Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Maßnahme
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Die Maßnahme
1930
– Werkseintrag –

Die Maßnahme

1930 · Drama

Vier Agitatoren stehen vor einem Parteigericht und spielen nach, was auf ihrer Mission in China geschah – Bertolt Brechts Stück fragt, wie weit eine Revolution gehen darf, um ihr Ziel zu erreichen.

Überblick↑

Das Drama Die Maßnahme von Bertolt Brecht entstand 1930 und zählt zu seinen sogenannten Lehrstücken. Verwandte Werke dieser Gruppe sind Der Jasager und Der Neinsager sowie Das Badener Lehrstück vom Einverständnis. Das Stück verhandelt eine Frage, die bis heute unbequem bleibt: Wie weit darf eine politische Bewegung gehen, um ihr Ziel zu erreichen? Die Musik schrieb Hanns Eisler. Zu Brechts umstrittensten Arbeiten gehört das Werk bis heute.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Vier kommunistische Agitatoren treten vor ein Parteigericht, den sogenannten Kontrollchor. Sie sollen erklären, was auf ihrer Mission geschehen ist. Dazu spielen sie die Ereignisse noch einmal nach.

Ihr Auftrag hatte sie von Russland nach China geführt, wo sie für die Sache der Partei werben sollten. An der Grenze empfängt sie ein ortskundiger Genosse, ein junger Mann, der sie begleiten soll. Die vier löschen mit Masken ihre eigene Identität aus und gehen als Chinesen verkleidet über die Grenze.

Was sie dort vorfinden, ist eine Welt härtester Ausbeutung. Menschen werden als Zugtiere eingespannt, weil sie den Besitzenden billiger kommen als Tiere. Die Agitatoren gewinnen rasch Anhänger unter den chinesischen Arbeitern. Doch der junge Genosse hält sich nicht an das abgesprochene Vorgehen. Immer wieder lässt er sich von seinem Mitleid leiten und bringt damit die Arbeit der Gruppe in Gefahr. Am Ende steht eine grundsätzliche Auseinandersetzung darüber, ob eine Revolution moralische Grundsätze verletzen darf, um Unterdrückung wirksam zu bekämpfen.

Die Handlung im Detail↑

Vier kommunistische Agitatoren stehen vor dem Kontrollchor, dem Parteigericht. Sie wollen begründen, warum sie einen jungen Genossen getötet und seine Spuren ausgelöscht haben. Um ihre Entscheidung verständlich zu machen, spielen sie die Situationen nach, die dazu geführt haben.

Ihre Mission führte sie von Russland aus nach China, wo sie Propaganda betreiben sollten. An der Grenze empfängt sie ein ortskundiger Genosse, den die Partei ihnen als Begleiter zugeteilt hat. Die Agitatoren legen Masken an, löschen damit ihre Identität aus und überqueren als Chinesen verkleidet die Grenze. In China herrschen Verhältnisse brutalster Ausbeutung und Unterdrückung. Menschen werden als Zugtiere verwendet, weil sie sich für die kapitalistischen Ausbeuter mehr rentieren als wirkliche Lasttiere.

Die Agitatoren finden schnell Anhänger unter der chinesischen Arbeiterschaft und können die Mehrheit für ihre Sache gewinnen. Der junge Genosse jedoch vermag sich taktisch nicht angemessen zu verhalten. Statt die beschlossenen Aktionen auszuführen, zeigt er immer wieder Mitleid und gefährdet dadurch die Arbeit der Gruppe. Zuletzt reißt er sich die Maske vom Gesicht.

Nach dieser Entlarvung als fremde Revolutionäre müssen die Agitatoren fliehen. Um nicht selbst von den Chinesen getötet zu werden, töten sie den jungen Genossen. Er gibt dazu sein Einverständnis. Danach setzen die vier ihre Arbeit fort, und zwar erfolgreich: Auch in China marschiert schließlich die Revolution.

Zurück in Russland müssen sie sich vor dem Parteigericht für die Tötung verantworten. Das Stück endet mit einer grundsätzlichen Diskussion darüber, wie weit die Revolution moralische Grundsätze verletzen darf, um Ausbeutung und Unterdrückung wirksam zu bekämpfen.

Stil↑

Als Lehrstück folgt das Werk einer ungewöhnlichen Grundidee. Das Spiel richtet sich nicht an ein Publikum, sondern an die Schauspieler selbst. Indem diese verschiedene Haltungen und Gesten einnehmen, sollen sie politisch geschult werden. Text und Musik enthalten zugleich zahlreiche Anspielungen auf die bachschen Passionen.

Auf die Problemstellung des Stücks wirkten mehrere Schriften Lenins ein, darunter Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus. Brecht suchte für die Arbeit die Zusammenarbeit mit Arbeiterchören und den Austausch mit der revolutionären Arbeiterbewegung. Darin unterscheidet sich das Werk von seinen früheren Lehrstücken, die noch an bürgerliche Reformbestrebungen anknüpften.

Rezeption↑

Zu den umstrittensten Werken Brechts zählt dieses Stück bis heute. Der Vorwurf lautete, er habe damit indirekt die Säuberungen Stalins in der Sowjetunion gerechtfertigt, die allerdings erst einige Jahre später in vollem Umfang einsetzten. Viele störten sich auch an dem beschönigenden Wort „Maßnahme“ für die Tötung eines Menschen. Von kommunistischer Seite kam der umgekehrte Einwand: Trotz des Konflikts sei das Stück eine sehr schematische Arbeit.

Später gab Brecht das Stück nicht mehr zur Aufführung frei; 1956 schrieb er, es sei „nicht für Zuschauer geschrieben worden, sondern nur für die Belehrung der Aufführenden“. Seine Erben hielten die Sperre bis 1997 aufrecht. In einem Gespräch mit Manfred Wekwerth bezeichnete er es zugleich als Beispiel für das „Theater der Zukunft“.

Walter Benjamin kam in seinem Vortrag Der Autor als Produzent von 1934 auf das Werk zu sprechen. Er bezog sich dabei auf Eislers Beobachtung, dass Musik ohne Worte ihre große Bedeutung erst im Kapitalismus erhalten habe. Die „Veränderung eines Konzertes in ein politisches Meeting“ sei „nicht ohne Mitwirkung des Wortes“ möglich, schrieb Benjamin. Und er fügte hinzu: „Daß aber eine solche Veränderung in der Tat einen Höchststand der musikalischen und literarischen Technik darstellt, haben Brecht und Eisler mit dem Lehrstück Die Maßnahme bewiesen.“

Heiner Müller griff die Problematik 1970 in seinem Stück Mauser auf und spitzte sie inhaltlich wie formal zu.

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