es einen solchen Schein gar nicht gibt. Als er zur Tronkenburg zurückkehrt, sind die Pferde durch harte Feldarbeit abgemagert und entwertet, sein Knecht Herse von den Bediensteten brutal misshandelt. Schwer verletzt hat sich Herse bis Kohlhasenbrück durchgeschlagen und berichtet seinem Herrn ausführlich, was ihm und den Rappen widerfahren ist.
Kohlhaas reicht beim Kurfürsten von Sachsen Klage ein, die auf Drängen der Familie von Tronka abgewiesen wird. Weitere Versuche enden mit Beschimpfungen und Drohungen. Schließlich will seine Frau die Beschwerde beim brandenburgischen Kurfürsten persönlich anbringen, wird aber beim Versuch, zu ihm vorzudringen, von einem Büttel so schwer verletzt, dass sie stirbt.
Nach diesem Verlust beginnt Kohlhaas einen Rachefeldzug. Er will nicht in einem Land leben, „in welchem man mich in meinen Rechten nicht schützen will. Lieber ein Hund sein, wenn ich von Füßen getreten werden soll, als ein Mensch!" Er überfällt die Tronkenburg, tötet alle Bewohner und verfolgt den entkommenen Junker mit einem wachsenden Heerhaufen bis zum Klosterstift Erlabrunn und weiter nach Wittenberg, das er mehrmals in Brand setzt. Einem Gerücht nach lässt er auch Leipzig anzünden. Schließlich kommt es zu einem Gespräch mit Martin Luther, der Kohlhaas zuvor öffentlich verurteilt hat. Nachdem dieser ihm seine Lage geschildert hat, erwirkt Luther durch eine Bittschrift freies Geleit nach Dresden, damit die Klage erneut vor Gericht gebracht werden kann.
In Dresden lebt Kohlhaas zunächst unbehelligt. Inzwischen sammeln sich versprengte Reste seines aufgelösten Haufens und ziehen raubend und plündernd durch das Land. Ihr Anführer ist Johann Nagelschmidt, der sich als Statthalter und Vertrauter von Kohlhaas ausgibt. Tatsächlich hatte Kohlhaas ihn wegen Gräueltaten hängen lassen wollen und nur die Amnestie rettete ihm das Leben. Kohlhaas kann den Verdacht, mit Nagelschmidt gemeinsame Sache zu machen, zunächst entkräften, bemerkt aber bald, dass sein Haus von Wachen umstellt ist und er unter Hausarrest steht. Da erreicht ihn ein Bote mit einem Brief Nagelschmidts, den der Kurfürst selbst geschickt hat, um den Verdacht zu prüfen. Nagelschmidt will Kohlhaas aus Dresden befreien und bietet ihm das Kommando über den bedrängten Haufen an. Kohlhaas nimmt das Angebot zum Schein an, in Wahrheit nur, um zu entkommen und sich „nach der Levante oder Ostindien" einzuschiffen. Die Behörden fangen Botschaft und Antwort ab. Das liefert den Grund für seine Verhaftung.
Zur selben Zeit ersucht der König von Polen, im Streit mit Sachsen, den Kurfürsten von Brandenburg um ein gemeinsames Vorgehen. Daraufhin betreibt der brandenburgische Kurfürst die Sache von Kohlhaas und bietet ihm einen fairen Prozess in Berlin an. Dieser führt tatsächlich zur Verurteilung des Junkers von Tronka auf Schadensersatz, zugleich aber wird Kohlhaas wegen Landfriedensbruchs zum Tode verurteilt.
Kurz vor der Hinrichtung erfährt der Kurfürst von Sachsen, dass Kohlhaas eine Prophezeiung einer Zigeunerin in einer Kapsel an der Brust trägt, deren Inhalt er selbst nicht kennt. Die Wahrsagerin hatte ihm bei der Übergabe gesagt, der Zettel werde sein Leben schützen. Er nennt den Namen des letzten Herrschers aus dem Hause des sächsischen Kurfürsten, das Datum, an dem er sein Reich verlieren werde, und den Namen dessen, durch den das Reich enden werde. Alle Versuche des Sachsen, die Kapsel an sich zu bringen, scheitern. Seine Bemühungen, Kohlhaas vom brandenburgischen Kurfürsten begnadigen zu lassen, laufen ins Leere, weil er selbst zuvor den Kaiser in Wien um Beistand gebeten hatte, der nun den Landfriedensbruch durch seinen Ankläger in Berlin aufs Schärfste verfolgen lässt.
Auf dem Schafott nimmt sich Kohlhaas vor den Augen des inkognito anwesenden, aber von ihm erkannten sächsischen Kurfürsten die Kapsel ab, liest den Inhalt und verschluckt den Zettel. Der Kurfürst erleidet einen Nervenzusammenbruch. Der brandenburgische Kurfürst und Kohlhaas selbst sind völlig mit sich im Reinen, denn die Gerechtigkeit ist wiederhergestellt. Kohlhaas erblickt noch die vom Junker dickgefütterten Rappen und vermacht sie seinen beiden ältesten Söhnen. Er ist einverstanden damit, für seinen Rachefeldzug, der auch Unschuldige das Leben gekostet hat, auf das Schafott zu gehen.
Stil↑
Kleist erzählt die Geschichte in nüchterner, chronistisch wirkender Prosa, die an alte Rechtsberichte erinnert. Die Sätze sind oft lang, kunstvoll ineinandergeschachtelt und mit Nebenbemerkungen, Konjunktiven und Einschüben durchsetzt. Dabei halten sie stets einen sachlichen Ton. Diese Sprache lässt die ungeheuerlichen Ereignisse umso schärfer hervortreten, denn der Erzähler enthält sich des Kommentars und lässt die Tatsachen für sich sprechen. Die Novelle setzt nahe am Auslöser ein und schreitet konsequent auf die Katastrophe zu. Zugleich überrascht sie durch wiederholte Wendungen, die den Helden immer wieder in neue Verstrickungen treiben. Im Inneren der Erzählung steht der Konflikt zwischen verschiedenen Rechtsauffassungen. Kohlhaas folgt einem Naturrecht, das bereits an aufklärerische Philosophen wie John Locke erinnert. Die feudale Ordnung um ihn herum setzt dagegen auf Stand und Privileg.
Rezeption↑
Die Novelle Michael Kohlhaas gehört zu den meistgelesenen und meistgedeuteten Werken der deutschen Literatur. Über zwei Jahrhunderte hinweg hat sie Theater, Film und Roman beschäftigt. Schon Clemens Brentano griff den Stoff früh wieder auf, etwa in seiner Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl von 1817. Ernst Bloch prägte die berühmte Formel vom „Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität" und las die Novelle als Spiegel des bürgerlichen Rechtskampfes. Im 20. und 21. Jahrhundert wurde die Erzählung mehrfach verfilmt. Am bekanntesten ist die Verfilmung von 1969 durch Volker Schlöndorff unter dem Titel Michael Kohlhaas – der Rebell. Es folgten 1999 die amerikanische Fernsehadaption Reiter auf verbrannter Erde von John Badham und 2013 die französische Fassung von Arnaud des Pallières. Bis heute steht der Name Kohlhaas im deutschen Sprachgebrauch für den Rechtsfanatiker, der über jeder Vernunft auf seinem Anspruch beharrt.
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