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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Metamorphosen
– Werkseintrag –

Metamorphosen

· Roman

Ein neugieriger junger Mann wird durch einen Zauber in einen Esel verwandelt und erlebt die Welt der Menschen fortan aus der Sicht eines geprügelten Lasttiers.

Überblick↑

Der Roman Metamorphosen stammt von Apuleius und entstand im 2. Jahrhundert. Geschrieben ist er in lateinischer Sprache. Bekannt wurde er auch unter dem später hinzugekommenen Titel Der goldene Esel. Im Mittelpunkt steht der junge Adlige Lucius. Aus Neugier auf die Zauberei gerät er in ein Missgeschick und wird in einen Esel verwandelt. In dieser Gestalt erlebt er eine Fülle von Abenteuern, während er nach den Rosen sucht, die ihm die menschliche Gestalt zurückgeben sollen. In die Haupthandlung sind viele weitere Erzählungen eingeflochten, darunter das berühmte Märchen von Amor und Psyche. Erotik, blutige Verbrechen, Magie und derber Witz gehen dabei eine eigenwillige Verbindung ein.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Auf einer Geschäftsreise verschlägt es den jungen Adligen Lucius nach Thessalien, das als Land der Zauberei gilt. Seine Neugier auf die Hexenkünste wird von Tag zu Tag größer. Bei seinem Gastgeber, dem geizigen Wucherer Milo, kommt er dem verbotenen Wissen schließlich näher, als ihm lieb ist. Durch ein Missgeschick mit einer Zaubersalbe verwandelt er sich nicht wie erhofft in einen Vogel, sondern in einen Esel. Seinen menschlichen Verstand behält er, doch sprechen kann er nicht mehr. Um wieder Mensch zu werden, müsste er nur Rosen fressen – doch dazu kommt es vorerst nicht. Noch in derselben Nacht überfallen Räuber das Haus und schleppen den Esel als Lasttier fort. So beginnt eine lange Irrfahrt, die Lucius von einem Besitzer zum nächsten führt. Als vermeintlich stummes Tier wird er Zeuge von Dingen, die kein Mensch in seiner Gegenwart verbergen würde. Unterwegs bekommt der Leser zahlreiche Geschichten zu hören, unter ihnen das kunstvolle Märchen von Amor und Psyche.

Die Handlung im Detail↑

Der Erzähler nennt sich selbst Lucius und berichtet in der Ich-Form von seinem abenteuerlichen Schicksal. Gleich im Vorwort wendet er sich unmittelbar an den Leser. Auf einer Geschäftsreise gelangt er nach Thessalien, das als Heimat der Magie berüchtigt ist. Unterwegs trifft er den Kaufmann Aristomenes. Dieser erzählt, wie sein alter Freund Sokrates vor seinen Augen der Zauberei zweier Hexen zum Opfer fiel, der Schwestern Meroe und Panthia. Aristomenes' Begleiter hält die Geschichte für erfunden. In der Stadt Hypata nimmt der geizige Wucherer Milo den Gast in seinem Haus auf.

In den folgenden Tagen hört Lucius mehrfach von der Gefahr durch Hexen. Sogar Milos Frau Pamphile gehört zu den thessalischen Zauberinnen und wird ihm als Warnung genannt. Das steigert seine Neugier nur. Als er eines Abends betrunken von Freunden heimkehrt, stößt er vor Milos Tür auf drei Räuber und ersticht sie mit seinem Schwert.

Am nächsten Tag wird Lucius ins Gefängnis geworfen und des Mordes angeklagt. Zu seiner Verwunderung wird er von allen verspottet. Die Verhandlung findet öffentlich im Theater vor einer riesigen Menge statt. Seine geschickte Verteidigungsrede bleibt ohne Wirkung. Man zwingt ihn, die drei zugedeckten Leichen auf den Bahren zu enthüllen. Dabei entpuppen sie sich als drei gefüllte Weinschläuche. Die Menge bricht in schallendes Gelächter aus. Erst jetzt erfährt Lucius, dass die Anklage nur ein Streich war: In der Stadt wurde an diesem Tag das Fest des Lachens gefeiert.

Von der Magd Photis, die seine Nächte teilt, erfährt Lucius die Wahrheit. Pamphile hatte die Schläuche durch Zauberei zum Leben erweckt, sodass sie wie Räuber wirkten. Nun will Lucius Pamphiles Magie heimlich mit eigenen Augen sehen. Zögernd lässt Photis ihn beobachten, wie Pamphile sich in einen Uhu verwandelt. Lucius möchte eine solche Verwandlung selbst erleben. Doch Photis greift zur falschen Zaubersalbe, und statt zum Vogel wird Lucius zum Esel. Sein menschlicher Verstand bleibt ihm dabei erhalten. Photis verspricht, den Zauber am nächsten Morgen rückgängig zu machen; dazu muss sie erst Rosen besorgen, die er fressen soll. Bis dahin soll er als Esel im Stall bleiben. In der Nacht aber brechen Räuber ein und beladen den Esel mit ihrer Beute. So beginnen die langen Irrfahrten des Tieres. Schwer bepackt und übel geprügelt wird es über mühsame Bergwege getrieben.

Als Esel muss Lucius die Menschenwelt nun von außen betrachten. Weil ihn alle für ein gewöhnliches Tier halten, gehen die Menschen in seiner Gegenwart ungeniert ihren heimlichsten Beschäftigungen und Gesprächen nach. Er beobachtet, hört und versteht alles; mit seinen langen Ohren nimmt er selbst Fernes wahr. So erhält er einen Blick in die Abgründe des Alltags. Zugleich ist er, der einst zu den oberen Schichten gehörte, nun als Lasttier Menschen ausgeliefert, die weit unter ihm stehen. Die Räuber bringen ihn in die Höhle, die ihrer Bande als Versteck dient. Von einem nächtlichen Zug bringen sie eine schöne junge Frau namens Charite mit, die sie gegen Lösegeld entführt haben. Ein Fluchtversuch des Esels mit Charite scheitert. Die Räuber beraten eine grausame Strafe, und der Esel soll sterben.

Um Charite über ihren Kummer hinwegzutrösten, erzählt ihr die alte Haushälterin der Räuber das längste und berühmteste der eingeschobenen Märchen – die Geschichte von Amor und Psyche. Psyche, deren Name das griechische Wort für Seele ist, ist die jüngste und schönste von drei Königstöchtern. Ihre außergewöhnliche Schönheit lässt die Menschen sie wie Venus verehren, ja für eine Erscheinung der Göttin selbst halten. Das weckt den Neid der Venus. Sie beauftragt ihren Sohn Amor, das Mädchen in den verächtlichsten und elendesten aller Männer verliebt zu machen. Doch Psyches Schönheit schreckt jeden Bewerber ab, und anders als ihre Schwestern bleibt sie allein. Das Orakel Apollos rät dem König, die Tochter im Brautkleid auf einen Felsen zu setzen, wo ein Ungeheuer sie zur Frau nehmen werde. Traurig gehorchen die Eltern. Doch das Ungeheuer erscheint nicht. Ein sanfter Wind trägt Psyche in ein Tal, wo sie einschläft. Sie erwacht vor einem prächtigen Palast und tritt ein. Eine körperlose Stimme begrüßt sie, unsichtbare Dienerinnen erfüllen ihre Wünsche. Jede Nacht besucht sie ein Unbekannter, den sie nie sehen darf und der nur im Dunkeln zu ihr kommt. Als sie ihn bittet, ihre Schwestern wiedersehen zu dürfen, willigt er zögernd ein und warnt sie eindringlich, deren Neugier nach seiner wahren Gestalt zu widerstehen. Die Schwestern kommen und beneiden sie um ihr prächtiges Leben. Dieses Märchen erstreckt sich über beinahe zwei der elf Bücher. Danach kehrt die Erzählung zu Lucius zurück.

Ein Späher meldet, dass man in Hypata inzwischen nach Lucius sucht; man hält ihn für einen Komplizen der Räuber. Kurz vor der geplanten Tötung des Esels trifft Tlepolemus ein, der Verlobte Charites. Er gibt sich als Räuber namens Haemus aus und gewinnt das Vertrauen der Bande. So gelingt es ihm, die Räuber zu überlisten, Charite zu befreien und den Esel mitzunehmen. Nun gehört das Tier dem jungen Paar und wird zunächst gut behandelt. Bald aber gerät es in neue Not, wird als Transporttier eingespannt und vom Eseltreiber schwer misshandelt.

Ein Sklave überbringt eine schreckliche Nachricht: Tlepolemus wurde von einem Nebenbuhler ermordet, den Charite abgewiesen hatte. Charite rächt sich an dem Mörder und nimmt sich danach das Leben. Als die Sklaven davon erfahren, ergreifen sie die Flucht, und der Esel muss ihnen in eine ungewisse Zukunft folgen. Schließlich wird er auf dem Markt verkauft. Sein neuer Herr ist ein Anhänger der Syrischen Göttin, ein Scharlatan, der mit seinesgleichen bettelnd umherzieht. Als angebliche Seher künden sie leichtgläubigen Menschen künftiges Glück und leben von deren Gaben. Der Esel wird erneut gequält und muss um sein Leben fürchten. Eines Tages werden die Betrüger wegen Diebstahls verhaftet, und der Esel wird wieder verkauft. Diesmal erwirbt ihn ein Müller, der ihn die Mühle drehen lässt. Dort wird der Esel Zeuge grausamer Behandlung der Sklaven und Tiere und leidet selbst. Zugleich bemerkt er den Ehebruch der Müllersfrau. Er ermöglicht die Entdeckung, indem er den versteckten Liebhaber zum Vorschein bringt. Daraufhin verstößt der Müller seine Frau. Sie rächt sich, indem sie ihn durch Zauberei zu Tode bringt. Für den Esel bedeutet das einen neuen Besitzerwechsel, dem weitere folgen. Er leidet Hunger und Kälte, wird Zeuge furchtbarer Schicksale und roher Gewalt. Selbst in sexuelle Ausschweifungen wird er hineingezogen. Schließlich gelingt ihm die Flucht nach Korinth, und er rettet sich in den nahen Hafen Kenchreai.

Zu Beginn des elften und letzten Buches kommt die Wende. Der Esel wendet sich an die Muttergöttin und bittet sie um Hilfe. Sie, die von allen Völkern unter vielen Namen verehrt wird, erscheint ihm in Gestalt der Isis. Sie kündigt ihm die Rettung während ihres nahen Festes an. Bei der Festprozession in Kenchreai werde er Gelegenheit haben, die rettenden Rosen zu fressen. Zum Dank soll er ihr nach der Rückkehr in die menschliche Gestalt sein Leben lang dienen. Tatsächlich verwandelt sich Lucius vor der staunenden Menge zurück in einen Menschen. Nach einiger Zeit lässt Isis ihn in ihre Mysterien einweihen. Auf ihr Geheiß zieht er nach Rom, wo er ihr weiter dient. Dort empfängt er die Weihen der Isis und ihres Gemahls Osiris und wird in das Priesterkolleg beider aufgenommen. Kahlgeschoren versieht er den Priesterdienst, der ihn mit tiefer Zufriedenheit erfüllt. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Anwalt. So finden seine Abenteuer ein glückliches Ende.

Stil↑

Erzählt wird der Roman durchgehend in der Ich-Form: Lucius berichtet selbst von seinem Schicksal. Schon im Vorwort wendet er sich unmittelbar an den Leser, wobei die Gestalt des Erzählers mit der des Autors verschwimmt – beide tragen den Namen Lucius. Auffällig ist der kunstvolle Aufbau. In die Haupthandlung sind zahlreiche eigenständige Geschichten eingeschoben, sodass ein vielfach verschachteltes Geflecht entsteht. Das Märchen von Amor und Psyche allein füllt fast zwei der elf Bücher. Einen besonderen Reiz gewinnt der Roman aus dem Perspektivwechsel: Als vermeintlich stummes Tier beobachtet Lucius die Menschen ungehindert und blickt in ihre verborgensten Abgründe. Im Ton mischen sich Erotik, blutige Verbrechen, Magie und Komik. Das Grauenhafte wird dabei oft ins Burleske gewendet. Der lateinische Titel Metamorphoseon libri XI (Elf Bücher von Verwandlungen) erinnert an das gleichnamige Werk Ovids, dessen Metamorphosen ebenfalls von Verwandlungen handeln. Der geläufige Beiname Der goldene Esel ist erst aus der Spätantike bezeugt.

Rezeption↑

Schon in der Spätantike war der Roman bekannt. Der Kirchenvater Augustinus überliefert den Beinamen Der goldene Esel (Asinus aureus), der erst aus dieser Zeit bezeugt ist und daher wohl nicht auf den Autor selbst zurückgeht. Von den vielen eingeschobenen Geschichten wurde das Märchen von Amor und Psyche mit Abstand am bekanntesten. Bis heute gilt es als der berühmteste Teil des Werks.

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