1941
Mutter Courage und ihre Kinder
Überblick↑
Bertolt Brechts Drama handelt von der Marketenderin Anna Fierling, genannt Mutter Courage. Es entstand 1938/39 im schwedischen Exil unter Mitarbeit von Margarete Steffin. Uraufgeführt wurde es am 19. April 1941 im Schauspielhaus Zürich, mit Therese Giehse in der Hauptrolle und unter der Regie von Leopold Lindtberg. Die Handlung spielt im Dreißigjährigen Krieg zwischen 1624 und 1636. Geschrieben war das Stück aber mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg. Es ist eine Warnung an die kleinen Leute, die hofften, mit dem Krieg ein Geschäft machen zu können. Und es ist eine Warnung an die skandinavischen Länder, deren Unternehmen auf Gewinne im Krieg spekulierten. Brecht wollte mehr als nur warnen. Er wollte Abscheu vor dem Krieg wecken und vor der Gesellschaft, die ihn aus seiner Sicht hervorbringt. Das Stück gilt als Hauptwerk des epischen Theaters. Heute ist es eine der meistgespielten Rollen des deutschsprachigen Bühnenrepertoires.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Frühjahr 1624 zieht die Marketenderin Anna Fierling, von allen Mutter Courage genannt, mit ihrem Planwagen und ihren drei halbwüchsigen Kindern hinter den Heeren des Dreißigjährigen Krieges her. Sie verkauft den Soldaten Schnaps, Stiefel, Schnallen, Hemden – alles, was im Feldlager gebraucht wird. Krieg ist für sie nicht Schicksal, sondern Geschäftsgrundlage. Die beiden Söhne Eilif und Schweizerkas sowie die stumme Tochter Kattrin gehören ebenso zum Wagen wie die Ware. Courage glaubt, mit Witz, harter Hand und gutem Geschäftssinn alle drei sicher durch die Zeit bringen zu können.
Über zwölf Jahre und fast ein halbes Europa folgt das Stück ihrem Wagen: durch das schwedische Dalarna, durch Polen, Bayern, Italien, bis nach Mitteldeutschland. Jede Szene zeigt eine andere Station, einen anderen Feldzug, einen anderen Handel. Ihr ältester Sohn wird in der Soldaterei als Held gefeiert. Der jüngere wird Zahlmeister eines Regiments. Die Tochter sehnt sich nach Mann und Kindern und nach einem Leben jenseits der Heerstraße. Immer wieder treten Gestalten zu, die mit Courage ein Stück Wegs gehen: der Feldprediger, der zynisch-praktische Koch, die Lagerhure Yvette Pottier mit ihrem Lied vom Fraternisieren. Und immer wieder gerät Courage in den Konflikt zwischen Mutter und Händlerin. Wenn ein Kind in Gefahr ist, muss verhandelt werden. Und während verhandelt wird, vergeht Zeit. Wie weit ihr Geschäftssinn sie und ihre Kinder trägt, ist die Frage, die das Stück Szene für Szene neu stellt.
Die Handlung im Detail↑
Im Frühjahr 1624 hält ein Werber für das 2. finnische Regiment den Planwagen von Anna Fierling im schwedischen Dalarna an. Sie nennt sich Mutter Courage, seit sie unter Geschützfeuer fünfzig Brotlaibe in das belagerte Riga gefahren hat, um sie zu verkaufen, bevor sie verschimmelten. Auf dem Wagen sitzen ihre drei Kinder Eilif, Schweizerkas und die stumme Kattrin, alle von verschiedenen Vätern. Als Ausweis legt Courage ein Messbuch zum Gurkeneinwickeln, eine Karte von Mähren und eine Bescheinigung über ein seuchenfreies Pferd vor. Sie lässt den Feldwebel und die Kinder Lose ziehen, die allen den Tod im Krieg prophezeien – eine Warnung. Doch als der Feldwebel eine Schnalle kaufen will, lässt sie sich auf das Geschäft ein. Sie überhört die Warnlaute Kattrins, und als sie zurückkehrt, ist der Werber mit Eilif fort.
In den Jahren 1625 und 1626 zieht Courage im Tross der Schweden durch Polen. Während sie mit dem Koch des Feldhauptmanns um einen Kapaun feilscht, wird ihr Sohn Eilif drinnen für eine Heldentat ausgezeichnet: Er hat einer Übermacht bewaffneter Bauern Vieh abgejagt. Als Courage davon hört, ohrfeigt sie ihn, weil er sich nicht ergeben hat; sie fürchtet seine Kühnheit. Die Doppelszene zeigt Küche und Feldhauptmannszelt nebeneinander.
Drei Jahre später handelt Courage mit dem Zeugmeister eines finnischen Regiments um Gewehrkugeln. Ihr jüngerer Sohn Schweizerkas ist Zahlmeister geworden. Sie lernt die Lagerhure Yvette Pottier kennen, die ihr Lied vom Fraternisieren singt und von ihrer Geschlechtskrankheit erzählt; sie sei einst von einem Koch namens „Pfeifen-Pieter“ verlassen worden. Koch und Feldprediger streiten über den Krieg: Der Feldprediger nennt es einen Glaubenskrieg, der Koch sagt, dieser Krieg unterscheide sich von keinem anderen – er bringe den Herren Gewinn, den Leuten Tod. Plötzlich überfallen die Katholiken das Lager. Courage beschmiert Kattrin das Gesicht mit Asche, nimmt die Regimentsfahne vom Wagen und rät Schweizerkas, die Kasse wegzuwerfen. Doch er versteckt sie in einem Maulwurfsloch am Fluss. Polnische Spione sehen seinen seltsam vorstehenden Bauch und verhaften ihn. Yvette hat einen alten Oberst gefunden, der bereit ist, den Wagen zu kaufen, damit Schweizerkas freigekauft werden kann. Courage will den Wagen nur verpfänden, weil sie heimlich auf das Geld in der Regimentskasse hofft, und feilscht zu lange um die Auslösesumme. Schweizerkas wird erschossen. Als man die Leiche bringt, verleugnet Courage ihren Sohn, um nicht selbst entdeckt zu werden.
Vor einem Rittmeister will sie sich beschweren, weil Soldaten bei der Suche nach der Kasse ihre Ware zerstört haben. Auch ein junger Landsknecht ist mit einer Beschwerde unterwegs. Doch Courage singt das Lied von der großen Kapitulation, das tiefe Resignation und das Sichbeugen vor den Mächtigen ausdrückt; beide verzichten auf den Gang zum Rittmeister. Der Refrain – „Der Mensch denkt: Gott lenkt“, durch einen Doppelpunkt verfremdet – wendet sich von Religion und Kriegsideologie ab.
1631 siegt Tilly bei Magdeburg. Courage schenkt in einem zerschossenen Dorf Schnaps aus. Als der Feldprediger Leinen zum Verbinden verwundeter Bauern verlangt, weigert sie sich; erst Kattrin und der Feldprediger zwingen sie zur Hilfe. Kattrin rettet unter Lebensgefahr einen Säugling aus einem einsturzgefährdeten Bauernhof.
1632 wohnt Courage vor Ingolstadt dem Begräbnis Tillys bei und fürchtet, der Krieg ende bald; der Feldprediger beruhigt sie. Sie schickt Kattrin in die Stadt, um neue Waren zu holen. Während Kattrin unterwegs ist, weist Courage den Feldprediger zurück, der mehr als eine Wohngemeinschaft will. Kattrin kommt mit einer entstellenden Stirnwunde zurück – sie wurde überfallen, hat aber die Waren festgehalten. Courage schenkt ihr zum Trost Yvettes Schuhe, doch Kattrin weiß, dass sich nun kein Mann mehr für sie interessieren wird. Aus dem Wagen belauscht sie, wie Courage dem Feldprediger sagt, das Versprechen vom Mann und den Kindern, das sie der Tochter für den Frieden gegeben habe, sei nun hinfällig. Am Ende der Szene entfährt es Courage: „Der Krieg soll verflucht sein.“
Doch gleich darauf, im siebten Bild, sagt sie: „Ich laß mir von euch den Krieg nicht madig machen.“ Auf dem Höhepunkt ihrer geschäftlichen Laufbahn zieht sie mit Kattrin und dem Feldprediger über die Landstraße und rechtfertigt im Lied ihr Wanderleben als Marketenderin.
Im achten Bild fällt Schwedenkönig Gustav Adolf bei Lützen. Überall läuten die Glocken, das Gerücht des Friedens verbreitet sich. Der Koch taucht wieder auf, der Feldprediger zieht sein geistliches Gewand wieder an. Courage klagt, sie sei ruiniert, weil sie auf Rat des Feldpredigers kurz vor Kriegsende noch eingekauft habe. Zwischen Koch und Feldprediger kommt es zum Streit; Courage verflucht den Frieden und wird vom Feldprediger als „Hyäne des Schlachtfeldes“ bezeichnet. Yvette, inzwischen Witwe eines Obristen, älter und dicker, erkennt im Koch jenen „Pfeifen-Pieter“, der sie einst verließ. Courage fährt mit Yvette in die Stadt, um schnell noch Waren zu verkaufen. Während sie fort ist, wird Eilif vorgeführt: Er hat weiter geraubt und gemordet, ohne zu bemerken, dass das nun, im Frieden, als Verbrechen gilt. Er soll hingerichtet werden. Das geplante letzte Gespräch mit der Mutter findet nicht statt, weil sie nicht da ist. Kurz nach seinem Abgang kehrt Courage zurück; sie hat nichts verkauft, weil schon wieder Kampfhandlungen gemeldet sind – der Krieg geht weiter. Der Koch verschweigt ihr Eilifs Hinrichtung. Statt des Feldpredigers nimmt sie nun den Koch als Gehilfen mit.
1634, der Krieg dauert sechzehn Jahre, die Hälfte der Einwohner Deutschlands ist umgekommen, das Land verwüstet. Im Fichtelgebirge versuchen Courage und der Koch zu betteln. Der Koch erzählt, seine Mutter sei in Utrecht an der Cholera gestorben; er habe eine kleine Wirtschaft geerbt und wolle dorthin ziehen – aber ohne Kattrin, deren entstelltes Gesicht die Gäste vertreiben würde. Courage scheint zunächst einverstanden, ändert dann ihre Meinung. Kattrin hat das Gespräch mitgehört und will heimlich davonlaufen; Courage hält sie gerade noch auf. Mutter und Tochter ziehen allein weiter, der Koch bleibt verdutzt zurück.
1635 ziehen Mutter Courage und Kattrin den zerlumpten Heeren über die Landstraßen Mitteldeutschlands nach. An einem Bauernhaus hören sie eine Stimme, die von der Sicherheit der Menschen unter einem heilen Dach singt – „Uns hat ein Ros ergetzet“. Sie halten ein, hören zu und ziehen kommentarlos weiter.
Im Januar 1636 bedrohen kaiserliche Truppen die Stadt Halle. Courage ist in der Stadt, um einzukaufen, der Wagen mit Kattrin steht auf einem Bauernhof davor. Ein Fähnrich dringt mit zwei Landsknechten ein und zwingt den Bauern, ihnen den Weg in die Stadt zu zeigen; die Bewohner sollen überrascht werden. Als Kattrin von der Gefahr hört, nimmt sie eine Trommel, steigt aufs Dach, zieht die Leiter hinter sich hoch und schlägt Lärm, um die Stadt zu wecken. Keine Drohung hält sie ab. Die Soldaten zwingen den Bauern, mit Axtschlägen den Trommelklang zu übertönen; als auch das nicht hilft, wird Kattrin vom Dach geschossen. Sie hat die Stadt gerettet – ihre Mutter hat es nicht mitbekommen.
Stil↑
Das Drama Mutter Courage gilt als Hauptbeispiel für Brechts episches Theater. Anders als im klassischen Drama soll der Zuschauer nicht mitleiden und sich mit einer Heldin identifizieren. Er soll Distanz halten und kritisch beobachten, was auf der Bühne geschieht. Brecht zerlegt die Geschichte deshalb in zwölf in sich abgeschlossene Bilder, die einzelne Stationen aus zwölf Kriegsjahren herausgreifen. Vorangestellte Jahreszahlen und Ortsangaben informieren das Publikum vorab, was geschehen wird. Das nimmt der Handlung die Spannung des „Wie geht es aus?“ und richtet den Blick auf das „Warum“.
Die Sprache mischt derben Soldatenton, Marktgeschrei und ruhige Reflexion. Eingestreute Lieder unterbrechen die Szenen, kommentieren das Geschehen und schaffen Abstand: das Lied der Mutter Courage, das Lied vom Fraternisieren, das Lied von der großen Kapitulation, das Horenlied. Der durch einen Doppelpunkt verfremdete Refrain „Der Mensch denkt: Gott lenkt“ zeigt im Kleinen, wie Brecht vertraute Wendungen aufbricht, um den Zuschauer zum Mitdenken zu zwingen. Doppelszenen zeigen zwei Schauplätze gleichzeitig, etwa Küche und Feldhauptmannszelt im zweiten Bild. So kann das Publikum zwei Wahrheiten gegeneinanderhalten. Der historische Stoff des Dreißigjährigen Krieges ist dabei doppelt gemeint: als ferne Chronik und als Spiegel des Zweiten Weltkriegs.
Rezeption↑
Nach der Züricher Uraufführung 1941 wurde Mutter Courage und ihre Kinder zu einem der größten Bühnenerfolge des deutschsprachigen Theaters. Brecht machte später die Berliner Inszenierung seines Berliner Ensembles zeitweise zur verpflichtenden Vorlage für Aufführungen weltweit: das sogenannte „Couragemodell“ aus Fotos, Regieanweisungen und Kommentaren. Die DEFA verfilmte das Stück im Stil dieser Berliner Inszenierung. Mehrere Komponisten vertonten Teile des Textes.
Im Kalten Krieg boykottierten Theater in einigen westlichen Ländern das Stück. Gleichzeitig setzte es sich auf nahezu jedem deutschen Stadttheater durch. Renommierte Regisseure haben sich immer wieder daran versucht, darunter Peter Zadek 2003 mit Angela Winkler am Deutschen Theater und Claus Peymann 2005 mit Carmen-Maja Antoni am Berliner Ensemble. Für viele Schauspielerinnen ist die Courage eine Paraderolle. Das Drama ist bis heute fester Bestandteil des Schulkanons.
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