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Metamorphosen
– Werkseintrag –

Metamorphosen

· Epik

In fünfzehn Büchern und rund 250 Sagen verwandeln sich Menschen und Götter in Bäume, Tiere und Sterne – ein antikes Weltgedicht vom ewigen Wandel aller Dinge.

Überblick

Das mythologische Epos Metamorphosen des römischen Dichters Ovid entstand vermutlich zwischen dem Jahr 1 und 8 n. Chr. In fünfzehn Büchern und rund 250 Einzelsagen erzählt es die Geschichte der Welt von ihren Anfängen bis in Ovids eigene Zeit. Der lateinische Titel bedeutet „Verwandlungen". Das verbindende Motiv ist die Metamorphose: Ein Mensch oder ein niederer Gott wird in eine Pflanze, ein Tier oder ein Sternbild verwandelt. Geschrieben in Hexametern, gehört das Werk seit seinem Erscheinen zu den bekanntesten Mythendichtungen überhaupt. Sein Einfluss auf die Literatur und die bildende Kunst der folgenden Jahrhunderte ist gewaltig. Wegen seiner besonderen Mischung aus epischer Form, stofflicher Vielfalt und dichterischer Eleganz gilt es als Epos „von ganz eigener Art".

Inhalt (ohne Spoiler)

Am Anfang kündigt der Dichter in einem kurzen Vorwort sein Vorhaben an: von den Verwandlungen der Gestalten zu singen. Danach setzt die Erzählung bei der Entstehung der Welt aus dem Chaos ein und schreitet in lockerer Folge durch die griechische und römische Sagenwelt. Die einzelnen Geschichten bilden keine geschlossene Handlung. Sie sind durch kunstvolle Überleitungen aneinandergefügt, sodass eine Sage in die nächste übergeht.

Immer wieder geht es um dasselbe Grundmotiv: die Verwandlung. Menschen und Götter werden zu Pflanzen, Tieren, Steinen oder Sternen. Viele der bekanntesten Sagen der Antike finden sich hier. Die Nymphe Daphne wird auf der Flucht vor Apollo zum Lorbeerbaum. Der schöne Narziss verliebt sich in sein eigenes Spiegelbild. Der Bildhauer Pygmalion sieht seine Statue lebendig werden. Der Sänger Orpheus will seine tote Frau aus der Unterwelt zurückholen. Je nach Stoff wechselt der Ton zwischen zärtlich, tragisch, heiter und schaurig.

Ovid gliedert die fünfzehn Bücher in drei Gruppen zu je fünf. Gegen Ende jeder Gruppe tritt eine Künstler- oder Rednerfigur auf, die selbst eine lange Geschichte vorträgt. So entsteht ein weit gespannter Bogen, der von den Urzeiten der Welt allmählich in die geschichtliche Zeit Roms führt.

Die Handlung im Detail

Nach dem Götteranruf schildert Ovid, wie aus dem ungeordneten Chaos die Welt entsteht und sich in Himmel, Meer und Erde gliedert. Es folgen die vier Weltzeitalter vom goldenen bis zum eisernen, der Frevel der Giganten und eine große Flut, die das Menschengeschlecht vernichtet. Nur Deukalion und Pyrrha überleben und erschaffen aus Steinen ein neues Geschlecht. Schon im ersten Buch stehen berühmte Verwandlungen: Die Nymphe Daphne entzieht sich dem verliebten Apollo, indem sie zum Lorbeerbaum wird, und das Mädchen Io wird in eine Kuh verwandelt. Das zweite Buch erzählt vom Sturz des Sonnenwagens durch Phaethon und vom Raub der Europa durch Jupiter, der sich in einen Stier verwandelt hat.

Das dritte Buch ist der Stadt Theben und dem Geschlecht des Kadmos gewidmet. Der Jäger Actaeon wird zur Strafe in einen Hirsch verwandelt und von den eigenen Hunden zerrissen. Der schöne Narziss verliebt sich in sein Spiegelbild und vergeht, während die Nymphe Echo zur bloßen Stimme wird. Im vierten Buch stehen die unglücklichen Liebenden Pyramus und Thisbe sowie die Taten des Perseus, der das Ungeheuer Medusa enthauptet und die gefesselte Andromeda befreit. Die erste Fünfergruppe schließt mit dem Raub der Proserpina durch den Unterweltgott und einem langen Lied der Muse Kalliope.

Die zweite Gruppe beginnt mit dem Wettstreit der Weberin Arachne gegen die Göttin Minerva; Arachne wird zur Spinne. Es folgen die stolze Niobe, deren Kinder getötet werden und die selbst zu Stein erstarrt, und die grausame Geschichte von Tereus, Procne und Philomela. Das siebte und achte Buch erzählen von der Zauberin Medea, vom kühnen Flug des Dädalus und dem Sturz seines Sohnes Icarus, von der Jagd auf den kalydonischen Eber und vom frommen alten Paar Philemon und Baucis, das die Götter bewirtet und dafür belohnt wird. Im zehnten Buch singt der Sänger Orpheus, nachdem er seine Frau Eurydice ein zweites Mal verloren hat. Er erzählt von Pygmalion, dessen Statue zur lebenden Frau wird, von Myrrha und von der Liebe der Venus zu Adonis.

Die dritte Gruppe setzt mit dem Tod des Orpheus ein, den rasende Mänaden zerreißen. Der König Midas erhält den unglückseligen Wunsch, dass alles zu Gold werde, was er berührt. Ausführlich wird die Ehe von Ceyx und Alcyone erzählt, die am Ende beide in Vögel verwandelt werden. Mit dem trojanischen Krieg rückt die Erzählung in die Nähe der Geschichte: Ovid schildert den Streit zwischen Aias und Odysseus um die Waffen des toten Achill und den Fall Trojas. Danach folgt die Irrfahrt des Aeneas nach Italien.

Im fünfzehnten Buch hält der Philosoph Pythagoras eine lange Rede über den ewigen Wandel aller Dinge und die Wanderung der Seelen. Dieser Gedanke deutet das ganze Werk. Zuletzt wendet sich die Erzählung dem Rom der Gegenwart zu. Die Seele des ermordeten Julius Caesar wird in einen Stern verwandelt und an den Himmel versetzt. Ovid schließt mit einem Lob des Kaisers Augustus und einem Epilog, in dem der Dichter selbst das letzte Wort behält.

Stil

Durchgehend ist das Gedicht im Hexameter verfasst, dem klassischen Versmaß des antiken Epos. Ovids Kunst zeigt sich vor allem in der erzählerischen Abwechslung. Je nach Stoff schlägt er andere Töne an: mal zärtlich und elegisch, mal tragisch, mal heiter oder komisch, bisweilen sogar grotesk und schaurig. Diese Vielfalt sprengt den festen Rahmen des Heldenepos. Deshalb bezeichnet man die Metamorphosen als Epos „von ganz eigener Art".

Die einzelnen Sagen sind durch geschickte Überleitungen verbunden, sodass ein ununterbrochener Erzählstrom entsteht, obwohl die Stoffe oft nichts miteinander zu tun haben. Der Aufbau folgt keinem einzigen strengen Plan, sondern mehreren zugleich; man hat ihn deshalb symphonisch genannt. Häufig wird eine Geschichte in eine andere eingelegt, und diese enthält wiederum eine weitere. So entsteht gleichsam ein Bild im Bild. Manche Motive kehren über weite Strecken hinweg wieder und verklammern die Bücher untereinander.

Rezeption

Kaum ein anderes Werk der Antike hat so nachhaltig gewirkt. Schon die römischen Epiker Lucan, Statius und Valerius Flaccus nahmen Ovids Stil auf. Seneca der Ältere zitierte die Verse in seinen Übungsreden, und der Rhetoriklehrer Quintilian besprach sie in seinem Lehrbuch der Redekunst. Im Mittelalter zählte das Gedicht zu den am besten bekannten Dichtungen überhaupt. Um 1210 entstand mit der Fassung Albrechts von Halberstadt eine frühe deutschsprachige Übersetzung. Christliche Gelehrte deuteten die heidnischen Sagen um, etwa im Ovidius moralizatus (um 1340). Geoffrey Chaucer griff einzelne Episoden in seinen Canterbury Tales auf.

Auch die Neuzeit schöpfte reich aus dem Werk. Die englische Übersetzung von Arthur Golding aus dem Jahr 1567 rühmte Ezra Pound später als „das schönste Buch in dieser Sprache". Der Maler Peter Paul Rubens gestaltete zahlreiche Verwandlungsszenen. William Shakespeare ließ in Ein Sommernachtstraum die Handwerker ein Stück über Pyramus und Thisbe aufführen, und in Titus Andronicus erinnert das Schicksal der Lavinia an Ovids Philomela. Der Barockdichter Andreas Gryphius machte daraus die eigenständige Komödie Absurda Comica oder Herr Peter Squenz. 1798 übertrug Johann Heinrich Voß das Gedicht in deutsche Hexameter.

Johann Wolfgang von Goethe bezog sich immer wieder auf die Metamorphosen. In seiner Lebenserinnerung Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit berichtet er von seiner jugendlichen Freude an der Lektüre. In Faust II treten Philemon und Baucis auf, in deutlicher Anlehnung an Ovid.

Auch im 20. und 21. Jahrhundert blieb die Wirkung lebendig. Pablo Picasso schuf eine Folge von Radierungen. Benjamin Britten komponierte 1951 die Sechs Metamorphosen nach Ovid für Oboe. Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr verarbeitete Motive des Werks in seinem Roman Die letzte Welt (1988). Cees Nooteboom stellte die Verwandlungssagen in den Mittelpunkt seiner Novelle Die folgende Geschichte, und Richard Powers griff in seinem Roman Die Wurzeln des Lebens (2018) Formulierungen und Motive Ovids auf.

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