1907
Der kleine Dämon
Überblick↑
Das Werk Der kleine Dämon ist ein Roman des russischen Symbolisten Fjodor Sologub. Er entstand über einen langen Zeitraum hinweg, etwa zwischen 1892 und 1902. Im Mittelpunkt steht der Provinzlehrer Peredonov, ein misstrauischer und bösartiger Mensch. Die Gier nach einem höheren Posten und die ständige Angst vor Verrat treiben ihn langsam in den Wahnsinn. Der Roman brachte Sologub nationalen und internationalen Ruhm ein.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Ardal'on Borisyč Peredonov, ein Gymnasiallehrer in einer russischen Provinzstadt. Er behandelt seine Mitmenschen abweisend, besonders jene, die er unter sich wähnt. Zugleich ist er überzeugt, dass ihm sein Aussehen und seine Stellung jede Frau zu Füßen legen könnten.
Mit seiner Cousine Varvara lebt er unter dem Deckmantel der Verwandtschaft in einer eheähnlichen Beziehung. Die Gerüchteküche der Stadt brodelt bereits. Für Varvara scheint eine Heirat der einzige Weg, die Verbindung zu legalisieren. Peredonov aber sträubt sich zunächst.
Um ihn zu locken, verspricht Varvara ihm die Protektion einer Petersburger Fürstin und in Aussicht die begehrte Stelle als Schulinspektor. Getrieben von Ehrgeiz und von der Furcht, in der Stadt denunziert zu werden, sucht Peredonov die höheren Beamten auf, um deren vermeintlich falsches Bild von ihm zu berichtigen. Er intrigiert gegen alle, in denen er einen Rivalen wittert. Allmählich beginnt sein Misstrauen, ihn ganz zu überwältigen.
Die Handlung im Detail↑
Der Gymnasiallehrer Ardal'on Borisyč Peredonov lebt in einer russischen Provinzstadt und begegnet seinen Mitmenschen mit Gehässigkeit, vor allem den vermeintlich Rangniedrigeren. Er hält sich für so ansehnlich und einflussreich, dass ihm jede Frau gehören müsse. Mit seiner Cousine Varvara, die ihm an Boshaftigkeit kaum nachsteht, führt er unter dem Vorwand der Verwandtschaft ein eheähnliches Verhältnis. In der Stadt wird bereits getuschelt.
Für Varvara ist die Ehe der einzige Ausweg, die Verbindung zu legalisieren. Peredonov weigert sich anfangs. Daraufhin verspricht Varvara ihm die Fürsprache einer ihr bekannten Petersburger Fürstin. Mit gefälschten Briefen nährt sie seinen Glauben daran, und Peredonov sieht sich schon als Schulinspektor.
Zunächst aber fürchtet er, denunziert zu werden. Täglich kehrt er bei den höheren Beamten der Stadt ein, um deren angeblich falsches Bild von ihm geradezurücken. Zur Vorbereitung auf den erhofften Posten sucht er außerdem die Eltern seiner Schüler auf, verbreitet Gerüchte über sie und lässt die Kinder züchtigen.
Trotzdem sieht Peredonov seine Zukunft bedroht, besonders durch seinen Freund Volodin, der an einen Hammel erinnert und im Grunde für niemanden gefährlich ist. Peredonov verfällt zusehends dem Wahnsinn. In den Spielkarten entdeckt er menschliche Gesichter, die ihn bedrohen und sein Leben beobachten wollen; überall wittert er Verschwörungen. Volodin erscheint ihm plötzlich als leibhaftiger Hammel. Eine teuflische Gestalt, ein Eumel, begegnet ihm und heftet sich an seine Fersen. Anfangs lässt sie sich noch verjagen, wird aber immer aufdringlicher und verführt ihn schließlich während eines Maskenballs zur Brandstiftung. Auch der weiße Kater, den Peredonov ständig quälte, erscheint ihm mit glühenden grünen Augen und Fauchen wie ein Teufel.
Am Ende führen Varvaras Intrigen und Peredonovs Gier nach der Inspektorenstelle tatsächlich zur Ehe. Doch während die Braut ihr Ziel erreicht hat, besitzt Peredonov noch immer nicht den ersehnten Posten und flüchtet sich ganz in seine Wahnvorstellungen. Diese werden schließlich so übermächtig, dass er seinen Freund Volodin mit einem Messer ersticht.
Stil↑
Als Symbolist verbindet Sologub in dem Roman zwei scheinbar gegensätzliche Ebenen. Auf der einen Seite steht die genaue, oft bösartig-satirische Schilderung einer dumpfen, kleinlichen Provinzwelt voller Klatsch, Ehrsucht und Niedertracht. Auf der anderen Seite wuchern unheimliche, traumartige Bilder, in denen sich Peredonovs Wahn Bahn bricht.
Diese fantastische Ebene wächst mit dem Fortschreiten seiner Krankheit. Der harmlose Freund Volodin verwandelt sich in seiner Wahrnehmung in einen Hammel, der gequälte weiße Kater wird zum fauchenden Teufel, in den Spielkarten starren ihn drohende Gesichter an. Die eindringlichste dieser Erscheinungen ist der Eumel, eine kleine dämonische Gestalt, die sich an seine Fersen heftet und ihn zu bösen Taten treibt. So verschwimmt zusehends die Grenze zwischen der handfesten Wirklichkeit und der Einbildung des Kranken.
Rezeption↑
Zunächst erschien der Roman ab 1905 als Fortsetzung in der Zeitschrift Voprosy žizni („Fragen des Lebens"). Nach 24 Kapiteln wurde der Vorabdruck jedoch abgebrochen. Die letzten Kapitel konnten erst 1907 in der Buchausgabe gelesen werden. Gerade sie fanden dann besondere Beachtung bei den Lesern. Das Buch begründete Sologubs nationalen und internationalen Ruhm.
Um die Figur des Peredonov entzündete sich früh ein Streit. Sologub wurde vorgeworfen, etwa von Zinaida Gippius, er habe für seinen Helden selbst Modell gestanden. Tatsächlich gibt es Parallelen: die Lehrerstelle in der Provinz, den Wunsch nach einer Inspektorenstelle sowie Gerüchte um ein verwandtschaftliches Liebesverhältnis. Sologub bestritt die Vermutung und verwies auf Lehrerkollegen, die ihrerseits Ähnlichkeiten mit Peredonov aufgewiesen hätten. 1995 verfilmte Nikolai Dostal den Stoff.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →