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Werkseintrag · Der kaukasische Kreidekreis
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Der kaukasische Kreidekreis
1948
– Werkseintrag –

Der kaukasische Kreidekreis

1948 · Drama

Wem gehört ein Kind – der Frau, die es gebar, oder der Magd, die es großzog? Brechts Gleichnis sucht die Antwort in einem Kreis aus Kreide.

Überblick

Das Theaterstück Der kaukasische Kreidekreis von Bertolt Brecht zählt zu den bekanntesten Werken des epischen Theaters. Brecht schrieb es 1944/45 im US-amerikanischen Exil in Santa Monica. An der Entstehung wirkte Ruth Berlau mit, die Musik stammt von Paul Dessau. Das Werk besteht aus einem Vorspiel und fünf Akten und verbindet Prosa mit Versen.

Die Uraufführung fand am 4. Mai 1948 in Northfield im US-Bundesstaat Minnesota statt. Erst am 7. Oktober 1954 kam das Stück im Berliner Ensemble erstmals in deutscher Sprache auf die Bühne, mit Angelika Hurwicz als Grusche und Helene Weigel als Gouverneursfrau Natella Abaschwili. Der Erstdruck erschien 1949 in der Zeitschrift Sinn und Form, die Buchausgabe folgte 1954.

Inhalt (ohne Spoiler)

Den Rahmen bildet ein Streit zweier Gruppen um die Nutzung eines Tals nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Sänger tritt hinzu und erzählt zur Klärung der Frage, wem etwas gehören soll, eine alte Geschichte aus Grusinien.

Nach einem Staatsstreich gegen den Großfürsten werden die Gouverneure des Landes hingerichtet, darunter der reiche Gouverneur Abaschwili. Seine Frau Natella flieht vor den Wirren der Revolution. In der Hast lässt sie ihren kleinen Sohn Michel zurück, weil ihr die kostbaren Kleider wichtiger sind. Die einfache Magd Grusche nimmt sich des Kindes an, das von den neuen Machthabern bereits gesucht wird. Mit dem Jungen flieht sie ins Gebirge, während die Reiter des Fürsten Kazbeki ihr auf den Fersen sind.

Obwohl Grusche mit dem Soldaten Simon verlobt ist, gerät sie auf der Flucht in schwere Zwänge, die ihr Leben durcheinanderbringen. Als nach dem Bürgerkrieg die leibliche Mutter zurückkehrt und das Kind zurückverlangt, kommt der Fall vor einen ungewöhnlichen Richter. Dieser ersinnt eine eigenartige Probe, um zu entscheiden, wem das Kind wirklich gehören soll.

Die Handlung im Detail

Im Streit um die Nutzung eines Tals nach dem Zweiten Weltkrieg tritt ein Sänger auf und erzählt die folgende Geschichte. Nach einem Staatsstreich gegen den Großfürsten werden alle Gouverneure Grusiniens hingerichtet, darunter der reiche Gouverneur Abaschwili. Seine verwöhnte Frau Natella entkommt den Wirren der Revolution. Ihren Sohn Michel jedoch lässt sie einfach zurück, denn die Kleider sind ihr wichtiger.

Die einfache Magd Grusche nimmt sich nach einigem Zögern des Kindes an, das von den neuen Machthabern gesucht wird. Mit ihm flieht sie in die Berge. Die Schergen des Fürsten Kazbeki, die Panzerreiter, verfolgen sie. Durch alle Gefahren und unter vielen Opfern gelangt Grusche schließlich zu ihrem Bruder in Sicherheit. Dieser ist inzwischen mit einer sehr frommen Frau verheiratet.

Obwohl Grusche mit dem Soldaten Simon verlobt ist, heiratet sie einen offenbar sterbenskranken Bauern namens Jussup. Sie tut dies, um ihr Ziehkind durch ein gestempeltes Papier abzusichern, denn das Misstrauen ihrer Schwägerin wächst. Als die Nachricht vom Ende des Krieges eintrifft, erhebt sich der totkranke Bauer plötzlich kerngesund von seinem nur vorgetäuschten Sterbelager.

Nach dem Bürgerkrieg kehrt die Gouverneursfrau zurück und erhebt Anspruch auf das Kind, das ihr ein reiches Erbe sichert. Simon kommt hinzu und erlebt mit, wie Grusche das Kind vor den neuen Verfolgern für sich beansprucht: „Es ist meins: Ich habs aufgezogen!“ Zornentbrannt verlässt er sie.

Der Fall wird dem Dorfschreiber Azdak vorgetragen. Azdak ist kein Rechtsgelehrter, sondern ein schlauer, verschmitzter Lebenspraktiker. In den Kriegswirren ist er auf den Richterstuhl gelangt und gilt bei der Landbevölkerung als Armeleuterichter. Er ordnet an, die Mutterschaft durch ein Experiment zu beweisen. Das Kind wird in einen mit Kreide gezogenen Kreis gestellt. Beide Frauen sollen es zugleich aus dem Kreis zu sich herausziehen, denn die wahre Mutter werde die Kraft haben, ihr Kind aus dem Kreis zu reißen.

Herrisch reißt die Gouverneursfrau das Kind an sich, während Grusche es voll Mitleid loslässt. Gerade dadurch erweist sie sich als die wahrhaft Mütterliche, die ihr Kind liebt und es lieber loslässt, als ihm weh zu tun. Azdak spricht das Kind nicht der leiblichen Mutter zu, sondern der Magd Grusche, die in Liebe und täglicher Pflicht für das Kind gesorgt hat. Am Ende heißt es, „dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind“. Azdak verjagt die Gouverneursfrau und scheidet Grusche von ihrem Bauern, damit sie ihren Verlobten Simon heiraten kann.

Stil

Das Werk gehört zum epischen Theater, das Brecht entwickelt hat. Statt das Publikum in die Illusion einer geschlossenen Handlung zu ziehen, schiebt sich immer wieder ein erzählender Sänger zwischen Bühne und Zuschauer. Er kommentiert die Geschehnisse und hält damit Abstand zur Handlung. So wird der Zuschauer nicht zum Mitfühlen verleitet, sondern zum Nachdenken über das Gezeigte angehalten.

Der Aufbau folgt einer Rahmenkonstruktion: Aus dem Streit um ein Tal heraus wird die eigentliche Geschichte als erzähltes Gleichnis entfaltet. Brecht verbindet dabei Prosa mit Versen. Die Musik von Paul Dessau und die eingestreuten Lieder gehören fest zum Stück. Die Sprache ist einfach und volksnah, oft sprichwörtlich zugespitzt, wie in den Schlussversen über das, was wem gehören soll.

Rezeption

Eine vielbeachtete Aufführung fand 1964 am Wiener Volkstheater statt, unter der Regie von Gustav Manker. Im Jahr zuvor war an diesem Haus mit Mutter Courage und ihre Kinder der Wiener Brecht-Boykott gebrochen worden. Hilde Sochor spielte die Grusche, Fritz Muliar den Dorfrichter Azdak und Kurt Sowinetz den Schauwa.

Die Aufnahme war gespalten, fiel aber überwiegend zustimmend aus. Ernst Lothar berichtete im Express von „einmütigem, fast demonstrativem Applaus für Wiens tapferstes Theater“. Die Salzburger Nachrichten sahen mit dieser Inszenierung die Verbannung Brechts von den Wiener Bühnen endgültig aufgehoben, und Die Bühne nannte den Abend ein „Theaterereignis“. Schärfere Töne kamen vom Wiener Montag, der in dem Stück „eine pure marxistische Lehrdemonstration“ erkannte und das Publikum am Ende „eiskalt bis in die Fingerspitzen“ und „angeekelt“ gehen sah.

Die Nachwirkung reicht über das Theater hinaus. Die kanadische Rockband Chalk Circle benannte sich nach dem Werk.

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