1808
Die Marquise von O....
Überblick↑
Mit der Novelle Die Marquise von O.... schuf Heinrich von Kleist eine seiner bekanntesten Erzählungen. Sie erschien zuerst im Februar 1808 in der Literaturzeitschrift Phöbus. Spätestens Ende 1807 war das Werk abgeschlossen; der genaue Entstehungszeitraum ist nicht bekannt. Die Handlung spielt in Italien zur Zeit des Zweiten Koalitionskrieges. Im Mittelpunkt steht eine verwitwete Adlige, die unwissentlich schwanger wird und in einer Zeitungsannonce den unbekannten Vater des Kindes auffordert, sich zu melden und sie zu heiraten. Aus diesem ungeheuerlichen Ausgangspunkt entwickelt Kleist eine Geschichte über Schuld, Verdrängung und Vertrauen. Kleist selbst hat den Begriff „Novelle" für dieses Werk nie verwendet, dennoch wird die Erzählung meist dieser Gattung zugeordnet.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Eine ungewöhnliche Zeitungsannonce steht am Anfang: Eine Dame von vortrefflichem Ruf macht öffentlich bekannt, dass sie ohne ihr Wissen in andere Umstände gekommen sei. Der Vater des Kindes möge sich melden, denn sie sei entschlossen, ihn zu heiraten. Wie es zu dieser unerhörten Lage kam, erzählt Kleist anschließend rückblickend.
Die Marquise, eine junge Witwe, ist nach dem Tod ihres Gatten zu ihrer Familie zurückgekehrt. Ihr Vater befehligt eine Zitadelle in Italien. Als russische Truppen die Festung erstürmen, gerät die Marquise in die Hände von Soldaten und wird von einem russischen Offizier, dem Grafen F..., scheinbar gerettet. Bald darauf heißt es, der Graf sei im Kampf gefallen. Doch er überlebt, kehrt zurück und hält mit einer leidenschaftlichen Liebeserklärung um die Hand der Marquise an.
Während die Familie noch über diesen Antrag nachdenkt, leidet die sonst kerngesunde Frau an einem rätselhaften Unwohlsein. Schließlich stellt sich heraus, dass sie schwanger ist – etwas, das sie sich selbst nicht erklären kann. Damit gerät die Familie in eine schwere Zerreißprobe zwischen Ehre, Misstrauen und der Frage, wem zu glauben ist. Kleist erzählt diese Geschichte mit großer Spannung, ohne ihren überraschenden Verlauf vorzeitig preiszugeben.
Die Handlung im Detail↑
Am Anfang steht die skandalöse Annonce: Eine Dame von vortrefflichem Ruf lässt bekannt machen, dass sie ohne ihr Wissen in andere Umstände gekommen sei, der Vater solle sich melden, und sie sei entschlossen, ihn zu heiraten. Anschließend erzählt Kleist rückblickend, wie es dazu kam.
Die Zitadelle bei M..., deren Kommandant der Vater der Marquise ist, wird von russischen Truppen erstürmt. Die Marquise, nach dem Tod ihres Gatten zur Familie zurückgekehrt, fällt russischen Soldaten in die Hände und wird misshandelt, dann aber von einem russischen Offizier, dem Grafen F..., gerettet. An der entscheidenden Stelle führt der Graf die erschöpfte Frau in Sicherheit. Dann steht im Text der berühmte Gedankenstrich: „Hier – traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen". Der vermeintliche Retter ist in Wahrheit derjenige, der die ohnmächtige Marquise vergewaltigt. Erst am Ende der Erzählung wird klar, dass dieser Gedankenstrich den Augenblick der Schwängerung markiert.
Die Marquise fällt in Ohnmacht und erinnert sich danach nicht an die Tat. In ihrem Gedächtnis bleibt der Graf allein der edle Retter; ihren Satz „Ich will nichts wissen" deutet der Leser als Verdrängung der Wahrheit. Nach der Beschlagnahme der Festung zieht die Familie in ein Haus in der Stadt. Dort leidet die sonst gesunde Marquise an einem unerklärlichen Unwohlsein. Bald erreicht die Familie die Nachricht, der Graf sei am Tag des Aufbruchs im Kampf erschossen worden. Die Angehörigen, die von der Vergewaltigung nichts wissen und sich dem vermeintlichen Retter verpflichtet fühlen, sind tief betroffen.
Doch der Graf überlebt schwer verletzt. Nach seiner Heilung kehrt er zurück und wirbt mit einer leidenschaftlichen Liebeserklärung um die Marquise. Die Familie ist ihm nicht abgeneigt, bittet aber um Bedenkzeit, um ihn besser kennenzulernen. Da der Graf durch wichtige Befehle fortgerufen wird, lässt sich diese Bitte nicht erfüllen.
Von ihrer Schwangerschaft erfährt die Marquise erst, als ein Arzt und eine Hebamme sie untersuchen. Sie kann sich den Zustand nicht erklären, hält ihn zunächst für unmöglich und fürchtet um ihren Verstand, fasst sich aber wieder. Ihr Vater dagegen führt die Schwangerschaft auf unsittliches Verhalten zurück und wirft sie aus dem Haus. Er lässt durch seinen Sohn, den Forstmeister von G..., der Marquise sogar die Kinder entreißen. Schweren Herzens zieht sie mit ihren Kindern in ihr altes Haus zurück. Dort veröffentlicht sie jene Annonce, in der sie bekannt gibt, unwissend schwanger geworden zu sein, und den Vater auffordert, sich zu melden; aus Familienrücksichten sei sie bereit, ihn zu heiraten.
Inzwischen kehrt der Graf F... aus Neapel zurück. Er erfährt, was geschehen ist, und ist entschlossen, der Marquise erneut einen Antrag zu machen. Sie aber zeigt sich keineswegs begeistert und weist den zunehmend übergriffigen Mann schroff zurück. Unterdessen tadelt die Mutter, die Obristin, ihren Mann wegen seiner Härte. Eine zweite Annonce erscheint, in der der vermeintliche Vater ankündigt, sich der Marquise im Hause ihres Vaters zu Füßen zu werfen. Die Obristin fragt sich, ob ihre Tochter im Schlaf vergewaltigt worden sein könnte, und greift zu einer List: Sie fährt zur Marquise und behauptet, der Vater des Kindes sei der Jäger Leopardo. An der Reaktion der Tochter erkennt sie, dass diese tatsächlich nichts weiß, und ist von ihrer Unschuld überzeugt. Unter Tränen entschuldigt sie sich und holt die Marquise zurück in die Stadt. Auch der Kommandant bittet, nachdem ihm die Obristin alles berichtet hat, weinend um Verzeihung und nimmt die Tochter wieder auf.
Mit höchster Spannung wartet man im Hause des Obristen darauf, dass der Vater erscheint. Der Eintreffende ist der Graf F.... Er ist tatsächlich der Gesuchte und zeigt aufrichtige Reue. Die Marquise aber, die ihn stets für ihren Retter gehalten hat, ist außer sich; heulend und schreiend zieht sie sich zurück und will ihm seine Tat nicht vergeben. Ihre Eltern deuten dies als vorübergehende Überreizung der Nerven und bereiten die Eheschließung vor. Ein Heiratsvertrag wird aufgesetzt, in dem der Graf auf alle Rechte eines Ehemannes verzichtet, aber alle Pflichten übernimmt.
Nach der Trauung bezieht der Graf eine Wohnung in der Nähe und betritt das Haus des Obristen nicht. Sein höfliches Verhalten beruhigt die Familie so weit, dass er der Taufe seines Sohnes beiwohnen darf. Dabei schenkt er dem Kind eine hohe Geldsumme und setzt in seinem Testament die Marquise als alleinige Erbin ein. Von da an darf er beim Obristen vorsprechen. Erneut beginnt er, um die Marquise zu werben – diesmal weist sie ihn nicht ab, denn sie hat ihn liebgewonnen. Jahre später fragt der Graf, warum sie seinen ersten Antrag abgelehnt habe. Ihre Antwort: Er wäre ihr damals nicht wie ein Teufel erschienen, wenn er ihr bei seinem ersten Auftreten nicht wie ein Engel vorgekommen wäre.
Stil↑
Schon der Titel zeigt Kleists kunstvolles Spiel mit Aussage und Verschweigen. Der Name der Marquise ist abgekürzt, ebenso viele andere Personen- und Ortsnamen. Damit knüpfte Kleist an eine Erzähltradition des 18. Jahrhunderts an, vor allem aber an Kriminalgeschichten und Prozessberichte seiner Zeit. So entsteht der Eindruck, der Erzählung liege eine wahre Begebenheit zugrunde, deren Beteiligte man nicht nennen dürfe. Zugleich weckt der bloße Buchstabe „O" auch frivole Assoziationen. Kleist sagt mit dieser Abkürzung also etwas und verschweigt es zugleich. Damit benennt er bereits im Titel das Grundproblem der Novelle: wie sich etwas erzählen lässt, was die Figuren einander aus Takt und aus Mangel an Worten nicht sagen können.
Den Eindruck von Echtheit verstärkt der Untertitel „Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz von Norden nach dem Süden verlegt worden ist". Ob die Geschichte tatsächlich auf wahren Vorgängen beruht, bleibt fraglich. In den unter Kleists Aufsicht entstandenen Originalausgaben trägt der Titel vier Auslassungspunkte. Häufig wird er jedoch nur mit drei Punkten wiedergegeben, was auf einen späteren Eingriff einer einflussreichen Ausgabe zurückgeht. Auch im Text selbst schwankt die Zahl der Punkte bei den verschiedenen abgekürzten Namen.
Zu den bekanntesten Stilmitteln zählt der Gedankenstrich an der entscheidenden Stelle. Er gilt als einer der berühmtesten Gedankenstriche der deutschen Literatur. An ihm verbirgt Kleist genau jenen Vorgang, von dem die ganze Erzählung handelt, und überlässt es dem Leser, die Lücke erst am Ende zu füllen.
Rezeption↑
Bis heute zählt die Erzählung zu den am meisten gelesenen und gespielten Stoffen Kleists. Als mögliche Anregungen gelten ein Essay von Michel de Montaigne über die Trunksucht, eine 1798 anonym erschienene Erzählung mit dem Titel „Gerettete Unschuld" sowie eine Passage aus Jean-Jacques Rousseaus Briefroman Julie oder Die neue Heloise; aus ihr gewann Kleist vor allem die ausführlich geschilderte Beziehung zwischen Vater und Tochter. In ihrer moralisch-psychologischen Ausrichtung zeigt sich zudem ein Einfluss von Cervantes' La fuerza de la sangre.
Der Stoff hat zahlreiche Bühnenfassungen angeregt. Ferdinand Bruckner brachte 1933 in Wien eine Bearbeitung heraus. In jüngerer Zeit setzten sich Regisseure und Theaterkollektive immer wieder neu mit dem Werk auseinander, etwa Frank Castorf an der Berliner Volksbühne 2012, das Performancekollektiv She She Pop 2011 sowie Inszenierungen am Theater Bremen und am Deutschen Theater. Verfilmt wurde die Novelle von Éric Rohmer.
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